Kommentar zur Deutschen Bank Missglückter Neuanfang

Klaus Dieter Oehler, 18.12.2012 07:11 Uhr

Frankfurt - Jürgen Fitschen ist ein ehrbarer Kaufmann. Diesen Ruf hat er sich in den Jahrzehnten zu Recht erworben, in denen er als Vorstand der Deutschen Bank für das Firmenkundengeschäft zuständig war. Doch heute ist der gebürtige Niedersachse einer der beiden Chefs der größten deutschen Bank. Das ist eine große Herausforderung, und die Aufgabe erfordert deutlich mehr Fingerspitzengefühl.

An Beispielen dafür mangelt es nicht, seien es die „Peanuts“ von Hilmar Kopper, das Victory-Zeichen von Josef Ackermann oder der umstrittene Kommentar von Rolf Breuer zur Kreditwürdigkeit von Leo Kirch, der die Bank nun teuer zu stehen kommen wird – all das hätte Jürgen Fitschen warnen können. Doch in der ersten Affäre, die er als Co-Chef der Bank zu verantworten hat, tappt auch Fitschen in die Falle: der Anruf bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war ein Fehler.

Es ist schon zweifelhaft, ob es geschickt war, sich öffentlich über den Großeinsatz der Steuerfahndung zu beschweren, die seit Jahren gegen die Deutsche Bank wegen einer möglichen Umsatzsteuerhinterziehung ermittelt. Selbst die internen Kontrollen der Bank haben schließlich ergeben, dass in dieser Sache nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Über die Einzelheiten, über die Frage, was legal oder illegal gewesen ist, müssen die Ermittlungsbehörden und am Ende die Richter entscheiden. Das Bild aber, das der Deutsche-Bank-Chef durch seine öffentliche Empörung und die Beschwerde bei der Politik erweckt, verstärkt den Verdacht, dass die Bank durchaus versucht, etwas zu vertuschen. Dadurch schafft man kein Vertrauen.

Fortschritte sind nicht sichtbar

Doch Vertrauen ist das, was die Deutsche Bank derzeit am dringendsten benötigt. Die gesamte Bankbranche steht wegen der Fehlentwicklungen am Pranger, die zur aktuellen Finanzkrise geführt haben. Je mehr Einzelheiten zu Tage gefördert werden, desto mehr zeigt sich, dass das Misstrauen gegenüber der Branche gerechtfertigt ist. Das gilt auch für die Deutsche Bank, die sich zwar rühmt, ohne Staatshilfe durch die Krise gekommen zu sein, aber selbst daran gibt es inzwischen Zweifel. Und die Liste der Ermittlungsverfahren, mit denen sich Deutschlands größtes Geldhaus im In- und Ausland konfrontiert sieht, verstärkt diese Zweifel. Jürgen Fitschen und sein Co-Chef Anshu Jain haben zwar einen grundlegenden Kulturwandel angekündigt, aber die Fortschritte sind noch nicht sichtbar.

Im Gegenteil: die Hypothek, mit der Jain und Fitschen diesen Wandel beginnen müssen, ist noch größer geworden. Viele der Vorwürfe, mit denen sich die Bank auseinandersetzen muss, haben ihren Ursprung im Investmentbanking, dem Bereich, für den bisher Jain zuständig war. Nicht zuletzt deshalb hatte sich der Aufsichtsrat der Bank dazu entschlossen, dem Investmentbanker Jain den soliden Banker Fitschen an die Seite zu stellen.

Kontrollen der Bank müssen funktionieren

Der ebenfalls neue Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner ist nun gefordert. Er kennt die Branche, war selbst Investmentbanker und hat jahrelang die Finanzen des Versicherungsriesen Allianz verantwortet. Achleitner muss deutlich machen, dass die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter der Deutschen Bank ihre Arbeit verantwortungsvoll erledigt, dass nur einige wenige Banker die Grenzen überschritten haben.

Er muss dafür sorgen, dass die internen Kontrollen der Bank funktionieren. Und er muss sich fragen, ob der Neuanfang mit dieser Führungsspitze tatsächlich gelingen kann. Jürgen Fitschen, der von März an für das private deutsche Bankgewerbe sprechen soll, hat in wenigen Tagen viel von seinem Renommee verspielt. Sein Satz, dass nicht alles, was legal ist, auch legitim ist, klingt vor dem Hintergrund der Empörung über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hohl. Es ist die Aufgabe der Justiz, illegalen Machenschaften auf den Grund zu gehen – das gilt auch für die Deutsche Bank.