Krawalle Kurve außer Kontrolle
Tobias Schall, 16.03.2010 08:34 Uhr
Polizeipräsenz im Stadion: die unterschiedlichen VfB-Fanclubvertreter glauben aber nicht, dass die Gewalt zugenommen hat. Foto: dpa
Polizeipräsenz im Stadion: die unterschiedlichen VfB-Fanclubvertreter glauben aber nicht, dass die Gewalt zugenommen hat. Foto: dpa
Stuttgart - Am Ende landet alles in einem Topf. Proteste in Stuttgart nach dem Bochum-Spiel, Verletzte in Bochum durch das Abbrennen von Pyrotechnik, ein gestürmter Platz in Berlin. Die Gewalt ist zurück in den Stadien, liest man jetzt. Die Kurve ist außer Kontrolle geraten. Der Mob übernimmt das Kommando. Nicht erst seit den Vorkommnissen in Berlin an diesem Wochenende wird dieses Thema kontrovers diskutiert.

Ist die Fankultur außer Rand und Band? Das ist der Grund, warum Joachim Schmid, Vorsitzender des größten VfB-Fanclubs, Rot-Weiß Berkheim, Achim Hennige, Vorsitzender der Cannstatter Jungs, und Oliver Schaal, Sprecher der größten Ultravereinigung in Stuttgart, dem Commando Cannstatt, an diesem Abend zusammensitzen. "Uns ist wichtig, dass differenziert wird", sagt Oliver Schaal. Es gibt nicht den Fan, den Ultra oder den Polizisten: "In der öffentlichen Debatte gibt es aber leider nur Schwarz oder Weiß."

Joachim Schmid, selbst Polizist, warnt vor großer Hysterie, vor allem in Stuttgart, wo es eigentlich die ganz großen Probleme so nicht gebe. Jeder einzelne Fall sei einer zu viel, aber: "Die Gewalt ist meiner Meinung nach nicht größer geworden. Heute ist das, von Ausnahmen abgesehen, insgesamt kein riesiges Problem. Die 70er und 80er Jahre waren da ganz andere Zeiten."

Ultra-Gruppierungen beklagen Repressionen durch die Polizei


Das Problem geht tiefer als die Frage nach Sieg oder Niederlage. Grundsätzliche Probleme beklagen einige Fans im Verhältnis mit Verband und Vereinen. Gepaart mit sportlichem Misserfolg ergibt das bisweilen eine explosive Mischung. In diesen Debatten fokussiert sich viel auf die Ultras. Die Ultra-Gruppierungen beklagen zu starke Repressionen durch die Polizei und Willkür bei der Verhängung von Stadionverboten, mahnen, dass dies dazu beitragen würde, die Atmosphäre aufzuheizen. Vor dem Spiel des VfB in diesem Jahr beim SC Freiburg hat das Commando Cannstatt über eine Bürgerrechtsanwältin im Vorfeld zum Schutz mit den dortigen Behörden Kontakt aufgenommen, um die Rahmenbedingungen vor Ort verbindlich abzufragen.

Die Einsätze werden von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) koordiniert. Auf StZ-Anfrage teilte die Behörde am Montag mit: "Aus polizeilicher Sicht verändert sich das Phänomen der Fußballgewalt. Während ein Teil der noch Anfang der 90er Jahre aktiven Gewalttäter die Szenen verlassen hat, berichten die Polizeibehörden seit 2000 verstärkt über das Auftreten der Ultra-Gruppierungen. Die überwiegende Mehrzahl der Angehörigen der Ultra-Gruppierungen wird in die Kategorie A eingestuft, jedoch deutet die Steigerung des Anteils der von freiheitsentziehenden Maßnahmen betroffenen Personen in der Altersgruppe der 14- bis 17- und der 18- bis 20-Jährigen auf deren vermehrte Teilnahme an Störerhandlungen hin."

Und weiter: "Wichtig ist, dass - auch in der Berichterstattung- zwischen der überwiegenden Mehrheit der friedlichen Fans und den im Verhältnis wenigen Gewalttätern und Störern unterschieden wird." Der Wunsch der ZIS: "Friedliche Fans und insbesondere öffentlich auftretende Fanvertreter sollten sich deutlich von Gewalt und gewalttätigen Störern distanzieren."

Böller in ausgehöhlten Orangen ins Stadion geschmuggelt


Es gibt keine Zahlen, ob es tatsächlich vermehrt zu Störfällen kommt. Es ist mehr ein Gefühl. "Jedes bengalische Feuer wird gleich ein großes Thema in den Medien, das befeuert die ganze Entwicklung", sagt Oliver Schaal. Schlagzeilen hatte zuletzt der Überfall einiger Frankfurter Ultras auf das Karlsruher Fanprojekt gemacht. Die Fanbeauftragten der Vereine forderten die Anhänger nach diesem Vorfall in einem offenen Brief auf, diese "Fehlentwicklungen" zu stoppen und Verantwortung zu übernehmen, um derartiges Fehlverhalten zu verhindern. "Pyrotechnik, zunehmende Gewalt, gegenseitiges Berauben und das anschließende Präsentieren der geraubten Fanartikel sind Fehlentwicklungen, die wir uns nicht wünschen und die uns zunehmend Sorgen bereiten", heißt es: "Wir werden nicht zusehen, wie sich die Fankultur von innen heraus zerstört."

Bei einem Spiel in Karlsruhe wurden Orangen ausgehöhlt und darin Böller ins Stadion geschmuggelt. Um sich vor den Videoaufzeichnungen zu schützen werden bengalische Feuer aus dem Ostblock, genannt "Breslau-Feuer", am Boden angezündet. In Bochum wurde dies einigen Nürnbergern zum Verhängnis, es gab Verletzte.

Die Selbstreinigungskraft der Kurve - darauf hoffen viele Verantwortliche. Am Ende sind es die friedlichen Fangruppierungen, die darunter zu leiden haben, zum Beispiel unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen und einer restriktiveren Gangart. Achim Hennige sagt, dass Randalierer schwer zu kontrollieren seien. Natürlich spreche man Personen an, wenn man etwas sehe, aber es gebe eine zunehmende Tendenz zu "Tumulttouristen", die man nicht unter Kontrolle habe. "Wir haben ein Interesse daran, Verantwortung zu übernehmen und versuchen bei Fehlentwicklungen einzuwirken", sagt Schaal. Aber es gebe leider Grenzen.
Kommentare (5)
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MRZ
17
songofjoy, 11:23 Uhr

Verharmlosung vs. Medienhype

Im ZDF-Sportstudio wurden die Berlin-Bilder von einer sehr betroffenen Frau M.-H. als schockierende, noch nie dagewesene Gewaltorgie angekündigt. Im Film sah man ein paar Duzend Hallodris auf dem Rasen herumeiern. In einer unfassbaren Gewalt-Eskalation haben sie dann die Ersatzbank umgeworfen. Hui! Man möge mich nicht falsch verstehen, ich will Gewalt im und um die Stadien nicht verharmlosen. Der Umgang der Medien damit ist aber sicher nicht hilfreich, da viel zu undifferenziert. Bei jedem Spiel in den untern Ligen gibt es mehr Gewalt, ebenso gibt es nach wie vor eine Hooligan-Szene, die den Fußball für Ihren Schlägerei-Quatsch mißbraucht. Was man in Berlin oder in der Hinrunde in Stuttgart gesehen hat, waren über die eigene Mannschaft und die Führungsetage empörte und frustierte Anhänger des Vereins. Das ist etwas völlig anderes als ein Hobby-Schläger. Ich behaupte 95% der "Ultras" sind in erster Linie Fußballfans. Sie schaffen die vielzitierte Atmosphäre in den Stadien, die sich der moderne Fan dann im Pay-TV anschaut. Seltsam auch jetzt bei den europäischen Wettbewerben zu sehen: sämtliche Kommentatoren schwärmen von der tollen Atmosphäre, obwohl die ganze Kurve lichterloh brennt und italienische Stadien zum Teil randvoll mit irgendwelchen Nazitrotteln sind. Wenn bei uns hingegen mal ein Bengalo leuchtet ist das gleich ein Skandal. Albern!

MRZ
16
p.kauffi, 20:33 Uhr

schlechte Gesellschaftsspiele!?

Das Hauptproblem vieler Krawalmacher ist die Strafverfolgung und die folgerichtige Strafe. Welche Strafe erhalten die Chaoten von Berlin? NICHTS! Also werden diese Ihr Spiel in der Öffentlichkeit weiter treiben. Warum stürmen die Chaoten nicht den Bundestag? Dort sitzen die Verantwortlichen Schönredner! Die Polizei kann die Gesellschaft nicht erziehen und für Ordnung sorgen. Unsere Justuz ist nicht handlungsfähig durch die laschen 68er Erziehungsmodelle. Was kann der Fußball dagegen tun? Wir die Fans müssen einschreiten und die Auffälligen strafen oder Anzeige erstatten. Dadurch kommt wieder Frieden und Freude ins Stadion.

MRZ
16
sveno69, 13:53 Uhr

@mike

Da spricht der Kenner! Allerdings würde es mich schon interessieren, wo es da nach dem Bochum-Spiel zu gewalttätigen Szenen gekommen ist. Die haben, meiner Meinung nach, hauptsächlich in der Presse und in Herrn Staudts Schuldzuweisungen stattgefunden. Und ich denke, dass die Leistungen seit Ende der Ära Babbel unterstreichen, dass an den Forderungen der Fans nach einer Zukunftsperspektive für den Verein etwas dran war. Ich habe den Eindruck, dass die Bundesliga für Sie in erster Linie bequem in Ihrem Wohnzimmersessel vor der Mattscheibe stattfindet. Das es Ihnen da bei der heutzutage üblichen Berichterstattung ab und zu Angst und Bange wird, vist verständlich.

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