Kommentar zum Grünen-Parteitag Die Partei muss liefern

Barbara Thurner-Fromm, 03.09.2012 07:15 Uhr

Stuttgart - Man sollte deshalb nicht allzu wichtig nehmen, mit welch staatstragenden Worten die Parteispitze der Grünen die Entscheidung zur Urwahl ihrer Spitzenkandidaten begleitet. Für die Grünen mag die Basisbefragung einen kurzfristigen Adrenalinschub bewirken. Außerhalb der Partei dürften sich für das ganze Thema nur wenige interessieren.

Tatsache ist: Es ist eine Verlegenheitslösung, hinter der mehr persönliche Karriereinteressen und innerparteiliche Querschüsse – auch aus Tübingen, wo Oberbürgermeister Boris Palmers Radius wohl zu klein geworden ist – stecken, als der politische Wille, die klügsten und sympathischsten Personen nach vorne zu stellen.

Tatsache ist auch, dass der innerparteilichen Gleichstellung von Männern und Frauen nicht gedient ist, wenn mit Claudia Roth, Renate Künast und Katrin Göring-Eckardt gleich drei Frauen um einen Spitzenjob ringen. Denn zwei von ihnen werden verlieren, und auch die Siegerin wird nicht strahlend dastehen, weil sie die Stimmen mit den anderen teilen muss.

Trittin ist derzeit der führende Kopf der Grünen

Und so kann eigentlich am Ende eigentlich nur herauskommen, was jetzt schon gilt: Jürgen Trittin ist derzeit der führende Kopf der Grünen. Das mag all denen missfallen, die sich noch gut an seine linksradikalen Parolen oder sein flegelhaftes Benehmen erinnern. Davon, das müssen aber auch seine Kritiker einräumen, ist wenig geblieben. Trittin hat sich während seiner Karriere im Bundestag nicht nur inhaltlich auf die politische Mitte zubewegt. Er hat an sich und seinem politischen Profil gearbeitet und sich dabei zum finanz- und europapolitischen Oppositionsführer gemausert.

Während bei der SPD jedes Mal aufs Neue fein austariert werden muss, welches der drei sozialdemokratischen Alphatiere Angela Merkel in den entscheidenden Euro-Debatten Paroli bieten darf, kommt bei den Grünen an Jürgen Trittin niemand vorbei. Ihm ist die Aufmerksamkeit im Parlament sicher; und auch wenn er an die „Rampensau“ Joschka Fischer nicht heranreicht, ist er der einzige, der für seine Partei auch größere Säle zu füllen vermag. Insofern hatte Winfried Kretschmann Recht mit seiner Forderung, allein Trittin als Nummer Eins herauszustellen. Man hätte die Gleichberechtigung der Frauen ja durchaus auch mit einem starken Team daneben deutlich machen können. Doch wie oft zuvor war Kretschmann auch hier in seiner Partei ein einsamer Rufer.

Die Grünen haben in der Energiepolitik die Kernkompetenz

Personen, die Kompetenz vermitteln und Sympathie wecken, sind gewiss wichtig. Über Erfolg oder Misserfolg der Grünen bei der Bundestagswahl entscheidet aber anderes. Die Menschen treibt die Sorge um, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Wird die Euro-Krise bewältigt oder überwältigt sie Europa und den deutschen Bundeshaushalt? Und wie soll die Energiewende, für die die Grünen so sehr gekämpft haben, konkret aussehen? Schon drohen die Stromkosten zum neuen sozialen Problem zu werden. Wie ehrlich sagt man den Bürgern, dass die Energiewende auch Unangenehmes – etwa neue Überlandleitungen – mit sich bringt? Und wie kann man auf dem Weg hin zu einer grünen Ökonomie verhindern, dass es in traditionellen Branchen und Berufen viele Verlierer gibt?

Auf diese Fragen müssen die Grünen gute Antworten liefern. Denn in den Augen der Wähler haben sie hier ihre Kernkompetenz. Nur wenn die Menschen ihnen das Versprechen abnehmen, dass man mit grüner Wirtschaft schwarze Zahlen schreiben kann, werden sie sie wählen. Und wenn die Bürger den Eindruck haben, mit ihrer Wahl auch Politik gestalten zu können. Das heißt: wichtig ist eine Machtoption. Rot-Rot-Grün lehnt Parteichef Cem Özdemir ab. Was also dann? Auch darauf sind die Grünen noch eine Antwort schuldig.