Kommentar zur Orchesterfusion Die Harmonie ist längst verspielt

Tim Schleider, 06.12.2012 20:22 Uhr

Stuttgart - Eines muss man dem SWR-Intendanten Peter Boudgoust lassen: Er zieht sein Thema durch. Es ist gerade zwei Monate her, dass er sich vom Rundfunkrat des Senders den Segen für die Zusammenlegung der zwei SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg erteilen ließ. Nun folgt am Freitag gleich der nächste Schlag: Auf ihrer Sitzung in Baden-Baden sollen die Rundfunkräte über den Sitz des künftigen SWR-Orchesters entscheiden. Und man ahnt, mit welchen Bildern die dort geführte Debatte unterlegt sein wird, ob nun offen oder versteckt: Landeshauptstadt oder Kurbad? Pulsierende Metropole oder provinzieller Rand? Württemberg oder Baden? Gnadenloser Zentralismus oder gerechte Förderung des gesamten Sendegebietes?

Egal, wie der Rundfunkrat entscheiden wird, eines steht fest: Der Sender hat schon jetzt schweren kulturpolitischen Schaden angerichtet. Zwei international hervorragende Orchester werden in jedem Fall zerstört und damit auch jene Kommunen geschädigt, deren Kultur- und Musikleben diese Orchester wesentlich mitgeprägt haben. Und egal, wer am Freitag den Zuschlag erhält – Gerüchten zufolge plädiert eine unabhängige Expertenkommission für Stutgart –: was das für ein SWR-Orchester sein wird, das da vom Jahr 2016 an entstehen soll, wie gut oder wie mäßig es ist, welches Profil es hat, welche Stärken und Ambitionen, ob man nach all den Querelen einen namhaften Chefdirigenten dafür finden wird, all das ist zum heutigen Zeitpunkt völlig offen.

Das Sparziel des SWR: 166 Millionen Euro

Kein Oberbürgermeister mache sich etwas vor: Ob man sich für all die schönen Absichtsbekundungen, welche die SWR-Strategen jetzt abgeben, in vier oder fünf Jahren auch irgendetwas kaufen kann, darauf sollte man besser keine Wetten abgeben, weder in Stuttgart, noch in Freiburg.

Nun hat der SWR-Intendant Peter Boudgoust in einem Punkt zweifellos Recht: Es zählt nicht zu seinen Aufgaben, Kulturpolitik für einzelne Städte zu betreiben. Seine Aufgabe ist es unter anderem, die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Programmaufgaben mittel- und langfristig abzusichern. Er hat seinem Haus bis 2020 ein Sparziel von insgesamt 166 Millionen Euro gesetzt; das sind die Lehren aus den Einnahmeprognosen. Eine solche Summe kann man gar nicht anders erbringen als durch Kürzungen im gesamten Haus – und muss zugleich auch noch den Schwung finden, um die SWR-Angebote auf digitalen Kurs zu bringen und für ein junges Publikum interessant zu machen.

Man ahnt, welch anstrengende Debatten da im eigenen Haus zu führen sind. Und man ahnt, welche Rolle die Fusion der beiden traditionsreichen SWR-Orchester dabei spielt: Seht her, spricht der Intendant, beim Kürzen schreckt mich nichts und niemand; auch die heiligen Kühe der Kultur müssen herhalten; und selbst mit den Chefpolitikern großer Städte lege ich mich an.

Es gibt nur einen Standort: Stuttgart

Wenn es nun so ist, dass sich der öffentlich-rechtliche SWR auch in Zukunft wenigstens ein eigenes Sinfonieorchester leisten will, und wenn dieses Orchester nach überregionaler Bedeutung streben soll, dann gibt es nach Abwägen aller Argumente nur einen angemessenen Standort: eben den Sitz des Senders, die Landeshauptstadt Stuttgart. Hier erreicht es mit seinen Konzertreihen das Kulturpublikum einer Metropolregion, hier ist es vernetzt und steht im Wettbewerb mit den übrigen Institutionen des Musik- und Kulturlebens, hier hat es die Anbindung zum Zentrum jener Einrichtung, der es seinen Namen verdankt: Rundfunkorchester des SWR.

Über den tieferen Sinn und auch finanziellen Ertrag dieser Kultur-Sparaktion wird man noch lange streiten. Vollends absurd aber würde die ganze Aktion aus dem Büro Boudgoust, wenn das nun entstehende kleinere Neue auch noch an den Rand des Sendegebietes verpflanzt würde. Sicher wäre es dort jedenfalls nicht.