Konzernumbau Finanzinvestor kauft Airbus-Verteidigungselektronik

Von Thomas Magenheim 

Vor allem deutsche Standorte sind vom Verkauf der Militärelektronik betroffen; dazu gehören Ulm, Oberkochen und Friedrichshafen. Der Bund hat sein Vorkaufsrecht verfallen lassen.

Airbus-Chef Tom Enders tritt den Rückzug aus der Militärsparte an. Foto: AFP
Airbus-Chef Tom Enders tritt den Rückzug aus der Militärsparte an.Foto: AFP

Stuttgart - Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus rüstet ab. Er verkauft seine unter dem Namen Orlando firmierende Sparte Verteidigungselektronik nach mehrmonatigen Verhandlungen für 1,1 Milliarden Euro größtenteils an den US-Finanzinvestor KKR. Verträge dazu wurden nun unterzeichnet. Es sei „ein hervorragendes Ergebnis für alle Beteiligten erreicht worden“, kommentiert das bei Airbus für das Raumfahrt- und Rüstungsgeschäft zuständige Vorstandsmitglied Bernhard Gewert den Deal, der im Frühjahr 2017 vollzogen werden soll. Vom Verkauf betroffen sind 4000 Beschäftigte, die Hälfte davon am deutschen Hauptstandort Ulm. Dazu kommen weitere je 500 Mitarbeiter in Oberkochen und Friedrichshafen in Baden-Württemberg sowie 400 Beschäftigte in Ottobrunn bei München.

Das Personal erwartet indessen keine Probleme. Man habe KKR als offenen und fairen Verhandlungspartner erlebt, betonte der Ulmer Airbus-Betriebsrat. Vereinbart worden seien eine vorerst bis Mitte 2019 befristete Standort- und Beschäftigungssicherung sowie ein dauerhafter Sitz des Unternehmens in Deutschland. Das dürfte auch die Bundesregierung erfreuen, die hinter den Kulissen während der Verkaufsgespräche auf einen Erhalt der Arbeitsplätze und des Knowhows hier zu Lande gepocht hatte.

Rheinmetall wäre dem Bund als Käufer lieber gewesen

Allerdings hätte der Bund einen Verkauf an den deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall oder zumindest innerhalb Europas bevorzugt. Ein formelles Vetorecht hat Berlin trotz teils sensibler Rüstungsgeschäfte, die nun den Besitzer wechseln, nicht. Ein Vorkaufsrecht hat der Bund verfallen lassen. Ausgeklammert vom Verkauf ist jedoch die Sparte Grenzsicherung, bei der man nicht an Stacheldrahtzäune, sondern an elektronische Hightech-Überwachung denken darf. Dieser Teil der Rüstungselektronik werde zu einem späteren Zeitpunkt verkauft, hatte Airbus-Chef Tom Enders jüngst erklärt.

Den großen Rest der Verteidigungselektronik hat er nun an KKR veräußern lassen, weil der US-Investor Rheinmetall und andere Interessenten schlicht überboten hat. Zu den politischen Befindlichkeiten äußert sich Airbus weiterhin nicht. „Grundsätzlich ist die Politik, im Schwerpunkt das Wirtschafts- und das Verteidigungsministerium befriedet“, will dagegen der Ulmer Betriebsrat wissen. Ganz zufrieden ist das Personal indessen nicht. Das Herausbrechen der Grenzsicherung aus dem Verkaufspaket habe die Beschäftigten verunsichert, stellen Betriebsräte klar. Bei früheren Beteiligungen hier zu Lande wie bei dem Besteckhersteller WMF und dem Turbinenbauer MTU habe sich KKR zudem teils rüde verhalten. Die Rüstungselektronik sei allerdings kein Sanierungsfall, weshalb konkrete Bedenken zu Arbeitsplätzen auch deshalb gering seien. KKR verfüge über die finanziellen Mittel und das nötige Industriewissen, um den Erwerb auf Wachstumskurs zu halten, versicherte KKR-Europachef Johannes Huth. Außerdem bleibt Airbus vorerst zu einem Viertel an der profitablen Sparte mit rund einer Milliarde Euro Jahresumsatz beteiligt. Dieser Anteil werde noch maximal drei Jahre lang gehalten, um den Übergangsprozess zu begleiten, sagte ein Konzernsprecher.

Das Scheitern der Fusion mit BAE gab den Ausschlag

Im Detail wird das Personal nach den Osterferien, also Anfang April, informiert. Hergestellt werden im Haus unter anderem Radar- und Sensorsysteme. Der scheidende Mutterkonzern Airbus, der immer mehr vom Zivilgeschäft mit Passagierflugzeugen dominiert wird, will sich in der Rüstungsparte indessen auf Flugzeuge und Raketen konzentrieren.

Vor vier Jahren hatten Politiker, allen voran die Bundesregierung, dem damals noch als EADS firmierenden deutsch-französischen Konzern eine Fusion mit dem britischen Anbieter BAE Systems untersagt. Damit wollte Konzernchef Enders Zugriff auf außereuropäische Märkte bekommen, weil die Rüstungsbugdets innerhalb der EU seit Jahren sinken. Grundsätzlich gilt die Rüstung als attraktiv, weil sie höhere Renditen bietet als die zivile Luftfahrt. Als späte Reaktion auf das Scheitern stößt Enders nun Teile der Rüstungssparte ab. Airbus hat 136 000 Mitarbeiter, die 2015 für 65 Milliarden Euro Umsatz gesorgt haben.

  Artikel teilen
0 Kommentare Kommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.