Kommentar zum Pferdefleisch-Skandal Lücken in der Überwachung

Bernhard Walker, 15.02.2013 17:27 Uhr

Berlin - Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Und deshalb ist fast schon in Vergessenheit geraten, dass im Herbst 2012 mehr als 11 000 Schüler an schwerem Brechdurchfall erkrankten, nachdem sie chinesische Tiefkühl-Erdbeeren gegessen hatten. Und der spektakuläre Erdbeeren-Fall stellt keine Ausnahme dar. Die Ehec-Epidemie im Jahr 2011 ging auf belastete Bockshornkleesamen zurück, die ein niedersächsischer Sprossenzüchter aus Ägypten bezogen hatte. Nach Ehec und den Erdbeeren sorgt jetzt der sogenannte Pferdefleischskandal für Furore, der in Irland und Großbritannien seinen Ausgang nahm. Dabei zeigt sich erneut, wie sehr die Erzeugung konventioneller Lebensmittel eine riesige, weltweit verflochtene Industriebranche geworden ist, die Millionen Tonnen an Warenströmen rund um den Erdball bewegt.

Damit gehen für die Verbraucher zwei Gefahren einher: die Gefahr, dass sich verdorbene Ware in Windeseile weit verbreitet (chinesische Beeren, Ehec) sowie die Gefahr, dass wie im Fall des als Rindfleisch deklarierten Pferdefleischs Betrüger die Kunden täuschen. Angesichts des neuerlichen Skandals mag nun viele Verbraucher die Sorge beschleichen, dass die Kontrollbehörden überfordert oder unfähig sind. Doch davon kann keine Rede sein. Beim BSE-Skandal des Jahres 2000 hatte die staatliche Überwachung zwar noch alle Mühe herauszufinden, wer wie viel verseuchtes Fleisch an wen geliefert hat. Doch inzwischen ist die sogenannte Rückverfolgbarkeit sichergestellt. Allerdings reicht dieser Fortschritt nicht aus.

Von vorbeugendem System weit entfernt

So fehlt der Überwachung ein Frühwarnsystem, das Auffälligkeiten vorbeugend erfasst und dann daran geht, mögliche Gefahren oder Betrügereien aufzuspüren. Dass Pferdefleisch billiger ist als Rind, war jedenfalls in der Fachwelt bekannt. Wenn sich nun zeigt, dass plötzlich viel mehr Pferde geschlachtet und gehandelt werden, müsste also eine Alarmlampe aufleuchten – eine Lampe, die die Mitarbeiter der Überwachungsbehörden veranlasst, genau hinzuschauen, was sich an dieser Stelle tut.

Doch von einem vorbeugenden System sind die EU wie die Bundesrepublik weit entfernt. Vielmehr bricht in Deutschland bei jedem Lebensmittelskandal die sinnlose Debatte über die Zuständigkeiten auf. Die sind aber nun mal im Grundgesetz klar geregelt. Lebensmittelüberwachung ist Ländersache, und die Länder haben nicht die Absicht, sie abzugeben. Also müssen die Länder ihrer Verantwortung nachkommen und sie müssen gemeinsam mit dem Bund und der Brüssler EU-Kommission ein vorbeugendes System entwickeln.

Die Macht des Kunden

Leider hakt es jedoch in puncto Verantwortung. So geriert sich der Düsseldorfer Minister Johannes Remmel (Grüne) gern als Ober-Verbraucherschützer. Eine Eingreiftruppe, die bei Verdacht auf Missstände im Lebensmittelsektor sofort aktiv wird, hat allerdings nicht Nordrhein-Westfalen, sondern Bayern. Und nicht NRW, sondern die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg hat mehr Stellen für Kontrolleure geschaffen.

Dass Kontrolle und Betrugsbekämpfung staatliche Aufgaben sind, steht fest. Zum Glück hat in einer Marktwirtschaft aber auch der Kunde Macht – die Macht, sich für oder gegen ein Produkt zu entscheiden. Der konventionellen Lebensmittelindustrie geht es einzig und allein um den Preis. Und sie wird ihre Billig-Strategie erst ändern, wenn mehr Verbraucher wieder entdecken, was früher selbstverständlich war: Es ist vergnüglich, gesund und erschwinglich, mit saisonalen und regionalen Waren selbst zu kochen. Unseren Müttern und Großmüttern wäre es als Irrsinn erschienen, aus Fernost Erdbeeren in ein Land einzuführen, in dem Erdbeeren und anderes gutes Obst wachsen. Und damit hätten unsere Großmütter und Mütter zweifellos recht gehabt.