Konflikt auf der Schwäbischen Alb Windkraft oder Welterbe – eins muss weichen

Von Arnold Rieger 

Die Höhlenlandschaft des Ach- und Lonetals auf der Alb könnte bald zum Unesco-„Welterbe“ ernannt werden. Sollte die EnBW dort aber drei Windkraftanlagen wie geplant bauen, wird daraus nichts.

Die Bocksteinhöhle bei Öllingen – hier hat schon der Neandertaler Spuren hinterlassen. Foto: Helmut Schlaiß Langenau
Die Bocksteinhöhle bei Öllingen – hier hat schon der Neandertaler Spuren hinterlassen. Foto: Helmut Schlaiß Langenau

Öllingen - Jedes Jahr im Frühsommer lenkt die Unesco die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf bislang wenig beachtete Denkmäler und zeichnet herausragende Beispiel mit dem Titel „Welterbe“ aus. Auch Deutschland hat sich für 2017 wieder beworben, und in der Fachwelt betrachtet man den 900-seitige Antrag als Trumpfkarte. Denn dass die Höhlenlandschaft des Ach- und Lonetals auf der Schwäbischen Alb alle Bedingungen für den kulturellen Ritterschlag erfüllt, gilt als unstrittig. Ein „No-Brainer“ sei die Bewerbung, haben angelsächsische Archäologen ihren deutschen Kollegen versichert, also ein Selbstläufer. Schließlich wurden im Hohle Fels, im Geißenklösterle und anderen Kavernen der Karstlandschaft die ältesten Kunstwerke der Menschheit gefunden.

Auch als Ende August ein Vertreter des Internationalen Rats für Denkmalpflege (ICOMOS) die Albregion vier Tage lang im Auftrag der Unesco in Augenschein nahm, blieben die Fachleute um den Esslinger Archäologen Claus-Joachim Kind zuversichtlich. Allerdings hörten sie einen entscheidenden Einwand: Sollte die EnBW bei Öllingen, einem 500-Seelen-Dorf im Alb-Donau-Kreis, ihre Planungen umsetzen und drei turmhohe Windkraftanlagen bauen, kann Deutschland seine Bewerbung vergessen. Denn nördlich der Gemeinde liegt ein Höhlenkomplex, den schon die Neandertaler nutzten, und der zu den ergiebigsten Fundplätzen der Alb gehört. Die Bocksteinhöhle ist deshalb Teil der Bewerbung, die das Auswärtige Amt im Februar nach Paris schickte.

„Maßstabsverlust“

Windkraft oder Welterbe – beides zusammen geht offenbar nicht. Daran lässt das Stuttgarter Wirtschaftsministerium, die oberste Denkmalschutzbehörde im Land, keinen Zweifel. „Vom Gutachter der internationalen Denkmalschutzvereinigung Icomos wurde deutlich signalisiert, dass ein Windpark zur Ablehnung des Antrags führen würde“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Denn die bis zur Rotorspitze fast 230 Meter hohen Industrieanlagen erfüllen eins zu eins die Ausschlusskriterien der UN-Kulturorganisation: „technische Überprägung, visuelle Dominanz und Maßstabsverlust“.

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Maßstabsverlust – dieses hässliche Attribut hat die Unesco der deutschen Öffentlichkeit schon einige Male vor Augen geführt. Im Zusammenhang mit dem Kölner Dom zum Beispiel, in dessen Sichtachsen mehrere Hochhäuser gebaut werden sollten. Oder im Zusammenhang mit der Waldschlösschenbrücke über das Elbtal vor den Toren der Dresdener Altstadt. Köln machte 2006 einen Rückzieher – aus Rücksicht auf den Welterbestatus der Kathedrale. Dresden blieb hart – und verlor 2009 den prestigeträchtigen Titel. Solche Analogien führen die Denkmalschützer nun auch bei dem Höhlen-Antrag ins Feld: Sollte der Windparkpark wie geplant 2018 fertig werden, so warnen sie, wäre der kaum errungene Titel schnell wieder zerronnen.

Warum erst jetzt?

Seit dem vergangenen Frühjahr schwelt nun dieser Konflikt, und je näher das neue Jahr rückt, desto nervöser werden alle Beteiligten. Denn die EnBW hat Mitte Oktober beim Landratsamt des Alb-Donau-Kreises einen offiziellen Antrag auf Genehmigung der Kraftwerke vom Typ Nordex N 131 gestellt, die 18 Millionen Euro kosten sollen. Der Energiekonzern bewegt sich dabei auf rechtlich stabiler Grundlage: „Die Fläche wurde von uns als Vorranggebiet ausgewiesen“, sagt Markus Riethe, Direktor des Regionalverbands Donau-Iller, der als bayrisch-baden-württembergische Planungsbehörde den Rahmen vorgegeben hat.

Ende vergangenen Jahres wurde dieser Plan rechtskräftig – nach einem langwierigen und umfangreichen Beteiligungsverfahren, zu dem auch die Denkmalschutzbehörden der beiden Länder ausführlich Stellung genommen haben. Eines wundert Riethe dabei: „Niemand hat jemals Einwände wegen des Antrags bei der Unesco unterbreitet, deshalb konnten wir die auch nicht berücksichtigen.“ Auch die Verantwortlichen bei der EnBW fielen offenbar aus allen Wolken: „Wir arbeiten seit Jahren an dem Projekt, da gab es keine Einwände“, sagt Sprecher Jörg Busse. Warum nicht? In der Denkmalschutzbehörde herrscht dazu dröhnendes Schweigen.

Der Spielraum ist gering

Um die Wogen zu glätten, kündigte der Konzern kürzlich an, im Fall einer Genehmigung – sie wird für Frühjahr erwartet – nicht sofort mit dem Bau zu beginnen. Busse: „Wir wollen erst abwarten, bis die Unesco entschieden hat.“ Und eigentlich hat man in der Konzernzentrale die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass beides am Ende miteinander vereinbar ist, Windkraft und Welterbe.

Doch der Spielraum dafür ist gering. Denn im Zentrum des Unseco-Antrags stehen weniger die 40 000 Jahre alten Elfenbein-Skulpturen wie die „Venus vom Hohle Fels“ oder das kleine Mammut als vielmehr die Landschaft, in der sie entstanden. Die herausragende kulturhistorische Eigenart der Höhlenumgebung ergebe sich aus deren Funktion als „Jagd-, Lager- und Siedlungsraum“ einer mobilen Jäger- und Sammlergesellschaft der späten Eiszeit, sagen die Fachleute. Bisher jedenfalls sei die Umgebungslandschaft der Höhlen frei von jeglicher Bebauung: „Die von der Unesco geforderte Authentizität und Integrität der Welterbestätten sind durch die ungestörten räumlichen Zusammenhänge gewährleistet.“

Der Blick aus der Höhle

Das Problem von Öllingen ist auch gar nicht, dass die Windräder das Motiv der Höhle beeinträchtigen. Bewahrt werden soll vielmehr der Blick aus den Felsen ins Freie: „Wenn man aus der Bocksteinhöhle guckt und sich in die Steinzeit zurückversetzen möchte, wird man tatsächlich gestört“, sagt Verbandschef Riehte. Und verwundert fügt er hinzu, seines Wissens sei im Denkmalrecht doch stets der Blick auf das Denkmal schutzwürdig.

Auch der Bürgermeister kann die Argumente der Denkmalschützer nicht nachvollziehen und äußert die Vermutung, diese hätten die Regionalplanung „schlicht verpennt“. Die Sache mit dem Blickfeld versteht er schon gar nicht. Von seiner Gemeinde aus könne man doch auch das Atomkraftwerk im bayerischen Gundremmingen sehen, sagt Georg Göggelmann: „Den Dampf sehen wir immer, und je nach Standort auch die Kühltürme.“ Die Windräder seien den Öllingern dann schon lieber. Und auch die Wahl zwischen Welterbe und Windkraft scheint ihm nicht schwer zu fallen: Während er sich vom Unesco-Etikett zusätzliche Kosten erwartet, erhofft er sich von den Kraftwerken einen guten Batzen Gewerbesteuer.

Das letzte Wort hat nun die Genehmigungsbehörde, das Landratsamt. Die verantwortlichen Beamten beißen sich aber eher auf die Zunge, als zu reden („ . . . laufendes Verfahren“). Das Wirtschaftsministerium ist da schon offener: „Wir gehen aufgrund der Rechtslage davon aus, dass die genehmigungsrechtlichen Vorraussetzungen nicht vorliegen.“

7 Kommentare Kommentar schreiben

Anstandsregeln: scheinen bei Ihnen ein Fremdwort zu sein. Sauber erzeugte elektrische Energie , den Wandlungsprozess stelle ich nicht in Frage, aber was ich hier schon mehrfach aus meinen ehemaligen professionellen Tätigkeit , ich war mein komplettes Arbeitsleben als elektrotechnische Fachkraft in einem EVU tätig, in Frage stelle ist die macht politische gewollte sogenannte Energiewende, die die elektrischen Energieerzeugung von fossilen- zu regenerativen Energie-Erzeugung-Formen betrifft. Eine Industrie-Nation wie die Bundesrepublik Deutschland ist auf verlässliche und bezahlbare elektrische Energieversorgung angewiesen. Beides ist auf der Basis von regenerativ erzeugter elektrischer Energieerzeugung nur sehr begrenzt machbar, das heißt es gibt eine Diskrepanz zwischen unabdingbarer verlässlicher Erzeugung rund um die Uhr und der regenerativ gestützten Erzeugung und der permanent vorhanden Grundlast, die kontinuierlich vorhanden sein muss , sprich jedes Watt Verbrauch muss zeitgleich ,, erzeugt ,, werden. Das ist eine elementare, elektrotechnische Gesetzmäßigkeit, die sich nicht durch politische Phantasien oder imaginäre Vorstellungen ersetzen lässt. Ich würde Ihnen empfehlen diesen energiepolitischen Irrsinn zu hinterfragen, der uns in Zukunft noch kostenintensiv vor die Füsse fallen wird. Der nächste Preisschub für die KWH ( Kilowatt pro Stunde ) steht schon in den Startlöchern , schuld daran hat die Politik , nicht die Grund versorgenden EVU.

früher war nicht alles besser: Sie haben bei EVU gearbeitet, das merkt man. Daher wird weiter das Märchen der billigen konventionellen Energie erzählt. Bis heute werden Atom und Kohle hoch subventioniert, nur vom Staat über unsere Steuergelder und nicht wie bei den erneuerbaren Energien direkt über die Stromrechnung. Würden Kohlekraftwerke endlich gedrosselt wäre der Preis der Strombörse (der die Grundlage für den EEG-Preis ist) normaler. Was machen denn nachfolgende Generationen wenn irgendwann Kohle, Uran, Öl aufgebraucht sind wenn es nach Ihrer Meinung nur damit eine sichere Stromversorgung geben kann? Jedenfalls ist es gut Strom dort zu erzeugen wo er in der Nähe verbraucht wird. Im Süden haben wir viel Industrie, daher ist es sinnvoll hier weitere erneuerbare Stromerzeuger aufzubauen wie die Windräder um die es hier geht. Mit Naturschutz kommen und dann gleichzeitig ein weiter mit Kohle und Atom zu fordern passt nicht zusammen. Beim Abbau von Kohle und Uran wird die Natur viel stärker zerstört (teils im Ausland) als durch ein paar Windräder, von den Emissionen bei Förderung und Betrieb will ich gar nicht anfangen.

Märchen ?: Ich glaube Sie verkennen die Lage , wie so viele andere , die diesem politischen ,, Lügen-Märchen ,, einer neuen , auf regenerativer Basis aufgebauter elektrischer Energieversorgung hinterher laufen, ohne die geringste Ahnung von den komplexen Zusammenhängen der Elektrizität , ins besondere der Erzeugung , Verteilung, des Netz- Ausbaus und der Wartung zu haben. Es ist einfach Abgelesenes als eigene Meinung zu interpretieren und dann zu verlautbaren. Ihre Einwende in allen Ehren , aber das ist meiner Meinung nach viel zu kurz , zu naiv gedacht, zu glauben mit ein paar Wind-Kraft-Turbinen- und Photovoltaik - Anlagen eine stabile und verlässliche Grundlast-Versorgung mit den notwendigen Redundanzen zur Verfügung zu haben : Das ist aus vielerlei elektrotechnischen Gründen nicht machbar, es sei denn man verzichtet auf eine gesicherte Grundlast- Versorgung, die zu jeder Zeit ,an jedem Ort in dieser Republik für die Grundlagen dieser Wohlstandsgesellschaft sorge trägt. Elektrische Energie ist das absolute und unverzichtbare Schlüssel-Element für unseren gelebten Wohlstand . Dessen sollten wir uns alle sehr bewusst sein, ob mir fachkundigem Hintergrund oder als Laie.

mit der Zeit gehen: wie Sie Ihren früheren Arbeitgeber hier und in anderen Kommentaren verteidigen ist schön, was Sie schreiben mag auch für die damalige Zeit stimmen. Inzwischen ist der technische Fortschritt aber weiter, auch Ihre EnBW investiert nun groß in Offshore-Windparks und Windräder an Land. Warum machen die das nur? Früher wurde auch mal gesagt erneuerbare Energieen könnten max. 5 % zur Stromversorgung beitragen, heute sind es schon ca. 30%.

Die Energiewendig ist n o t w e n d i g. : Ob allerdings an wirklich sensiblen Stellen Windräder gebaut werden sollten, das ist eine andere Frage. Ein Witz: Trump leugnete in seinen Wahlkampf-Polemiken die menschengemachte Klima-Veränderung. Jetzt will er - im Gegensatz zu seinen eigenen Lügen - der Realität und einigen zwingend notwendigen Maßnahmen gegen die Erderwärmung zustimmen. Auch die deutschnazioale AfD behauptet, zusammen mit simplen Verschwörungsbegeisterten, dass die derzeitig überall zu beobachteten Klimaänderungen rein "natürlich" wären.Dumm nur, dass ein Haufen geistig Unbelastbarer diese Borniertheiten nach"schwätzen".

Einfach nach dem Prinzip: des ,, Wer war zuerst da ,, entscheiden,dann dürfte wohl klar sein was vorrangiger ist. Aber wie es nun mal so ist in der bundesdeutschen , Zeit-Geist vernebelten Realität wird es wohl darauf hinauslaufen, dass die ,, Natur ,, , vorerst, unterliegt. Hauptsache man hat dem Irrsinn der ,, Energiewende ,, weiter hofiert.

Artikel gelesen und verstanden jo maier?: Die Höhle wird weiter da sein, auch wenn in der Nähe Windkraftanlagen gebaut werden. Was ist wichtiger ein Titel "Welterbe" oder sauber erzeugter Strom? Das Atomkraftwerk in der Nähe stört anscheinend das Welterbe nicht. Mal den Irrsinn der Welterbekriterien zu hinterfragen wäre hier sinnvoll.

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