Stuttgart - Der Mann ist anderes gewohnt: mehr als zwei Millionen Menschen verfolgten live sein Bühnenspektakel zum zweihundertsten Jahrestag der französischen Revolution in Paris. Ein paar Jahre später erlebten geschätzte 3,5 Millionen den triumphalen Auftritt "Oxygène in Moscow" mit. Jean Michel Jarre spielte vor 1,3 Millionen Fans für die Nasa in Houston, vor dem Papst, vor zwei Millionen in Paris und weiteren 800.000 Zuhörern in seiner Heimatstadt Lyon, im Angesicht der Pyramiden von Gizeh und als erster westlicher Musiker nach dem Tod von Mao in Peking und Schanghai. Ein Gigant der Töne.
Und jetzt: eine halbvolle Porsche-Arena. Dreitausend Leute. Aber er zieht wie ein Gladiator von hinten in diese Arena ein, er schüttelt Hände, winkt unbekannten Menschen zu und lächelt ununterbrochen sein schönstes Lächeln, während seine drei Gehilfen hinter ihm freundliche Assistenz im dunklen Anzug leisten. Ach ja, er hat sich gut gehalten mit seinen bald 62 Jahren, springt behend auf die Bühne und macht dreist Faxen. Dazu schüttelt er auch seine frisch geföhnte Mähne, dass es eine wahre Pracht ist. Die Bühne ist ein Führerstand mit vier Kanzeln, nach vorne abgerückt der Meister in seiner gebieterischen Herrlichkeit. Ein Kommandostand von vier Jumbojets gleichzeitig. Ein ganz großes Spektakel ist angesagt. Licht, Laser, Sound - alles vom Feinsten.
Stattdessen aber jetzt ein verdrücktes Schrauben an Gerätschaften nostalgisch aufpolierter Technik. Ist das die Einleitung? Eine Verlegenheit. "Oxygène 1" und "Oxygène 2" kommen einfach nicht so recht in Schwung. Im Hintergrund stehen die Museumsstücke: große, uralte Synthesizer vom Pionier Bob Moog. Die großen Tastenzauberer wie Keith Emerson führten so etwas Anfang der siebziger Jahre ihrem staunenden Poppublikum vor. Teure Schmatzgeräusche und in Künstlichkeit ächzende Tonschleifen. "Ahs" und "Ohs" allüberall - vor vierzig Jahren.
Die Melodien tröpfeln mäßig
Aber jetzt? Ein Tastenzauderer, dessen Thron im Bühnenvordergrund abgerückt ist, damit er besser entrückt sein kann. Neon-Dekor, vielleicht blitzt irgendwo mal ein Licht auf, im Bühnenhintergrund entfaltet sich monochromes Blau. Ist das groß, ist das viel? Der Stern von Jean Michel Jarre ist ja immerhin schon in den siebziger Jahren aufgegangen. 1977 erschien sein Album "Oxygène", das ihn nach Filmmusik, Elektronikballett und anderen künstlerischen Bemühungen plötzlich zu weltweitem Ruhm katapultierte.
Nun gut, die Melodien tröpfelten schon damals mäßig, gestreckten Werbejingles gleich. Aber was vielleicht noch verblüffen konnte, war der schiere Sound. Jetzt und im Heute wirkt das eher gut gemeint, wie ein wehmütiger Ausflug in die Wichtigkeiten vergangener Tage, mag der Dirigent der Elektronik da noch so zur ganz großen Geste ausholen und immer wieder wie ein wirbelwindiger Derwisch auf wechselnden Abruffeldern so etwas wie einen elektronischen Tusch erzeugen. Rührend.