Kongress der Medizin-Skeptiker Im Kampf gegen die Esoterik

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Gehören Homöopathie und Akupunktur in einen Topf mit Astrologie und Wahrsagerei? In Berlin haben Skeptiker über Sinn und Unsinn diskutiert.

Was hilft gegen Angst: Esoterik oder Schulmedizin? Foto: dpa
Was hilft gegen Angst: Esoterik oder Schulmedizin?Foto: dpa

Stuttgart - Gibt es einen Unterschied zwischen Alternativmedizin und Komplementärmedizin? Das Publikum quittiert die Frage mit Gelächter. Für die Skeptiker, wie sie sich nennen, sind beides Marketingbegriffe, die zweifelhaften Therapien einen seriösen Anstrich geben sollen. Für die Skeptiker gehören Bach-Blüten Homöopathie und Akupunktur in einen Topf mit Astrologie und Wahrsagerei. Vor 25 Jahren hat sich die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften gegründet; an diesem Wochenende hat sie zum Weltkongress der Skeptiker nach Berlin geladen. Mehrere Hundert Gäste sind gekommen und machen sich gegenseitig Mut im nicht enden wollenden Kampf gegen die Esoterik.

Es geht um mehr als nur um Rationalität und Rechthaberei. Der Schmerzmediziner Benedikt Matenaer aus Bocholt schätzt, dass die gesetzlichen Krankenkassen etwa 500 Millionen Euro im Jahr für Akupunktur zur Schmerzbehandlung ausgeben. Sind diese Ausgaben gerechtfertigt? Matenaer hat 350 Stunden Ausbildung in Sachen Akupunktur hinter sich und erklärt nun unter dem Applaus seiner Zuhörer, dass er seine Mitarbeiter angewiesen habe, keine Nadeln mehr zu bestellen. Nicht nur er hat in den ärztlichen Leitlinien der deutschen Fachgesellschaften keine einzige Empfehlung der Akupunktur gefunden. Er versteht auch nicht, warum die Behandlung wirken sollte.

Wirkung in Studien bewiesen

Dass man sich Zeit für den Patienten nimmt und durch die Reizung mit den Nadeln die Ausschüttung von Endorphinen, also schmerzlindernden Hormonen, auslöst, glaubt er gerne. Schließlich hat die Akupunktur nicht zuletzt in einer deutschen Studie Wirkung gezeigt. Aber den Fluss der Lebensenergie Qi wieder ins Gleichgewicht bringen? Wann beginnt das Qi eigentlich zu fließen und wann endet der Fluss wieder, fragt er. Und was geschieht, wenn eine Mücke zufällig an einen der ­Akupunkturpunkte sticht? Beeinflusst der Stich das Qi? Die zugrunde liegende Theorie hält Matenaer für so überzeugend wie die Behauptung der TV-Serie „Raumschiff Enterprise“, dass Dilithiumkristalle für den überlichtschnellen Warp-Antrieb notwendig seien.

An solche Fragen muss Jürgen Windeler gedacht haben, als er zuvor die Skeptiker zu mehr Gelassenheit aufrief. Er erwähnte das homöopathische Mittel Murus berlinensis gegen seelische Blockaden, das ein britischer Versandhändler anbietet. Es soll aus einem hochverdünnten Stück der Berliner Mauer bestehen. „Lachen Sie darüber“, riet Windeler, „aber untersuchen Sie es nicht!“ Windeler ist nicht nur Skeptiker der ersten Stunde, er leitet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln, das für die Krankenkassen neue Therapien begutachtet. Selbst wenn sich Murus berlinensis in einer Studie als leicht wirksam erweisen sollte, würde er nur mit den Schultern zucken, denn es bliebe offen, wie der verdünnte Betonstaub auf die Seele wirken sollte.

Der Körper hilft sich oft selbst

Irgendein statistisches Ergebnis, das wird auf dem Skeptikerkongress deutlich, lässt sich immer berechnen. Die Frage ist, ob es sauber ermittelt wurde und ob es zu  den bereits vorliegenden Ergebnissen passt. In der Medizin, erläutert Windeler, geht es nicht um die Frage, ob es dem Patienten nach der Therapie besser geht, denn der Körper hilft sich oft selbst. Vielmehr muss ermittelt werden, ob die medizinische Therapie etwas zur Besserung beiträgt. Um die Wirkung der Behandlung abzuschätzen, muss man daher vergleichen: Wie würde es dem Patienten gehen, wenn man lediglich abgewartet hätte? Um das herauszufinden, werden in medizinischen Studien immer auch einige Patienten bloß zum Schein behandelt.

Im Fall der Akupunktur gibt es Belege dafür, dass sie Schmerzen lindert – allerdings müssen dafür nicht unbedingt die richtigen Punkte genadelt werden. Um einen Patienten zufriedenzustellen, empfiehlt Matenaer, ihn in die Suche nach den richtigen Punkte einzubeziehen: „Spüren Sie an dieser Stelle etwas Besonderes?“ Wenn dann auch noch einige Nadeln weit vom eigentlichen Schmerzherd entfernt gesetzt würden, dokumentiere der Arzt sein vermeintliches Wissen über die verborgenen Zusammenhänge im Körper, sagt Matenaer. Beides zusammen sei die Grundlage für den Erfolg der Therapie.

Doch dann will eine Zuhörerin wissen, wie man einen Orthopäden finde, der streng solide arbeite und folglich keine Akupunktur anbiete. Matenaer hebt bedauernd die Schultern. „Sie stellen Fragen!“ Er glaube kaum, dass man in Deutschland eine Praxis betreiben könne, ohne Akupunktur anzubieten.