KommentarKommentar zur Gemeinschaftsschule Nicht nur zuspitzen

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Das erste baden-württembergische Bürgervotum in Sachen Gemeinschaftsschule in Bad Saulgau ist gescheitert. Die Lehre für die Landesregierung? Grün-Rot muss anders agieren, wenn die neue Schulart ein Erfolg werden soll, kommentiert Renate Allgöwer.

Gegenstand des Bürgerentscheids: die Brechenmacher-Schule in Bad Saulgau. Foto: dpa
Gegenstand des Bürgerentscheids: die Brechenmacher-Schule in Bad Saulgau.Foto: dpa

Stuttgart - Nach dem ersten Bürgerentscheid über die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg rechnet sich jede Seite das Ergebnis schön. Das ist legitim, aber nicht zielführend. Fakt ist, es kamen nicht genügend Bürger, damit das Votum bindend wäre. Und von denen, die kamen, sind zwei Drittel gegen die neue Schulart. Das ist ein Ergebnis, das unkomfortabler nicht sein könnte – für den Saulgauer Gemeinderat und für das Kultusministerium. Es lässt allzu viel Raum für Interpretationen und Zahlenakrobatik.

Die CDU schickt sich an, weitere Proteste zu schüren. Dabei ist es höchste Zeit für eine sachliche Auseinandersetzung über die Zukunft des Schulwesens im Südwesten. Nach mehr als einjähriger Debatte über die Gemeinschaftsschule tun sich Informationslücken auf, die das Kultusministerium schleunigst schließen sollte. Es genügt eben nicht, mit denen, die sich ohnehin auskennen, zügig neue Wege zu beschreiten und zu erwarten, dass die anderen schon folgen werden. Vieles spricht dafür, dass die Schularten in Zukunft näher zusammenrücken werden. Doch jetzt müssen die Skeptiker mitgenommen werden. Fortschritt kann auch bedeuten, dass bei der Genehmigung neuer Gemeinschaftsschulen zunächst gebremst wird. Es sollten nur die zum Zuge kommen, die durch gute Beispiele überzeugen können.

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@ Volker: Man muss den Initiatoren der Gemeinschaftsschule zugutehalten, dass sie keine Neuauflage veralteter Gesamtschulkonzepte mit unterschiedlichen Leistungsgruppen (Kurs A, Kurs B usw.) beabsichtigen, sondern einen neuen, durch eine auf Eigenverantwortlichkeit setzende alternative Lernkultur gekennzeichneten Schultypus im Sinn haben. Die Schüler sollen sich den Stoff so weit wie möglich eigenständig erarbeiten und bekommen dazu von ihren «Lernbegleitern» Arbeitsmaterial, das auf ihren momentanen Leistungsstand und ihr momentanes Leistungsvermögen zugeschnitten sind. Langsamere Schüler bekommen zur Erfüllung ihres Arbeitspensums mehr Zeit, während schnellere Schüler die Möglichkeit bekommen, entweder vorauszupreschen oder ihren langsameren Mitschülern zu helfen. Diese Art des schülerbezogenen Lernens nennt sich «individuelle Förderung». - Auf den ersten Blick sieht das alles sehr überzeugend aus. Nur: Wird es auch funktionieren? Werden die Gemeinschaftsschulen den idealen Schüler hervorbringen oder setzen sie diesen voraus? Werden die Schüler, die tagaus tagein nach dieser Methode in heterogenen Gruppen lernen sollen, nicht irgendwann die Lust daran verlieren, - die schwächeren unter ihnen, weil sie mit dieser Form von Eigenverantwortlichkeit überfordert sind, die stärkeren, weil sie sich von den langsameren ausgebremst fühlen? Werden sie immer so motiviert sein, dass man auch ohne das Damoklesschwert schlechte Noten und Sitzenbleiben wird auskommen können? Vor allem in der Pubertätszeit kann eine straffe, für klare Strukturen sorgende Führung durch den Lehrer (der dabei wahrhaftig mehr sein muss als nur ein Lernbegleiter) für die Schüler von großem Nutzen sein. Eine Lehrerpersönlichkeit, bei der hohes Fachwissen mit großem pädagigischem Geschick gepaart ist, kann mehr bewirken als das raffinierteste Arbeitsblatt. Gerade in einer Zeit, in der familiäre und gesellschaftliche Strukturen immer mehr ins Wanken geraten, brauchen die Schüler Vorbilder, die ihnen als persönliche Ansprechpartner (und nicht als Stars und Sternchen in den Medien!) neben Wissen auch Werte und Orientierung vermitteln. Und solche Lehrer gibt es tatsächlich, nicht nur sondern gerade auch an den geschmähten Hauptschulen! Nur geraten sie wegen der paar schwarzen Schafe, die es halt leider auch gibt, aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.

....Gemeinschaftsschule???: ...wer weiss eigentlich was sich hinter der Gemeinschaftschule versteckt??? Oft wird hier das ganze mit der Gesamtschule verwechselt, wie sie in anderen Bundesländer existiert. Eine Gemeinschaftsschule gibt es bisher noch nicht in Deutschalnd ausser in BW. Die Inhalte und Konzepte wissen oft nicht mal die in BW-Tätigen Lehrer, geschweige die Öffentlichkeit. Es soll wahrscheinlich keien Noten geben. Alle Niveaus (Gymnasium bis geistig Behindert) in einer Klasse (keien Züge).... Das ist was so bisher durchgesickert ist. Die Regierung sollte erstmal ein Konzept erstellen. Dann einen wissenschaftlich begleiteten Modelversuch starten.

'Bildungsgerechtigkeit' nur ein schönes Etikett?: Was viele zu Recht irritiert, ist der Umstand, dass die GMS gesetzlich eingeführt wurde, ohne zuvor richtig erprobt worden zu sein. Es ist wie bei einem neuartigen Produkt, das in höchsten Tönen gepriesen wird, noch bevor es seine Testphase überhaupt angetreten hat. Ob die 'neue Lernkultur' in der GMS den erhofften Erfolg bringen wird - die neueste Hattie-Studie weckt ernstliche Zweifel daran - oder ob es nur auf eine Umetikettierung der Hauptschule unter Preisgabe der Realschule hinauslaufen wird, bleibt abzuwarten. Doch was, wenn von der vielbeschworenen 'Bildungsgerechtigkeit' nur Letzteres übrig bleibt? Wird man dann künftig mit 'Oberschulen' statt mit Gemeinschaftsschulen hausieren gehen?

Skeptiker bleiben skeptisch, solange sie vernünftige Gründe für ihre Skepsis haben.: Teilgenommen an der Abstimmung haben vor allem diejenigen, die und deren Kinder von den geplanten Veränderungen betroffen sind. Diese haben ein klares Votum abgegeben und man kann davon ausgehen, dass sie sich zuvor auch gründlich informiert haben. Dieses Votum nicht zu respektieren wäre formalrechtlich zwar nicht anfechtbar, widerspräche aber dem grün-roten Grundsatz einer bürgernahen Politik. Mit Sicherheit wird es nicht gelingen, die Skeptiker 'mitzunehmen', solange diese gute Gründe für ihre Skepsis haben. Denn es liegt noch völlig in der Luft, ob die Gemeinschaftsschulen das, was ihre Verfechter sich von ihr versprechen, auch wirklich halten können. Frühestens dann, wenn die ersten drei Jahrgänge die Gemeinschaftsschule verlassen haben, wird man aussagekräftige Vergleiche mit den Lernerfolgen von Schülern der herkömmlichen Schularten anstellen können.

Könnte es nicht sein, dass die Idee schlicht nicht funktioniert?: Überall dort, woe Gesamtschulen oder ähnliches in Deutschland ausprobiert wurden, waren die Ergebnisse schlechter als die des aktuell (noch) existierenden Baden-W. Schulsystems. Und zwar gerade, was Abgänge ohne Schulabschluss angeht. Ein Mensch, dem es um die Kinder geht und nicht um Ideologie könnte doh da auf die Idee kommen, dass Gemeinschaftsschulen für das Land schlecht sind. Wenn dann selbst die Befürworter solcher Schulen sagen, dass die Ressourcen nicht ausreichen, damit die GMS erfolgreich sein wird, sollte man es vielleicht schlicht sein lassen.

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