""Wir müssen bei dem
Projekt die Reißleine
ziehen.""
Winfried Hermann, Grünen-Experte
Stuttgart - Nachdem die Träger des Bahnprojekts "Stuttgart-Ulm" vor wenigen Wochen eine Erhöhung der Kosten für die Neubaustrecke von zwei auf 2,9 Milliarden Euro verkündeten, hat nun auch die Gegenseite ihre Hochrechnungen für die rund 60 Kilometer lange Trasse zwischen Wendlingen und Ulm aktualisiert. Diese soll laut Bahn zeitgleich im Jahr 2019 mit dem Nachbarprojekt Stuttgart 21 fertig und verbunden werden. Beauftragt von den Grünen in Bund und Land beziffern die Münchner Verkehrsplaner Vieregg und Rößler die Kosten für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm nun im günstigsten Fall auf 4,55 Milliarden Euro, im schlechtesten auf zehn Milliarden und mehr. 2006 hatte das Büro bereits von 4,6 Milliarden Euro gesprochen. Das sei zu teuer, zumal nur drei ICE pro Stunde dort verkehren würden. Günstiger und fast genauso zeitsparend wäre es, auf der Altstrecke ICE mit Neigetechnik fahren zu lassen, wie die Bahn das einst selbst geplant hatte. Die Bahn sprach im Zusammenhang mit dem neuen Gutachten von "Horrorzahlen" und "durchsichtiger Stimmungsmache". Die Rechnungen entbehrten jeder Grundlagen, die Zahlen "disqualifizierten sich von selbst". Schon 2008 habe das Büro Vieregg&Rößler in einem Gutachten zu Stuttgart21 "falsche Prämissen unterstellt und unzulässige Schlüsse gezogen", indem falsche Tunnellängen verwendet worden seien, was das Büro allerdings dementierte. In die eigene Prognose seien die exakten Daten über Mengen und Preise sowie Gewerke und geologische Verhältnisse eingeflossen, betonte ein Konzernsprecher. Martin Vieregg und Karlheinz Rößler bezeichnen wiederum die Kostenrechnung der Bahn als "äußerst fragwürdig".
Kosten von bis zu zehn Milliarden Euro denkbar
Der Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Winfried Kretschmann, begründete die Auftragsvergabe an Viereggund Rößler damit, die Partei habe sich "ein unabhängiges Bild" machen wollen. Die Bahn würde ihre Projekte "systematisch günstig rechnen und nur unter Druck nach oben korrigieren". Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), nannte die Strecke den "größten Kostenknaller in der deutschen Eisenbahngeschichte". Die Parlamentarier hätten das Projekt aufgrund falscher Daten abgesegnet, im Privatleben würde man von Betrug sprechen. Er sei überzeugt, dass der Bund die Mehrkosten nicht finanzieren könne. "Wir müssen die Reißleine ziehen", sagte er.
Hermann appellierte an die Abgeordneten, die "Kirchturmspolitik zu beenden", und sich für den Schienenausbau dort einzusetzen, "wo er effizient ist". Die Neubaustrecke nach Ulm sei nicht so wichtig wie behauptet. Bedeutender seien der Ausbau der Rheintalbahn, der Gäubahn und die Elektrifizierung der Südbahn, betonte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Landtagsfraktion, Werner Wölfle. Dafür bleibe aber kein Geld mehr. Der Bund habe bereits acht bis neun Milliarden Euro der insgesamt elf Milliarden Euro für den Ausbau des Netzes bis 2020 verplant. Ein Moratorium sei deshalb unerlässlich.
Das Gutachten basiert nach Aussage von Vieregg und Rößler auf den Abrechnungen realisierter Schienenbauprojekte wie der Strecke Nürnberg-Ingolstadt. Die Experten brechen die Kosten auf Pauschalen herunter, das sind beispielsweise Bauwerksvolumina oder die Länge von Gleisen. Sie ermittelten für die 60 Kilometer lange Strecke eine aktuelle Kostenuntergrenze von vier Milliarden Euro (Preisstand 2010); mit Berücksichtigung einer Inflation von 2,5 Prozent jährlich dürften die Kosten bis 2016 laut Gutachten auf 4,55 Milliarden Euro steigen. Wahrscheinlicher seien aber Kosten von bis zu 5,3 Milliarden. Im schlechtesten Fall, der laut Vieregg einträte, falls die Bahn nicht umplane und kostengünstigere Tunnelbohrmaschinen verwende, seien sogar Kosten von zehn Milliarden Euro und mehr denkbar.