Die Kreativwirtschaft in Stuttgart gewinnt an Bedeutung. Wir stellen die Protagonisten der Kreativszene in einer Serie vor. Heute: Norbert Henning setzt Firmen filmisch in Szene und führt den Mittelstand zum viralen Hit.

Stuttgart – Zumindest optisch entspricht Norbert Henning ganz sicher nicht dem Klischee vom abgerockten Kreativen: Er trägt ein schickes Hemd, die Krawatte, die er zuvor wegen eines Termins an der IHK tragen musste, baumelt als Schal-Ersatz lässig um den Hals. Während des Interviews behält er zu jedem Zeitpunkt seinen aufgeklappten Laptop im Blick – zum Zeitpunkt des Gesprächs mit der Stuttgarter Zeitung wird der neue Werbespot für den Fernsehsender Sky vorgestellt, den Henning mit verantwortet hat. Er will eingreifen, falls bei der Präsentation etwas schiefgeht.

 

Henning, der ursprünglich aus Braunschweig kommt, hat an der Filmakademie Ludwigsburg Produktion mit Schwerpunkt Werbefilm studiert. 2013 hat er eine Beratungsfirma gegründet, die sich mit Bewegtbild, also Film, befasst. Das an sich ist nicht neu, Henning hat sich aber komplett auf Werbefilme spezialisiert und will dadurch überzeugen, dass er seinen Kunden – von der Idee bis hin zur Veröffentlichung – immer mit Rat und Tat zur Seite steht. Der Vorteil aus seiner Sicht: Er kann sich als freier Berater, anders als eine große Agentur, ganz auf die Bedürfnisse seiner Auftraggeber konzentrieren.

Henning steuert alle Prozesse, die beim Film involviert sind

Henning steuert und überwacht alle Prozesse, die mit der Produktion des Films zu tun haben. Konkret bedeutet das: Er ist verantwortlich für Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung des Films, kümmert sich um Ausschreibung und das Vergleichen von Angeboten. Kunden sind meist Unternehmen, aber auch Werbeagenturen. Der 40-Jährige hat damit, wie er sagt, eine Marktlücke erarbeitet. Mit Hilfe eines Gründerkredits hat er den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Zuvor war Henning bei großen Agenturen angestellt.

„Natürlich ist nichts so wichtig wie eine gute Idee“, betont Henning, aber oft fehle eine gute Strategie. „Da komme ich ins Spiel“, sagt er. Unternehmen hätten oft eine falsche Vorstellung davon, wie effektives Marketing im Film-Bereich aussieht. Auch klafften manchmal die Erwartungen und die finanziellen Möglichkeiten der Auftraggeber weit auseinander.

Der schwäbische Mittelstand lechzt nach einem viralen Hit

Seit Firmen wie Volvo für ihre Truck-Linie mit einer Spagat-Schlacht mit Kampfsportstar Jean-Claude Van Damme werben und damit einen viralen Hit landen, also über das Internet eine beispiellose Aufmerksamkeit generieren, weil zahllose User die Filme weiterverbreiten, seitdem sind laut Norbert Henning viele Mittelständler von Youtube besessen: „Viele denken, man könne für 1000 Euro einen kleinen Film drehen, den auf Youtube stellen und dann erwarten, dass sich das viral verbreitet, das ist aber falsch.“ Gerade hinter den viralen Hits stecke oft eine unglaubliche Planung und Vorlaufzeit – und eine gehörige Portion Glück.

Mit dem Volvo-Case, wie es im Sprech der Werbebranche heißt, hat sich Henning auseinandergesetzt, als er kürzlich für das Land Baden-Württemberg das Cannes Lions International Advertising Festival besucht hat. Beim wichtigsten Festival der Werbebranche war eine Delegation von Kreativen aus dem Land vor Ort, um zum einen die hiesige Szene zu präsentieren, zum anderen Input aus Cannes zurück nach Stuttgart zu bringen. „Das ist schon ein Spektakel da unten, wenn die größten der Branche ihre Kampagnen erklären“, so Henning. Dabei müsste sich die Kreativwirtschaft der Region Stuttgart vor den Großen nicht verstecken. „Stuttgart ist ein ausgezeichnetes Pflaster für Werbung.“

Die Aufträge, die Henning bis jetzt an Land gezogen hat, können sich sehen lassen: Für den TV-Sender Sky hat er wie eingangs beschrieben einen erfolgreichen Clip mitproduziert, in dem sich Franz Beckenbauer und Jürgen Klopp einen humorvollen Schlagabtausch liefern. Aber auch mit Unternehmen aus der Region ist er gut im Geschäft. „Man muss natürlich verstehen, wie der schwäbische Mittelstand tickt.“ Die vielen Konzerne böten ein ausgesprochen gutes Umfeld, um gute Aufträge an Land zu ziehen. Das Fazit nach seinem ersten Jahr kreativer Selbstständigkeit ist positiv: „Ich bin froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.“ An Motivation mangelt es ihm jedenfalls nicht: Nebenher studiert Henning derzeit BWL. Stillstand ist eben nicht sein Ding.