Kommentar zum Pferdefleisch-Skandal Lücken in der Überwachung

Von Bernhard Walker 

Der Pferdefleisch-Skandal zeigt die Gefahren, die durch eine weltweit agierende Lebensmittel-Industrie entstehen. Die Kontrollen funktionieren zwar, meint der StZ-Mitarbeiter Bernhard Walker. Doch es fehlt ein Frühwarnsystem.

Die Labore sind nach dem jüngsten Lebensmittelskandal mit Arbeit ausgelastet. Foto: dpa
Die Labore sind nach dem jüngsten Lebensmittelskandal mit Arbeit ausgelastet.Foto: dpa

Berlin - Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Und deshalb ist fast schon in Vergessenheit geraten, dass im Herbst 2012 mehr als 11 000 Schüler an schwerem Brechdurchfall erkrankten, nachdem sie chinesische Tiefkühl-Erdbeeren gegessen hatten. Und der spektakuläre Erdbeeren-Fall stellt keine Ausnahme dar. Die Ehec-Epidemie im Jahr 2011 ging auf belastete Bockshornkleesamen zurück, die ein niedersächsischer Sprossenzüchter aus Ägypten bezogen hatte. Nach Ehec und den Erdbeeren sorgt jetzt der sogenannte Pferdefleischskandal für Furore, der in Irland und Großbritannien seinen Ausgang nahm. Dabei zeigt sich erneut, wie sehr die Erzeugung konventioneller Lebensmittel eine riesige, weltweit verflochtene Industriebranche geworden ist, die Millionen Tonnen an Warenströmen rund um den Erdball bewegt.

Damit gehen für die Verbraucher zwei Gefahren einher: die Gefahr, dass sich verdorbene Ware in Windeseile weit verbreitet (chinesische Beeren, Ehec) sowie die Gefahr, dass wie im Fall des als Rindfleisch deklarierten Pferdefleischs Betrüger die Kunden täuschen. Angesichts des neuerlichen Skandals mag nun viele Verbraucher die Sorge beschleichen, dass die Kontrollbehörden überfordert oder unfähig sind. Doch davon kann keine Rede sein. Beim BSE-Skandal des Jahres 2000 hatte die staatliche Überwachung zwar noch alle Mühe herauszufinden, wer wie viel verseuchtes Fleisch an wen geliefert hat. Doch inzwischen ist die sogenannte Rückverfolgbarkeit sichergestellt. Allerdings reicht dieser Fortschritt nicht aus.

Von vorbeugendem System weit entfernt

So fehlt der Überwachung ein Frühwarnsystem, das Auffälligkeiten vorbeugend erfasst und dann daran geht, mögliche Gefahren oder Betrügereien aufzuspüren. Dass Pferdefleisch billiger ist als Rind, war jedenfalls in der Fachwelt bekannt. Wenn sich nun zeigt, dass plötzlich viel mehr Pferde geschlachtet und gehandelt werden, müsste also eine Alarmlampe aufleuchten – eine Lampe, die die Mitarbeiter der Überwachungsbehörden veranlasst, genau hinzuschauen, was sich an dieser Stelle tut.

Doch von einem vorbeugenden System sind die EU wie die Bundesrepublik weit entfernt. Vielmehr bricht in Deutschland bei jedem Lebensmittelskandal die sinnlose Debatte über die Zuständigkeiten auf. Die sind aber nun mal im Grundgesetz klar geregelt. Lebensmittelüberwachung ist Ländersache, und die Länder haben nicht die Absicht, sie abzugeben. Also müssen die Länder ihrer Verantwortung nachkommen und sie müssen gemeinsam mit dem Bund und der Brüssler EU-Kommission ein vorbeugendes System entwickeln.

Die Macht des Kunden

Leider hakt es jedoch in puncto Verantwortung. So geriert sich der Düsseldorfer Minister Johannes Remmel (Grüne) gern als Ober-Verbraucherschützer. Eine Eingreiftruppe, die bei Verdacht auf Missstände im Lebensmittelsektor sofort aktiv wird, hat allerdings nicht Nordrhein-Westfalen, sondern Bayern. Und nicht NRW, sondern die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg hat mehr Stellen für Kontrolleure geschaffen.

Dass Kontrolle und Betrugsbekämpfung staatliche Aufgaben sind, steht fest. Zum Glück hat in einer Marktwirtschaft aber auch der Kunde Macht – die Macht, sich für oder gegen ein Produkt zu entscheiden. Der konventionellen Lebensmittelindustrie geht es einzig und allein um den Preis. Und sie wird ihre Billig-Strategie erst ändern, wenn mehr Verbraucher wieder entdecken, was früher selbstverständlich war: Es ist vergnüglich, gesund und erschwinglich, mit saisonalen und regionalen Waren selbst zu kochen. Unseren Müttern und Großmüttern wäre es als Irrsinn erschienen, aus Fernost Erdbeeren in ein Land einzuführen, in dem Erdbeeren und anderes gutes Obst wachsen. Und damit hätten unsere Großmütter und Mütter zweifellos recht gehabt.

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5 KommentareKommentar schreiben

Lob für Minister Bonde nicht angebracht: Minister Remmel hat sofort untersuchen lassen und die Verbraucher informiert statt auf Aschermittwochstreffen zu sitzen. Die Aufstockung der Stellen der Lebensmittelüberwachung wurde unter Minister a.D. Hauk in Gang gesetzt. Minister Bonde macht nur das, was schon in der Schublade liegt. Und des Ministers Kommentar auf twitter zeigt wie weit er von den Verbrauchern weg ist.

der verbraucher: trägt einen großen teil der schuld an dem ganzen. würde er nicht alles bedenkenlos in sich reinfressen, sondern ab und zu sein hirn einschalten, würde viel weniger passieren.

Um was es wirklich geht: Jetzt kommt die Katze aus dem Sack! Wir brauchen unbedingt! Ein 'Schnellwarnsystem für Verbrauchertäuschung' Also eine weitere Überwachungsbehörde, weitere Instanz, weitere Fresser die nichts produzieren außer Frust und Kosten. Das wird wie bereits bestens erprobt eingeführt in folgenden Schritten. 1. Aus eine Mücke einen Elefanten aufblasen 2. Im Mückengehirn einen gefährlichen Stoff (oh Gott Chemikalie!) finden 3. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen ohne die Dosis zu berücksichtigen tagelang über die Gefährlichkeit dieses Stoffes spekulieren 4. Experten untersuchen nun alles auf diesen Stoff 5. Alle sind in solche Angst und Panik versetzt und finden es gut dass endlich was gegen solche flächendeckende Volksvergiftung vorgegangen wird. 6. Alle finden es gut eine solche weitere Behörde zu bezahlen. 7. Gewonnen, Behörde einrichten und mit immer mehr Kompetenz (Überwachungsrechten) ausstatten, alle Pferde brauche eine Ohrmarke nebst Papieren. 8. Der nächste Schritt zur globalen Überwachung und zum Bürokratismus ist getan. 9. Gras über die Sache wachsen lassen und neuen „Skandal“ vorbereiten 10. Beginne bei Punkt 1.

Lebensmittel-Industrie: Wer in der Lebensmittel-Industrie solche Straftaten vollbringt sollte nicht nur bestraft werden,nein es muß ihn mit aller Härte treffen. Die Betriebe gehören ihnen weggenommen und neue Bewirtschafter müssten eingesetzt werden.Das Vermögen der alten Betreiber dem Staat zugeführt werden für soziale Angelegenheiten . Anders kann man dieses Nahrungsmittel Hersteller Gesindel nicht treffen . Wenn es an ihr Geld geht wird diese Glientel auch klein. Man sollte sie wie früher an den Pranger stellen.

billige Lebensmittel: Guten Tag, es klingt immer wieder an der Verbraucher sei Schuld an den Lebensmittelskandalen, weil er alles so billig will. (Bin übrigens weniger betroffen, da ich sowas nicht kaufe, höchstens mal Burger Maultaschen oder eine Tiefkühlpizza - das lasse ich bald auch sein.) Der Käufer soll das lenken? Iphones in China gefertigt, würde bei dem Preis auch in den USA mit gutem Profit gehen. Bei uns 3 Tschibo Unterhosen für 9,99€. Triumpf kaufen, die wohl in der gleichen Fabrik fertigen lassen? Da können einige der Hals nicht voll genug kriegen. Soll doch einfach ein Stück Fleisch teuer sein. Der Sonntagsbraten heist so, weil man sich den nur am Sonntag leisten konnte. Kein Problem, man muss nicht so viel Fleisch essen. Mit einem höheren Preis würde man die kriminellen Machenschaften der Lebensmittelindustrie nicht abschaffen, die würden ihren Profit steigern! Warum gibt es eigentlich so viele Tafeln in Deutschland bei den zu billigen Lebensmitteln? Da läuft was total schief. Lebensmittelindustrie darf wegen Preisdruck kriminell werden? Da kann man auch jedem Armen einen Banküberfall zugestehen. HD Bertsch

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