Kommentar zur Orchesterfusion Die Harmonie ist längst verspielt

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Die Entscheidung des SWR, seine beiden Orchester zu fusionieren, fügt der Kultur schweren Schaden zu, urteilt der StZ-Redakteur Tim Schleider. Doch wenn es schon so kommt, dann gibt es nur einen möglichen Standort für das vereinte Orchester.

Stuttgart oder Freiburg? Wohin geht das fusionierte SWR-Orchester? Foto: dpa
Stuttgart oder Freiburg? Wohin geht das fusionierte SWR-Orchester?Foto: dpa

Stuttgart - Eines muss man dem SWR-Intendanten Peter Boudgoust lassen: Er zieht sein Thema durch. Es ist gerade zwei Monate her, dass er sich vom Rundfunkrat des Senders den Segen für die Zusammenlegung der zwei SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg erteilen ließ. Nun folgt am Freitag gleich der nächste Schlag: Auf ihrer Sitzung in Baden-Baden sollen die Rundfunkräte über den Sitz des künftigen SWR-Orchesters entscheiden. Und man ahnt, mit welchen Bildern die dort geführte Debatte unterlegt sein wird, ob nun offen oder versteckt: Landeshauptstadt oder Kurbad? Pulsierende Metropole oder provinzieller Rand? Württemberg oder Baden? Gnadenloser Zentralismus oder gerechte Förderung des gesamten Sendegebietes?

Egal, wie der Rundfunkrat entscheiden wird, eines steht fest: Der Sender hat schon jetzt schweren kulturpolitischen Schaden angerichtet. Zwei international hervorragende Orchester werden in jedem Fall zerstört und damit auch jene Kommunen geschädigt, deren Kultur- und Musikleben diese Orchester wesentlich mitgeprägt haben. Und egal, wer am Freitag den Zuschlag erhält – Gerüchten zufolge plädiert eine unabhängige Expertenkommission für Stutgart –: was das für ein SWR-Orchester sein wird, das da vom Jahr 2016 an entstehen soll, wie gut oder wie mäßig es ist, welches Profil es hat, welche Stärken und Ambitionen, ob man nach all den Querelen einen namhaften Chefdirigenten dafür finden wird, all das ist zum heutigen Zeitpunkt völlig offen.

Das Sparziel des SWR: 166 Millionen Euro

Kein Oberbürgermeister mache sich etwas vor: Ob man sich für all die schönen Absichtsbekundungen, welche die SWR-Strategen jetzt abgeben, in vier oder fünf Jahren auch irgendetwas kaufen kann, darauf sollte man besser keine Wetten abgeben, weder in Stuttgart, noch in Freiburg.

Nun hat der SWR-Intendant Peter Boudgoust in einem Punkt zweifellos Recht: Es zählt nicht zu seinen Aufgaben, Kulturpolitik für einzelne Städte zu betreiben. Seine Aufgabe ist es unter anderem, die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Programmaufgaben mittel- und langfristig abzusichern. Er hat seinem Haus bis 2020 ein Sparziel von insgesamt 166 Millionen Euro gesetzt; das sind die Lehren aus den Einnahmeprognosen. Eine solche Summe kann man gar nicht anders erbringen als durch Kürzungen im gesamten Haus – und muss zugleich auch noch den Schwung finden, um die SWR-Angebote auf digitalen Kurs zu bringen und für ein junges Publikum interessant zu machen.

Man ahnt, welch anstrengende Debatten da im eigenen Haus zu führen sind. Und man ahnt, welche Rolle die Fusion der beiden traditionsreichen SWR-Orchester dabei spielt: Seht her, spricht der Intendant, beim Kürzen schreckt mich nichts und niemand; auch die heiligen Kühe der Kultur müssen herhalten; und selbst mit den Chefpolitikern großer Städte lege ich mich an.

Es gibt nur einen Standort: Stuttgart

Wenn es nun so ist, dass sich der öffentlich-rechtliche SWR auch in Zukunft wenigstens ein eigenes Sinfonieorchester leisten will, und wenn dieses Orchester nach überregionaler Bedeutung streben soll, dann gibt es nach Abwägen aller Argumente nur einen angemessenen Standort: eben den Sitz des Senders, die Landeshauptstadt Stuttgart. Hier erreicht es mit seinen Konzertreihen das Kulturpublikum einer Metropolregion, hier ist es vernetzt und steht im Wettbewerb mit den übrigen Institutionen des Musik- und Kulturlebens, hier hat es die Anbindung zum Zentrum jener Einrichtung, der es seinen Namen verdankt: Rundfunkorchester des SWR.

Über den tieferen Sinn und auch finanziellen Ertrag dieser Kultur-Sparaktion wird man noch lange streiten. Vollends absurd aber würde die ganze Aktion aus dem Büro Boudgoust, wenn das nun entstehende kleinere Neue auch noch an den Rand des Sendegebietes verpflanzt würde. Sicher wäre es dort jedenfalls nicht.

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5 KommentareKommentar schreiben

SWR Orchester: Wenn ich mir die Reaktionen auf diesen Vorgang ansehe, fällt auf, dass die Zeitungen in Baden völlig anders berichten als z.B. diese ( schwäbische ) Zeitung. Ich bin selbst geborener Schwabe, habe aber fast mein ganzes Leben in Baden und Elsass verbracht. Was bitte war der SDR als der SWF noch existierte? Bestenfalls Provinz. Baden-Baden und Freiburg hatten eine solche Ausstrahlung, dass Musiker aus aller Welt zum SWF kamen. Hier gab es Rundfunkmoderatoren, die den Neid der Stuttgarter Provinzdarsteller auslösten. Es ist eben ein Riesenunterschied zwischen Alemannen und Sueben. Und genau diese Vielfalt wollen Sie zerstören. Ich kann es riechen, der Widerstand hat gerade erst begonnen. Und am Ende wird vielleicht stehen, dass der SWR Rückabgewickelt werden muss, weil die Badener ein für alle Mal die Schnauze voll haben. Dann habt ihr euer Provinztheater Stuttgart wieder und die Badener können wieder spassigen Rundfunk und Fernsehen. machen. Tut mir leid, meine Schwaben, aber ihr habt die besten Ingenieure und Tüftler, baut die besten Autos der Welt, aber in Sachen leichte Muse, sorry, da seid ihr einfach e bissle bräsig. So ischs no au widder.

Die Harmonie wird zerstört: Statt dass jetzt die Stuttgarter (und nein, nicht nur die Mitglieder des RSO, alle kulturinteressierten Stuttgarter samt Bürgermeister und Stadtrat) die Hand in Richtung Freiburg ausstrecken, wird hervorgehoben wie toll die Entscheidung ist. Wie Cambreling sagte: 'egal wo der künftige Standort ist, ein Teil der Musiker samt ihrer Familien wird seinen bisherigen Lebensmittelpunkt aufgeben müssen. Das wird die Atmosphäre in den Proben erheblich belasten.' Wenn das neue Orchester eine Chance bekommen soll, liegt es nun vor allem an den Stuttgartern. Man kann sich darüber freuen, dass das neue Orchester in Stuttgart ist. Aber man sollte darüber nicht vergessen, dass das RSO Stuttgart zerstört worden ist. Das neue Orchester wird aus Musikern bestehen, die sowohl aus Freiburg und Stuttgart kommen, und sehr wahrscheinlich wird keine Seite überwiegen. Was kann Stuttgart machen, um den Freiburger Musikern, die nun dazu gezwungen sind ihren Lebensmittelpunkt aufzugeben, diesen Schritt leichter zu machen? Dies wäre ein Thema für einen Kommentar. Nur zu sagen, wie absurd Freiburg doch als Standort gewesen wäre und den Finger in die Wunden zu legen ist kontraproduktiv!

Hallo Herr Schleider,: machen sie sich keine Sorgen. Stuttgart bekommt das SWR-Orchester http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.orchester-fusion-stuttgart-bekommt-das-swr-orchester.16fb58b8-984b-4528-9715-7428f0b84f9f.html

Ich würde als Standort empfehlen,..: ..eine große Samstagsabendshow, einfach nur ungeprobt live klassisch Evergreens spielen. Von den Zuschauern merkt das sowieso niemand was das eigentlich soll und was die Kosten angeht kann dies ja irgendwie 'großpaketig' im Kostenrahmen dieser Show eingepreist werden incl. Product Placement. Ne, ausser ohnmächtiger Polemik fällt mir zu dieser 'Orchesterfusion' und vielem anderen was im öffentlich-rechtlichen 'Raum' stattfindet nur ein, das die Kosten 'userseitig' stetig steigen und das Niveau 'anstaltsmäßig' stetig sinkt. Und das sich 'wehren' scheint demokratisch verordnet aussichtslos hinter Verwaltungsentscheidungen herzuhinken. Komisch oder?

Unglaublich: Ich komme aus Baden und wohne seit einem halben Jahr in Stuttgart. Wenn ich so eine undifferenzierte Meinung wie diese lese, werde ich wirklich wütend. Das ist überheblich und sachlich auch vollkommen daneben. Freiburg ist genauso ein Teil von diesem Land. Und durch die neue Digitaltechnik kann de Rundfunk Konzerte von dort auch ohne größeren Qualitätsverlust übertragen.

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