Kommentar zur Zeitarbeit Zeichen der Vernunft
Matthias Schiermeyer, 23.02.2012 07:15 Uhr
Ein Leiharbeiter in der Metall- und Elektroindustrie hat prinzipiell  Anspruch auf die gleiche Bezahlung wie ein Stammbeschäftigter. Foto: dpa
Ein Leiharbeiter in der Metall- und Elektroindustrie hat prinzipiell Anspruch auf die gleiche Bezahlung wie ein Stammbeschäftigter. Foto: dpa
Weitere Artikel
zum Thema

Stuttgart - Ein jahrelanger erbitterter Streit zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern – geführt mit vielen widersprüchlichen Zahlen und Argumenten – könnte endlich auf eine sachliche Ebene gehoben werden. Der Metallarbeitgeberverband erkennt die Notwendigkeit an, dass ein Leiharbeiter prinzipiell Anspruch auf die gleiche Bezahlung hat wie ein Stammbeschäftigter. Das sagt sein Präsident Kannegiesser zwar nicht so offen, aber wenn er die Verhandlungen über Branchenzuschläge für Zeitarbeiter willkommen heißt, gesteht Gesamtmetall damit eine Ungleichbehandlung in der Vergangenheit ein.

Das wurde aber auch Zeit, denn prekäre Arbeit wird zu oft für Lohndumping missbraucht. Zudem gibt es schon eine Vielzahl betrieblicher Regelungen, die das Lohngefälle zwischen Stamm- und Zeitarbeitskräften verkleinert haben. Die Tarifpolitik hinkt der Realität also ohnehin hinterher.

Gezahlt werden die zu verhandelnden Branchenzuschläge von den Verleihunternehmen, die dann von den entleihenden Betrieben höhere Preise verlangen werden. Zeitarbeit wird also weniger lukrativ. Das mag im Einzelfall Investitionen verhindern – aber erzeugt es auch gesamtwirtschaftlich einen nicht hinnehmbaren Schaden? Saisonabhängige Geschäftsmodelle, die nur auf Leiharbeit basieren, sind sehr selten. Wenn Standorte generell nur noch ausgebaut werden, weil die Investoren eine maximale Flexibilität der Belegschaft vorfinden, werden damit auch deutsche Konkurrenten unter Druck gesetzt, immer billiger zu produzieren. Wann ist dann das Ende der Abwärtsspirale erreicht?

Gesamtmetall sendet nun das Signal aus, dass der Wettbewerb nicht über immer mehr prekäre Beschäftigung bewältigt werden soll, und verlangt stattdessen mehr interne Flexibilität für die Betriebe. Das ist vernünftig. Gegen eine Ausweitung der betrieblichen Quote für die 40-Stunden-Woche ist angesichts des wachsenden Fachkräftemangels wenig einzuwenden. Bisher drohte die Entgelttarifrunde gerade wegen des Streits um die Leiharbeit zu eskalieren. Auf der neuen Grundlage könnte sie ohne großen Zoff über die Bühne gehen.

Kommentare (0)
Autor*
Betreff*
Ihr Kommentar*
Optionale Felder
Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Email-Adresse (wird nicht veröffentlicht)
Anschrift