Kommentar zum Amokprozess Enttäuschte Erwartungen

Von  

Der Gerichtssaal ist in diesem Fall der falsche Ort gewesen, um Trauer und Schmerz zu lindern. Allerdings ist der Richterspruch eine Warnung an alle Waffenbesitzer. Ein Kommentar von StZ-Gerichtsreporter Oliver im Masche.

Brenndende Kerzen am Tag des Massakers in Winnenden. Foto: dpa 13 Bilder
Brenndende Kerzen am Tag des Massakers in Winnenden.Foto: dpa

Winnenden/Wendlingen - Schon die schlampige Aufbewahrung von Pistolen und Munition kann dazu führen, dass der Waffenbesitzer zur Mitverantwortung gezogen wird, wenn Dritte damit ein Verbrechen begehen. Das ist das Fazit, das aus dem erneuten Urteil im Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen zu ziehen ist. Zwar konnte der passionierte Sportschütze nicht vorhersehen, dass sein Sohn ein Massaker anrichten würde, der Amoklauf wäre aber nicht möglich gewesen, wenn der Vater des Täters die Beretta und die Munition ordnungsgemäß und getrennt voneinander weggeschlossen hätte. Denn wie sonst hätte ein 17-Jähriger an die Waffe und die Patronen kommen können?

Laxer Umgang mit eindeutigen gesetzlichen Regelungen

Der laxe Umgang mit den – schon vor dem Amoklauf – eindeutigen gesetzlichen Bestimmungen ermöglichte es Tim K., seine Gewaltfantasien in die Tat umzusetzen. Diese Vorschriften sollen eigentlich schon seit Jahren verhindern, dass Unberechtigte an Waffen gelangen und womöglich von ihnen Gebrauch machen. Mit seinem Verstoß gegen das Waffengesetz trifft den Vater von Tim K. eine Mitschuld am Amoklauf.

Um es noch einmal zu sagen: Der Mann konnte die Tat nicht vorhersehen. Und sicherlich hat er im Wissen um die psychischen Probleme seines Sohnes einiges getan, um diesem zu helfen. Dazu aber ausgerechnet einen Schießstand zu besuchen, um dem Jungen den Umgang mit echten Waffen beizubringen, ist schon für sich fragwürdig. Im Fall von Tim K. endete der untaugliche Erziehungsversuch tragisch.

Kluft zwischen Vater und Nebenklägern ist zu tief

Nun haben die Richter erneut Recht gesprochen, doch die Kluft zwischen dem Vater und den Nebenklägern ist so tief, dass ein Rechtsfrieden nicht mehr möglich erscheint. Zu tief sitzt bei den Angehörigen der Opfer die Enttäuschung, dass der 54-Jährige den Prozess teilnahmslos und stumm mitverfolgt hat. Die dürren Bekundungen des Mitgefühls in seinem Schlusswort klangen unbeholfen. Entweder konnte der Vater angesichts seines eigenen tiefen Schmerzes nicht mehr sagen – oder er wollte es aus prozesstaktischen Überlegungen heraus nicht.

Der Versuch einer Aufarbeitung und möglicherweise einer Vergebung ist gescheitert. Der Gerichtssaal ist in diesem Fall der falsche Ort gewesen, um Brücken zwischen dem Vater und den Angehörigen der Opfer zu schlagen – der Strafprozess nicht geeignet, Trauerarbeit zu leisten.

  Artikel teilen
5 KommentareKommentar schreiben

Enttäuschte Erwartungen: Die Überschrift ist irritierend - wieso denn enttäuschend - Der Beklagte ist in Revision gegangen, weil er ein milderes Urteil erwartet hat - was hat die Nebenklage denn erwartet/erhofft - die Todesstrafe, das der Beklagte sich auf Knien entschuldigt. Diese arme Familie ist genug gestraft - und dank diesem Urteil, können jetzt alle Eltern, die ein Auto heim haben, und den Ersatzschlüssel rumliegen, nur hoffen und beten, dass der Nachwuchs sich normal entwickelt und niemals etwas passiert - denn jetzt sind wir bei der Sippenhaftung angekommen. Die Nebenkläger/Eltern sollten sich vielleicht auch mal fragen, was die an des Vaters Stelle getan hätten. Ich finde diese Arroganz der Nebenkläger-Anwälte unerträglich.

Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit...: @ Christian: Volle Zustimmung. Bei allem Verständnis für das Leid der betroffenen Eltern - man möge sich doch bitte mal die Situation in einer typischen Familie vorstellen: Dort wissen die heranwachsenden Kinder, welche Schlüssel wo liegen. Tim K. hätte also vermutlich ohne Mühe Waffen und Munition an sich bringen können - auch, wenn alles ordentlich weggeschlossen gewesen wäre. Und eine grundsätzliche Frage sei ebenfalls erlaubt: Was nützt mir die Waffe im Waffenschrank, wenn der Einbrecher an meinem Bett steht?

Kluft: .....Die dürren Bekundungen des Mitgefühls in seinem Schlusswort klangen unbeholfen......... Warum hat er überhaupt den Mund aufgemacht. Er hätte doch wissen müssen, daß die Nebenkläger nichts von ihm akzeptieren. Wenn meine Erinnerung nicht ganz täuscht, hat er schon ziemlich früh - noch vor dem Prozess - eine schriftliche Entschuldigung abgegeben, aber die wurde einfach zerpflückt und als nicht ehrlich gemeint abgetan. Mir jedenfalls hätte in so einer schwierigen Situation dieses Erlebnis ein für allemal gereicht. Im übrigen kann man nur hoffen, daß er jetzt so weit ist, daß er sich selber vor neuen Prozessen schützen will und sich von seinen Anwälten nicht noch einmal zu einer Revision übereden läßt.

vergeben ?: Wie soll man da vergeben... Nahezu alle Amokläufe in Deutschland - ob es Erfurt war oder Winnenden und weitere - haben den geichen Hintergrund... 'Schützenverein'... 'Sportschützen' und verhaltensgestörte Menschen, die auf die hierdurch gebotene Möglichkeiten Zugriff haben. Unsere Kinder müssen durch restriktive Maßnahmen in diesem Bereich wirkungsvoll vor solchen 'Menschen' geschützt werden. Mehr kann man dazu einfach nicht mehr sagen...

... der seltsame Zwang einen Schuldigen zu kreuzigen.: Der irre Tim hat größtes Leid in viele Familien gebracht. Seine eigene Familie gehört dazu. Dass der Vater eine Mitschuld hat, ist unstrittig. Der Drang einen Schuldigen für diese Katastrophe zu finden, ist sehr menschlich und doch muß weiter und umfassender gedacht werden. Wer christlichen Werten folgt, sollte versuchen sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer christliche Werte lebt, sollte bei aller Bitternis dem Mann seine Schuld vergeben . Es wird kaum einen anderen Weg zum eigenen Seelenfrieden geben.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.