Konzert Nicht zu alt für Hip Hop
Jan Ulrich Welke, vom 20.05.2010 13:34 Uhr
Dortmund - Ist es schon liebgewonnene Gewohnheit, dient es der Selbstvergewisserung oder schwingt da tatsächlich noch eine Spur Nervosität mit? Wie auch immer: als vor ziemlich genau drei Jahren ihr Album „Fornika“ erschien, gingen die Fantastischen Vier genau so vor, wie sie es auch in diesem Jahr planen. Erst gibt es zum Warmwerden ein paar Auftritte in intimem Clubrahmen, es folgen die sommerlichen Open-Air-Konzerte, ehe das Album dann im Herbst auf einer großen Hallentournee vorgestellt wird. Vor drei Jahren war es ein Auftritt in einem kleinen Club im belgischen Eupen, in dem die Fantas ihre neuen Songs erstmals live vorstellten, diesmal haben sie sich zur Premierenpräsentation ihres am Freitag erschienenen Albums „Für dich immer noch Fanta Sie“ ein Jugendfreizeitheim in Dortmund ausgesucht.
Der Ort war am Dienstagabend also nicht exklusiv, das Vergnügen für die Freunde der Band allerdings sehr wohl: Vor gerade tausend Besuchern spielt die einstige Stuttgarter Formation in diesem Jahr nicht mehr, überhaupt ist sie dieser Kragenweite ja schon seit Jahren entwachsen. In der kommenden Woche werden die Fantas ausgerechnet mit Lena Meyer-Landrut um Platz Eins der Albumcharts konkurrieren, was man in ein paar Jahren vermutlich als eine hübsche Laune des Schicksals betrachten wird. Es zeigt jedenfalls das ungebrochene Interesse an den Sprechgesangspionieren. Dass das Dortmunder Clubkonzert binnen Minuten ausverkauft war, versteht sich da natürlich von selbst.
Die Vier rappen recht oft
Grund zur Nervosität haben die vier Herren angesichts ihrer 21-jährigen Bühnenerfahrung nicht; sollten sie tatsächlich Lampenfieber verspüren, vermögen sie es zumindest bestens zu überspielen. Einmal verspielt sich die bewährte fünfköpfige Liveband gründlich, einmal verhaspelt sich Thomas D sauber, ausgerechnet beim uralten Stück „Bring it back“ verlieren alle zusammen komplett den Faden – ansonsten präsentieren sie alle neuen Songs live, als zählten sie seit Jahren zum Repertoire. „Wir wollen fast alles vom neuen Album und jede Menge alten Scheiß spielen“, verkündet Michi Beck gleich zu Beginn, zwei Stunden und vierundzwanzig Songs später ist die Ansage eingelöst. Zum Auftakt kommen die zwei Stücke, mit denen auch das Album eröffnet wird: „Wie Gladiatoren“ sowie „Dann mach doch mal“, zwei Songs in klassischer Fanta-Vier-Manier, ordentlich instrumentiert, im Text aber etwas selbstreferenziell.
Wollte man dem neuen Album überhaupt einen Vorwurf machen, wäre es denn auch dieser: In seinen sechzehn Songs rappen die Fantastischen Vier allzu häufig, dass sie für den Hip-Hop eigentlich zu alt seien, um andererseits herauszustellen, dass ihnen doch niemand das Wasser reichen könnte. Andererseits war die Ichbezogenheit, ganz ohne peinliche Rapperattitüde und immer ironisch gebrochen, stets das Markenzeichen der Fantas. Es findet sich in einzelnen Songs auch auf jedem der Vorgängeralben.
Von Teenagern zu Vätern gereift
„Es ist nun mal leider schwer, denn jeder würde’s machen wenn es einfach wär“, singen sie etwa in dem Lied „Dann mach doch mal“ – und diese Aussage lässt sich noch immer auch auf ihre Musik münzen. Wie schwer alles ist, zeigt allerdings schon die Wahl der Single. „Gebt uns ruhig die Schuld (den Rest könnt ihr behalten)“ ist ein auch live wohlklingender Song, doch ein so markantes Stück, dass man ihm das Zeug zum Evergreen attestieren würde, ist es nicht. Gleiches gilt für „Garnichsotoll“ und „Danke“. Textlich weitaus überzeugender geraten den Fantas die nachdenklicheren Stücke, „Für immer zusammen“ oder „Das letzte Mal“, und richtig klasse sind das gesampelte „Junge trifft Mädchen“ und die Bluesnummer (!) „Smudo in Zukunft“. „Was wollen wir noch mehr?“, heißt im vor Hitze fast schon flirrenden Saal in Dortmund das letzte Lied vor den Zugaben. Es ist ein Stück, in dem sich die vier Musiker in jeweils einer Strophe selber noch einmal ein kleines Denkmal setzen dürfen. Es ist das letzte Lied des Albums, das sehr schön auf den Punkt bringt, wo die Fantastischen Vier im Jahr 2010 stehen. Sie haben so ziemlich alles erreicht, was man in einem deutschen Musikerleben erreichen kann, sie sind dabei würdig von Teenagern zu Familienvätern gereift. Sie wissen umgekehrt selber (und haben es jüngst im StZ-Gespräch auch betont), dass sie irgendwann zu alt für diese Form von Musik sein werden. Doch wer die Herren auf der Bühne noch immer wie Flummis herumhopsen sieht, spürt, dass es bis dahin noch dauern dürfte.
Ein Scheidepunkt in der Karriere dieser Band ist das Album noch nicht, dazu besteht ja auch noch lange kein Anlass. „Für dich immer noch Fanta Sie“ ist ein gelassenes, reifes, solides Spätwerk, das auch mal ohne die ganz prägnanten Hits auskommen darf. „Wir kommen korrekt und immer gut an, nicht perfekt doch verdammt nah dran“, heißt der Refrain des Lieds „Was wollen wir noch mehr?“ Anderen würde man derlei Zeilen als unangemessen ankreiden, als anmaßende Selbstüberschätzung. Bei den Fantastischen Vier nimmt man es als Augenzwinkern wahr, als Aussage mit allerdings nach wie vor verblüffend hohem Wahrheitsgehalt. Dortmund ist eben nicht überall: In allen deutschen Metropolen, in denen sie im Herbst auftreten werden, sind die jeweils größten Hallen der Städte gebucht. Und in der Stadt, die einst Heimat der Fantastischen Vier war, wieder einmal der Cannstatter Wasen. Ein schleichender Abschied sieht anders aus.