Krankenhäuser in Stuttgart Am Aufnahmetag wird die Entlassung geplant

Nicole Höfle, 07.04.2012 16:16 Uhr

Stuttgart - An einem Freitag ist Werner King im Schlafzimmer zusammengebrochen. Der 81-Jährige konnte seine geschwollenen Beine nicht mehr bewegen und kam ohne fremde Hilfe nicht mehr hoch. Inzwischen liegt der Stuttgarter im Diakonie-Klinikum. Während die Ärzte noch dabei sind, den pflegebedürftigen Mann zu untersuchen, bereitet Annette Breit von der Diakonie-Nachsorge seine Entlassung nach Hause vor. Was die Pflegefachkraft von Ehefrau und Sohn am Krankenbett wissen will, sind ganz praktische Dinge: gibt es ein Pflegebett in der Wohnung, ist ein Lifter für die Badewanne da, reicht die Pflegestufe oder ist der Hilfebedarf durch den Schwächeanfall gestiegen?

Alle Stuttgarter Krankenhäuser sind längst dazu übergegangen, die Entlassung der Patienten frühzeitig vorzubereiten, die konfessionellen Häuser wie das Diakonie-Klinikum, bedienen sich dabei der Hilfe der Diakonie-Nachsorge. „Wir haben gesehen, dass der Übergang von der Klinik nach hause oft holprig läuft und wollten eine Lücke ausfüllen“, sagt Annette Breit von der evangelischen Diakoniestation. Alle Kliniken haben aber auch ihre eigenen Leute im Sozialdienst und der Pflegeüberleitung.

Keine unnötigen Liegezeiten

In den großen Häusern wie dem Robert-Bosch-Krankenhaus und dem städtischen Klinikum sind in den vergangenen Jahren zudem neue Berufsgruppen entstanden: Patientenkoordinatoren und Casemanager. Sie steuern den gesamten Aufenthalt der Patienten und achten darauf, dass keine unnötigen Liegezeiten entstehen – im Sinne des Patienten, aber auch zum Wohl der Klinik. Hintergrund ist zum einen die demografische Entwicklung, die dazu führt, dass immer mehr allein stehende Senioren in den Kliniken landen. Zum anderen sind sie ein Ausfluss der Fallpauschalen und des zunehmenden wirtschaftlichen Drucks, unter dem die Krankenhäuser stehen. „Schon am Aufnahmetag schauen wir uns jeden hochbetagten Patienten an und beginnen damit, seine Entlassung zu planen“, erzählt Carin Ruthardt von der Pflegeüberleitung im Bethesda-Krankenhaus.

Im städtischen Klinikum lotst die Casemanagerin Alexandra Bennett Tumorpatienten durch die Onkologie. Bennett war 16 Jahre lang Krankenschwester in der Onkologie, jetzt achtet sie darauf, dass bei einer Chemotherapie ohne Komplikationen der Patient auch nach fünf Tagen wieder draußen ist – und zuhause oder andernorts versorgt wird. „Früher wurden am ersten Tag im Krankenhaus nur Blut abgenommen und Aufklärungsgespräche geführt. Erst am zweiten Tag begann die Chemo“, erinnert sich Bennett. Solche Tage aber vergüte keine Krankenkasse mehr.

Im Schnitt 7,3 Tage im Klinikum

Zusammen mit 30 Kollegen sorgt die Fallmanagerin dafür, dass bei der Aufnahme alle wichtigen Laborwerte und Unterschriften vorliegen. Sie schaut, dass die Einweisungsscheine da sind und plant Termine für die Röntgenaufnahme, fürs EKG oder den Ultraschall. Vor Beginn der Chemotherapie ruft Bennett die Patienten zuhause an und fragt nach, ob ein Infekt vorliegt, der den Beginn der Therapie verzögern könnte. Aufgabe der Casemanagerin ist es auch, den Kontakt zu zuweisenden Ärzten, Heimen, ambulanten Diensten oder Brückenschwestern zu halten. Mit ihrer Arbeit tragen die Fallmanager dazu bei, eine Entwicklung zu verstärken: die sinkende Verweildauer. Verbrachten die Patienten im Jahr 2001 im Durchschnitt noch 9,9 Tage im städtischen Klinikum, so waren es 2011 nur mehr 7,3 Tage.

Im Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) hofft man darauf, mit Hilfe einer Studie schon bald messen zu können, welchen Nutzen die neuen Berufsgruppen bringen. Dort sind es so genannte Patientenkoordinatoren, die auf drei Stationen den Aufenthalt der Patienten steuern. „Bei der Aufnahme wird schon überlegt, wann die Entlassung sein könnte“, sagt Ursula Matzke, die Pflegedienstleiterin des Robert-Bosch-Krankenhauses, das vor zwei Jahren das System der Patientenkoordinatoren eingeführt hat und sukzessive ausbaut. Matzke spricht von Prozessoptimierung, besserer Steuerung und Verschlankung, Begriffe, die man aus der Wirtschaft kennt. Die Pflegedirektorin vergisst aber auch nicht zu versichern: „Es geht nicht darum, den Patienten schnell wieder loszuwerden, sondern darum, ihn gut durchs Krankenhaus zu lotsen und dabei die Qualität der Behandlung zu steigern.“ Und klar sei auch: letztlich entscheide immer der Arzt, wann ein Patient entlassen werden kann.