Stuttgart - Die Philosophie ist tot. Sie hat mit den neueren Entwicklungen in der Naturwissenschaft, vor allem in der Physik, nicht mitgehalten." Wer seinen Lesern gleich im zweiten Absatz seines Buches solch starken Tobak zumutet, legt die Latte für die nachfolgenden Kapitel hoch. Doch Stephen Hawking, der britische Physiker, der schon mal damit kokettiert, dass er immer noch keinen Nobelpreis bekommen hat, siedelt seine Ansprüche mit Vorliebe ganz oben an. Mit seinem ersten großen Bucherfolg, den Millionen gekauft, aber nach verbreiteter Ansicht nur wenige gelesen haben, hat er eine "kurze Geschichte der Zeit" hingeblättert.
Mit weniger fängt Hawking nicht an. Und er steigert sich. In seinem neuen Buch geht es ihm und seinem Mitautor, dem Physiker und Autor Leonard Mlodinow, um nichts weniger als die Theorie von allem. Das Faszinierende an Hawking (und den Mitautoren, die er sich sucht) ist, dass er prägnant formuliert und mit System, aber ohne große Umschweife zum Ziel kommt. So macht er sich zum Beweis der Anfangsbehauptung auf einen Schnelldurchgang durch die Philosophiegeschichte. Unterwegs zeigt er klare Vorlieben für Berühmtheiten, die in modernem Sinne am ehesten naturwissenschaftlich vorgingen. So zitiert er zum Beispiel genüsslich Pierre-Simon Laplace, der auf die Frage Napoleons, wie Gott in sein wissenschaftliches Bild der Welt passe, gesagt haben soll: "Diese Hypothese habe ich nicht benötigt, Sire."
"Modellabhängiger Realismus" heißt seine philosophische Ausgangsbasis
Mit Gott hat es der 1942 geborene Astrophysiker genauso wenig wie mit den Philosophen. Er stellt "die letztgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" (Hawking nach dem Romantitel von Douglas Adams) ausschließlich als eine Frage nach naturwissenschaftlich auffindbaren Regeln und Gesetzen. Wer Hawking deswegen vorwerfen wollte, er überschätze die Erkenntnisfähigkeit des Menschen, hat dieses neue Buch noch nicht gelesen. Denn genau darum geht es ihm: dass wir niemals herausbekommen werden, was "Wirklichkeit" ist, dass wir uns damit abfinden sollten, nur ein Modell der Welt im Kopf zu haben, welches wir notgedrungen für die Realität nehmen müssen. "Modellabhängiger Realismus" heißt seine erkenntnisphilosophische Ausgangsbasis.
Solange es Physik gibt, und lange bevor diese Wissenschaft so hieß, haben Wissenschaftler nach fundamentalen Prinzipien gesucht, welche die Welt im Innersten zusammenhalten. In jüngerer Zeit sind sie auf vier Kräfte gestoßen, die den Job erledigen: die Schwerkraft und die elektromagnetische Kraft und im Atomkern die starke und die schwache Kernkraft.