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Stuttgart - Warum läuft der Mensch? Warum sind an diesem Wochenende mehr als 18.000 Leute auf den Beinen - große und kleine, alte und junge, schnelle und langsame, coole und aufgeregte, dünne und weniger dünne -, um an einem der Stuttgarter-Zeitung-Läufe teilzunehmen? Was treibt die Menschen nur dazu, aus freien Stücken Kilometer um Kilometer durch die Welt zu rennen?
Filmfreunde wissen: Am Anfang war der Liebeskummer. Als Forrest Gump wieder einmal von seiner Jugendfreundin Jenny verlassen worden ist, die er doch seit je einfach nur heiraten will, weiß er nicht anders mit seinen Gefühlen umzugehen als mit einem Lauf, exakt einmal quer durch Amerika. Und als er sich zwischendurch mal umdreht, da hat er die Nachahmer schon hinter sich. So wird in Robert Zemeckis wunderbarem Filmmärchen von 1994 der naiv-gutherzige Antiheld mit der typischen Kappe auf dem Kopf zum Schöpfer des Joggings als Massenphänomen.
In Aktion und doch völlig entspannt
Bei aller Phantasterei steckt in dieser Geschichte ja ein wahrer Kern. Jeder, der gern läuft, kennt es, sucht gerade nach diesem wunderbaren Augenblick: Man hat sich aufgemacht, man ist losgelaufen, man hat den Körper in Bewegung gebracht. Der Puls hat die ideale Frequenz erreicht, der Kreislauf ist auf den Punkt aktiviert. Der Atem geht schneller und dennoch gleichmäßig. Die Beine und die Arme bewegen sich im Takt. In genau diesem Augenblick weiß man: Das ist es - mein Tempo. Man ist in Aktion und doch völlig entspannt. Liebeskummer, Kollegengezänk, Weltgetöse, Lebenskampf: was soll's? In diesem Modus könnte es jetzt unendlich lang weitergehen. Warum eigentlich nicht einmal quer durch Amerika?
Menschen, die dem Laufsport als Massenphänomen eher skeptisch oder gar spöttisch gegenüberstehen, glauben ja, das Wesentliche an einem Rennen sei das Ziel, insbesondere die Reihenfolge des Zieleinlaufs. Das ist insofern richtig, als aus pragmatischen Gründen jeder Lauf auch ein Ende haben sollte. Mit der scheinbaren Mühelosigkeit ist es nämlich früher oder später vorbei. Je nach körperlicher Verfassung kommt nach Kilometer fünf, zehn oder fünfzehn jener Punkt, an dem die Selbstverständlichkeit der Bewegung erlischt und es nun um den Einsatz der körperlichen Reserven geht. Hier macht sich das hoffentlich gute Training bezahlt. Vor allem aber ist der Kopf gefragt. Jetzt hilft nur ein Mix aus kluger Selbsteinschätzung und freiem Willen. Genau hier liegt die Magie der absurd krummen Laufstrecken namens Marathon oder Halbmarathon: Es ist ja eigentlich komisch, exakt 42,195 oder 21,0975 Kilometer auf eigenen Füßen zurückzulegen. Aber die Kraft unseres Willens beweist sich ja auch nicht bei dem, was ohnehin selbstverständlich ist. Die Ausnahme ist unser Testfall.
Das Ereignis tut der Stadt gut
Ach ja, und die Reihenfolge des Zieleinlaufs? Für die ersten Hundert zweifellos von großem Interesse. Aber ob am Sonntagmittag der Bosch-Mechatroniker, die Englisch-und-Erdkunde-Lehrerin, der Rathaussachbearbeiter und die Kaufhausverkäuferin, nur so zum Beispiel, unter der Zielfahne am Daimlerstadion mit ihren 1:42,36 oder 2:07,13 Stunden nun 3789. oder 4321. der Gesamtwertung geworden sind, ist eigentlich ohne Belang. Entscheidend ist in diesem Moment nur dieses Gefühl: Nicht zu fassen - ich hab es wirklich geschafft!
Das Gefühl, ganz bei sich zu sein - der Wille, ein Stück über sich selbst hinauszuwachsen - das Erlebnis, tatsächlich angekommen zu sein: sicher, all das lässt sich weniger anstrengend erreichen. Aber es lässt sich eben auch wunderbar erlaufen. Das wird einer der Gründe sein, warum alljährlich die Wochenenden beim Stuttgarter-Zeitung-Lauf so entspannt und fröhlich verlaufen. Ein Ereignis, das vielen Menschen und der Stadt gut tut. Manche sagen, Laufen sei eine Sucht. Ja, da ist was dran. Aber Laufen ist eben auch eine Wucht. Man kommt damit ganz erstaunlich voran.
