Kommentar zur Volksabstimmung Eine Chance zur Befriedung
Michael Maurer, 27.11.2011 08:55 Uhr
 Foto: Zweygarth
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Stuttgart - Dafür? Dagegen? Auf jeden Fall: Dabei!" Wenn's doch nur so einfach wäre, wie es der griffige Slogan der Landesregierung suggeriert. Aber eine der Lehren aus dem jahrelangen Kampf um Stuttgart21 ist, dass bei diesem umstrittensten Bauprojekt der Republik nichts einfach ist. Das zeigt nicht zuletzt die Landesregierung selbst, deren Koalitionspartner in ein Dafür und ein Dagegen geteilt sind - und die für die am Sonntag anstehende Volksabstimmung ein Verfahren erfunden hat, bei dem diejenigen, die dafür sind, mit "dagegen" stimmen müssen und die dagegen sind mit "dafür" So weit, so einfach.

Vielleicht ist es aber nur folgerichtig, wenn die öffentliche Auseinandersetzung über das Vorhaben in dieser Konfusion kulminiert. Schließlich hat sich im Laufe der Jahre alles mit allem verhakt. Ob Kosten, Wirtschaftlichkeit oder Trassenführung, zu jedem Aspekt von Stuttgart 21 gibt es mindestens zwei Wahrheiten. Und der Kampf um die wahre Wahrheit wird zum Teil mit beinahe religiöser Inbrunst geführt. Dass eine Volksabstimmung befriedend wirken kann, scheint deshalb fraglich.

Chance auf ein Miteinander

Dennoch ist sie richtig und notwendig. Sie ist bei all ihren Schwächen das einzige Instrument, das überhaupt die Chance auf ein Miteinander eröffnet. Das Votum kann, wenn beide Lager verantwortungsvoll damit umgehen, den Streit auf eine konstruktivere Ebene heben. Denn die Abstimmung kann eine Kardinalfrage des Konflikts beantworten, die nach der demokratischen Legitimation des Projekts.

Wie so vieles bei Stuttgart21 ist auch diese These angreifbar. Schließlich ist das Bauvorhaben nach den Regeln unserer repräsentativen Demokratie unzweifelhaft legitimiert. Es hat alle erforderlichen Gremien durchlaufen und dort die Zustimmung der gewählten Vertreter des Volkes erhalten. Demokratietheoretisch ist die Volksabstimmung also unnötig. Sie kommt auch zu spät, weil sie nicht am Anfang, sondern am Ende des Prozesses steht.

Der Zorn ist eskaliert

Zudem ist sie im Landtag auf juristisch zweifelhaftem Weg initiiert worden. All diesen berechtigten Einwänden steht jedoch der Zorn vieler Bürger entgegen, an der Entscheidung über Stuttgart21 nicht direkt beteiligt gewesen zu sein. Dieser Zorn ist (auch infolge eines teilweise ungeschickten Projektmanagements) so weit eskaliert, dass der Demokratie im Lande nunmehr mit einem pragmatischen Ansatz zur Befriedung sicher besser gedient ist als mit einem Beharren auf der reinen Lehre.

Voraussetzung ist allerdings, dass demokratische Grundsätze eingehalten werden. Dies gilt in erster Linie für das Quorum: Mindestens ein Drittel der Stimmberechtigten muss dem Ausstiegsgesetz laut Landesverfassung zustimmen, damit es als beschlossen gilt. Man kann über diese enorm hohe Hürde sicher trefflich streiten (und sie mit der notwendigen parlamentarischen Mehrheit für die Zukunft auch senken). Doch für eine demokratische Gesellschaft ist es essenziell, ihre eigene Verfassung zu respektieren. Dies dürfte umso leichter fallen, je höher die Beteiligung an der Abstimmung ist.

Aus theoretischer Sicht ist eine Korrektur der repräsentativen Demokratie allenfalls dann zu rechtfertigen, wenn ein erkennbar großer Wille der Bevölkerung dahintersteckt. Aus praktischer Sicht erhöht eine große Wahlbeteiligung die Chance, dass das Ergebnis als Ausdruck des Allgemeinwillens interpretiert werden kann und nicht als Erfolg einer kleinen Gruppe. Denn die Volksabstimmung enthält zwei plebiszitäre Elemente. Sie bietet einer engagierten Gruppierung die Gelegenheit, ihre Interessen durchzusetzen. Sie fordert aber auch die oft schweigende Mehrheit auf, sich zu artikulieren. Dafür oder dagegen - wer diese Wahl auf dem Stimmzettel trifft, stimmt gegen oder für Stuttgart21 ab. Aber er stimmt auch darüber ab, wie ernst es ihm mit mehr Bürgerbeteiligung im Land ist.

Kommentare (24)
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NOV
27
Jadoch, 14:11 Uhr

ganz einfach:

Die Bohrer und Säger werden an den Kosten scheitern.

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NOV
27
W. Eistermeier, 13:49 Uhr

Freud'sche Couch und Handauflegen.

Es ist mit den Regeln der Logik und Vernunft nicht mehr verständlich, wie große Teile der für S21 verantwortlichen Politiker, Lobbyisten und sonstige Gefolgschaften mit einer kaum noch zu überbietenden Hybris ein Projekt vorantreiben, das ihnen für ca. 15 oder mehr Jahre eine Art geistige und psychische Räderung verspricht. Sie alle machen den Eindruck von Fetischisten, die konsequent zu Masochisten mutieren. Es darf - wenn gebaut wird - bei dem nachhaltigen und massiven Widerstand, der gegen S21 seit Jahren vorhanden ist, nicht das Geringste passieren, das diesen Widerstand in seiner Legitimation bestätigen könnte. Das heißt: die Kosten in Höhe von 4,5 Milliarden dürfen nicht überschritten werden; Schäden am Boden, im Grundwasser, an den Mineralquellen etc. dürfen nicht eintreten; die Schäden am denkmalgeschützten Kopfbahnhof und im mittleren Schlosspark wären dann schon eingetreten; massive Störungen des Bahn- und Straßenverkehrs über ca. 15 Jahre dürfen nicht zum Alltagstrauma der betroffenen Bürger und Kunden der Deutschen Bahn AG werden, massive Kürzungen in der Bildungs- und Sozialpolitik eben sowenig; Steuern dürfen wegen S21 nicht erhöht werden. Habe ich etwas vergessen? Was kann angeblich logisch denkende Politiker dazu verleiten, all diese Realitäten einfach zu ignorieren? Mangelnder Realitätssinn? Krankhafter Hang zu maximierten Gewinnen in die eigene Tasche? Ist es wirklich eine Art Fetischismus, dessen Begierde nach dem begehrten Objekt zum Masochismus führt? Könnten diese Politiker und Lobbyisten vielleicht doch eine Besserung erfahren durch das sich Hinstrecken auf die Freud'sche Couch? Auch das einfache Handauflegen des Arztes auf den leidenden Patienten hat früher einmal Wunder bewirkt. Darf die Menschheit hoffen?

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NOV
27
Opa Kolja, 13:07 Uhr

Seit Jahren bin ich engagierter

Gegner des Stuttgarter Stadtentwicklungsprojektes S21,das bis zur VA vom S21-Propaganda und Profiteurs-Kartell als "Bahnhof der Zukunft"- überwiegenst mit Steuergeldern beworben wurde. Zuletzt musste noch gar die Ausstiegskostenlüge der DB für das Weiterbauen (Neinkreuzle) herhalten.Egal,mit dem Ergebnis der VA werden sich beide Seiten abfinden müssen.Sollte die Mehrheit mit Nein und gegen den Ausstieg stimmen,wäre dies erst mal bitter für uns K21er.Aber die demnächst dringend im Lenkungsausschuss zu klärende höhere Kostenbeteiligung der Vertragspartner-wie von Grube/Kefer schon gefordert-wird das Projekt ernsthaft in Frage stellen.Sprechklausel hin oder her. Außer der DB haben sich die anderen Vertagspartner festgelegt nicht mehr zu bezahlen.Außerdem sind noch Gerichtsverfahren anhängig.Ich bin deshalb überzeugt,dass S21 nicht,bzw.nicht so gebaut-wie geplant-wird.Da bin ich sehr gespannt ob Grube seine Drohung wahrmachen darf,dass nach Dreikönig auch ohne Kostenklärung losgelegt wird.Es bleibt weiterhin spannend.Und "noch ist Polen (K21) nicht verloren".

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