KommentarKommentar zum VfB Stuttgart Kein Platz für Naivitäten

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Der VfB Stuttgart wechselt den Trainer. Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst. Die Ein-Mann-Show des Sportdirektors Fredi Bobic muss ein Ende haben, meint der StZ-Sportchef Peter Stolterfoht.

Fredi Bobic ist einer der größten Verlierer auf dem Weg in den Tabellenkeller. Der VfB Stuttgart hat eine ganz schön verkorkste Saison hinter sich. Wir blicken in der Bildergalerie zurück. Foto: Baumann 38 Bilder
Fredi Bobic ist einer der größten Verlierer auf dem Weg in den Tabellenkeller. Der VfB Stuttgart hat eine ganz schön verkorkste Saison hinter sich. Wir blicken in der Bildergalerie zurück.Foto: Baumann

Stuttgart - Es war einmal ein Fußballverein, der hatte ganz tolle Ideen. So holte der nette Präsident zum Beispiel einen netten Trainer, der perfekt zum neuen Image passte: Der Coach hatte selbst im Verein gespielt und brachte unter anderem die Empfehlung mit, die eigenen B-Junioren gerade zur Meisterschaft geführt zu haben. Das vom Präsidenten für die Profimannschaft ausgegebene Jugendkonzept war also in den besten Händen. Nicht nur das. Die Fans sowie die Medien waren begeistert. Und so entwickelte der Trainer im harmonischen Miteinander eine junge Mannschaft, die erfrischenden Offensivfußball spielte und zum Stammgast in den europäischen Wettbewerben wurde. Und wenn sie nicht weggekauft sind, dann entzücken sie noch heute. So, das war das Märchen vom VfB Stuttgart.

Die Realität beim Stuttgarter Fußball-Bundesligisten sieht spätestens seit Sonntag komplett anders aus. Der Präsident Bernd Wahler stoppte das schon lange nicht mehr märchenhafte Projekt und entließ den Trainer Thomas Schneider. Der neue VfB-Vereinsrekord von acht Niederlagen nacheinander und dem Unentschieden gegen das Tabellenschlusslicht Eintracht Braunschweig obendrauf lässt diesen Schritt fast schon zu spät erscheinen.

Der absurde Plan mit Krassimir Balakov

Der VfB hat sich indes nicht nur von Thomas Schneider verabschiedet, sondern auch von dem Traum, eine besondere Erfolgsgeschichte zu schreiben: von einem Trainer und einem Team, die aus der eigenen Entwicklungsabteilung kommen und Stuttgart zum bundesweit beneideten Bundesliga-Standort machen.

Den VfB, der es nun mit dem Trainer Huub Stevens versucht, beneidet niemand mehr. Denn nicht nur die Mannschaft macht einen überforderten Eindruck, gleiches gilt auch für die Vereinsführung. Es ist schon ein äußerst fragwürdiges Krisenmanagement vom Sportvorstand Fredi Bobic, wenn ihm vor einer Woche keine bessere Alternative zu Thomas Schneider einfällt als der 2012 sang- und klanglos mit dem 1. FC Kaiserslautern abgestiegene Krassimir Balakov. Der absurd wirkende Plan, seinen alten Kumpel zu installieren, flog Bobic dann auch um die Ohren.

Fredi Bobic ist zurzeit der größte von vielen Verlierern beim VfB. Sein Balakov-Vorschlag und die Zusammenstellung eines möglicherweise nicht bundesligatauglichen Kaders haben seine vor der Saison noch so starke Position innerhalb des Vereins enorm geschwächt. Man solle seine Arbeit an dieser Mannschaft messen, hatte Bobic zu Rundenbeginn gesagt. Wenn man dies täte, bliebe Bernd Wahler nichts anderes übrig, als Fredi Bobic am Saisonende zu entlassen.

Man muss auch Bobic’ Verdienste sehen

In die Bewertung der Arbeit des Sportvorstands sollten aber auch die Verdienste einfließen, die sich Bobic um den VfB erworben hat. In der schwierigen Zeit unter dem umstrittenen Präsidenten Gerd Mäuser hat er den Verein innen zusammengehalten und nach außen gut vertreten. Ein ganzer Club durfte sich lange Zeit hinter Bobic verstecken. Doch eines ist jetzt klar: Die Ein-Mann-Show mit Fredi Bobic funktioniert nicht.

Jetzt müssen andere aus der Deckung kommen. Bernd Wahler zum Beispiel. Nun hat am Sonntag aber erneut Fredi Bobic im Namen des Clubs verkündet, dass Huub Stevens nur eine Zwischenlösung bis zum Saisonende sei und dass danach wieder der Stuttgarter Weg eingeschlagen werden würde – mit einem Trainer, der das jugendliche Anforderungsprofil erfüllt. Das hört sich naiv an. Denn sollte Stevens den Abstieg verhindern, wäre es nicht vermittelbar, ihn zum Dank vor die Tür zu setzen.

In diesem Zusammenhang sei an Felix Magath erinnert, der als Retter in der Not den VfB einst vor dem Abstieg bewahrte und danach ein junges Team entwickelte, das es bis in die Champions League schaffte. Märchenhaft und Realität zugleich.

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23 Kommentare Kommentar schreiben

@ Florian Spitzer: Sehr geehrter Herr Spitzer, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet muß ich Ihnen zustimmen. Das war für mich tatsächlich nicht ganz erkenntlich. Doch das betrifft leider in die gesamte Wohnungsbaupolitik in Stuttgart. Aber Danke für ihre Reaktion. Sie sind einer der wenigen Leser, welche einen guten Umgang mit Kommentaren haben. Also dann - irgendwann auf einen neuen Austausch ;-))

Klaus-Peter Lieberwirth, 10:13 Uhr: da haben Sie leider meine kleine Ironie bzgl. des "sich leisten können" nicht ganz erfasst, oder ich habe mich etwas unglücklich ausgedrückt. Ich habe mich auf die aus meiner Sicht völlig unnötige Luxussanierung in Teilen des Hallschlags bezogen. Um den Bezug zum Fussball wiederherzustellen, muss man sich die Namensliste der Herrschaften genauer ansehen, die auch bei vfb im Hintergrund die Strippen ziehen.Viele bekannte Namen, die einem auch beim Ausverkauf der Stadt an Investoren begegnen.

@Kurt Häffner: Hm. Den "Stuttgarter Weg" habe ich nicht erfunden. Ehrlich gesagt wusste ich mit dem Begriff noch nie so richtig was anzufangen. Aber er wird ja von Vereinsseite immer wieder dargelegt als "Konzept", dass es zu verfolgen gilt. Demnach sollen die Spieler in Zukunft verstärkt aus der eigenen Jugend kommen und "frischen, offensiven, modernen" Fußball spielen. Erfolgreich natürlich. Tatsächlich ist es so, dass ich die Idee gar nicht so schlecht finde. Deswegen fand ich auch gut, dass mit Thomas Schneider ein Trainer da war, der dieses Konzept ohne Wenn und Aber durchgezogen hätte. Ich mochte die Konsequenz und den Mut, mit der Schneider diesen Weg gegangen ist. Denn in gewissem Maße kann dieses Konzept mittelfristig auch zum Erfolg führen. Aber nun machen Bobic und der Vorstand mit Huub Stevens eben wieder eine Rolle rückwärts. Rein in die Pantoffeln, raus aus den Pantoffeln... Mal sehen, wohin das führt. Eines weiß ich aber gewiss: der VfB wird nie ein Verein sein, der seine Top-Spieler über einen langen Zeitraum wird halten können. Die Bayern können das (wenn sie es wollen). Aber auch Dortmund, Leverkusen oder Schalke können das nicht (siehe Götze, Lewandowski, Sam, Holtby, ...) Die Zeiten eines Hansi Müller, Karlheinz Förster oder Karl Allgöwer sind nunmal lange vorbei - was ich nebenbei sehr bedaure. Nicht allein wegen der Vereinstreue vieler Spieler. Es war alles unaufgeregter, nicht so hysterisch und es wurde nicht jeder talentierte Kicker schon mit 17 oder 18 Jahren zum nächsten Superstar erkoren. Aber trotzdem würde ich wetten, dass keiner dieser drei Herren so lange beim VfB geblieben wäre, hätte es damals schon die sportlichen und finanziellen Möglichkeiten gegeben, die den Spielern heute von ihren Beratern zur Auswahl vorgelegt werden. Deswegen kann ich nichts damit anfangen, wenn die Spieler aus den 70er oder 80er Jahren heute als so vorbildlich dargestellt werden. Es waren andere Zeiten und es blieb ihnen oft auch nichts anderes übrig, als jahrelang beim selben Verein zu bleiben.

Hoppla!: Kaum bewertet man die Personalie Fredi Bobic etwas differenzierter, gibt es Gegenwind. Danke trotzdem. Dennoch drei Anmerkungen dazu: 1. Die Sache mit Balakov und Soldo als Trainerteam ist für mich bislang immer noch "Hörensagen", nirgends belegt und deshalb auch nicht zu bewerten. (Das gleiche gilt für den Namen Fink) 2. Ich glaube man sollte sich davor hüten, einer Person die Alleinschuld zuzuschreiben. Vorstand, Trainerteam und nicht zuletzt die Spieler selbst tragen Verantwortung. Darum ging es mir mit der Bewertung von F.B. Und 3. Wer sagt eigentlich, dass ein Jugendkonzept nur mit einem jungen Trainer aus dem eigenen Stall funktionieren kann? Ich glaube Jupp Heynckes hat als 60-jähriger mehr Jungspieler entwickelt als alle Nachwuchstrainer zusammen.

Jugendarbeit wird überbewertet: @Andreas Stark: Was soll denn der ganze Mist mit dem "Stuttgarter Weg" und dem Jugendkonzept, mit dem man wieder in höhere Gefilde aufsteigen will? Glaubt denn wirklich jemand daran, dass das klappen könnte? Ich habe in den letzten zwei Spielzeiten außer Leno nicht einen einzigen Spieler aus der VfB Jugend gesehen, der verspricht, ein überdurchschnittlicher Bundesligaspieler zu werden, einschließlich Timo Werner, der nach meiner Meinung total überbewertet und neuerdings total überbezahlt wird. Außer einem bis zwei lichten Momenten vor vielen Wochen sehe ich da die ganze Zeit nicht viel. An welcher Tabellenposition befindet sich die A-Jugend? Zusammen mit vier anderen Mannschaften bildet der VfB da in der Gruppe Süd/Südwest die Verfolgergruppe von Hoffenheim. Bayern München befindet auf Platz 8 und wird die Talente der anderen bei Bedarf sofort wegkaufen. Wie wollen Sie denn aus der Jugendarbeit, egal welches Vereins, das Gerippe für eine zukünftige Bundesliga Spitzenmannschaft formen? Das geht nicht. Es ist heute noch nicht mal möglich, den Kern einer Spitzenmannschaft der zweiten Liga aus regionalen Talenten zu formen. Alles andere sind schwäbische Wunschträume. Wohin gingen Sie denn alle: Angefangen bei Geiger, Waldner, Sieloff, über Klinsmann, Kuranyi, Gomez, Khedira und nicht zuletzt Bobic - um nur die Bekanntesten zu nennen. Der letzte überragende Spieler, der lange Zeit beim VfB blieb, war Hansi Müller.

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