Kritik an der Neubaustrecke "Größter Kostenknaller der Geschichte"
Jörg Nauke, 09.09.2010 06:25 Uhr
Kritik an der Neubaustrecke: Winfried Hermann, Winfried Kretschmann, Karlheinz Rößler, Martin Vieregg (von links). Foto: Steinert
Kritik an der Neubaustrecke: Winfried Hermann, Winfried Kretschmann, Karlheinz Rößler, Martin Vieregg (von links). Foto: Steinert
""Wir müssen bei dem Projekt die Reißleine ziehen.""
Winfried Hermann, Grünen-Experte

Stuttgart - Nachdem die Träger des Bahnprojekts "Stuttgart-Ulm" vor wenigen Wochen eine Erhöhung der Kosten für die Neubaustrecke von zwei auf 2,9 Milliarden Euro verkündeten, hat nun auch die Gegenseite ihre Hochrechnungen für die rund 60 Kilometer lange Trasse zwischen Wendlingen und Ulm aktualisiert. Diese soll laut Bahn zeitgleich im Jahr 2019 mit dem Nachbarprojekt Stuttgart 21 fertig und verbunden werden. Beauftragt von den Grünen in Bund und Land beziffern die Münchner Verkehrsplaner Vieregg und Rößler die Kosten für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm nun im günstigsten Fall auf 4,55 Milliarden Euro, im schlechtesten auf zehn Milliarden und mehr. 2006 hatte das Büro bereits von 4,6 Milliarden Euro gesprochen. Das sei zu teuer, zumal nur drei ICE pro Stunde dort verkehren würden. Günstiger und fast genauso zeitsparend wäre es, auf der Altstrecke ICE mit Neigetechnik fahren zu lassen, wie die Bahn das einst selbst geplant hatte. Die Bahn sprach im Zusammenhang mit dem neuen Gutachten von "Horrorzahlen" und "durchsichtiger Stimmungsmache". Die Rechnungen entbehrten jeder Grundlagen, die Zahlen "disqualifizierten sich von selbst". Schon 2008 habe das Büro Vieregg&Rößler in einem Gutachten zu Stuttgart21 "falsche Prämissen unterstellt und unzulässige Schlüsse gezogen", indem falsche Tunnellängen verwendet worden seien, was das Büro allerdings dementierte. In die eigene Prognose seien die exakten Daten über Mengen und Preise sowie Gewerke und geologische Verhältnisse eingeflossen, betonte ein Konzernsprecher. Martin Vieregg und Karlheinz Rößler bezeichnen wiederum die Kostenrechnung der Bahn als "äußerst fragwürdig".

Kosten von bis zu zehn Milliarden Euro denkbar


Der Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Winfried Kretschmann, begründete die Auftragsvergabe an Viereggund Rößler damit, die Partei habe sich "ein unabhängiges Bild" machen wollen. Die Bahn würde ihre Projekte "systematisch günstig rechnen und nur unter Druck nach oben korrigieren". Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), nannte die Strecke den "größten Kostenknaller in der deutschen Eisenbahngeschichte". Die Parlamentarier hätten das Projekt aufgrund falscher Daten abgesegnet, im Privatleben würde man von Betrug sprechen. Er sei überzeugt, dass der Bund die Mehrkosten nicht finanzieren könne. "Wir müssen die Reißleine ziehen", sagte er.

Hermann appellierte an die Abgeordneten, die "Kirchturmspolitik zu beenden", und sich für den Schienenausbau dort einzusetzen, "wo er effizient ist". Die Neubaustrecke nach Ulm sei nicht so wichtig wie behauptet. Bedeutender seien der Ausbau der Rheintalbahn, der Gäubahn und die Elektrifizierung der Südbahn, betonte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Landtagsfraktion, Werner Wölfle. Dafür bleibe aber kein Geld mehr. Der Bund habe bereits acht bis neun Milliarden Euro der insgesamt elf Milliarden Euro für den Ausbau des Netzes bis 2020 verplant. Ein Moratorium sei deshalb unerlässlich.

Das Gutachten basiert nach Aussage von Vieregg und Rößler auf den Abrechnungen realisierter Schienenbauprojekte wie der Strecke Nürnberg-Ingolstadt. Die Experten brechen die Kosten auf Pauschalen herunter, das sind beispielsweise Bauwerksvolumina oder die Länge von Gleisen. Sie ermittelten für die 60 Kilometer lange Strecke eine aktuelle Kostenuntergrenze von vier Milliarden Euro (Preisstand 2010); mit Berücksichtigung einer Inflation von 2,5 Prozent jährlich dürften die Kosten bis 2016 laut Gutachten auf 4,55 Milliarden Euro steigen. Wahrscheinlicher seien aber Kosten von bis zu 5,3 Milliarden. Im schlechtesten Fall, der laut Vieregg einträte, falls die Bahn nicht umplane und kostengünstigere Tunnelbohrmaschinen verwende, seien sogar Kosten von zehn Milliarden Euro und mehr denkbar.

Kommentare (53)
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SEP
11
Stuttgarter II, 00:28 Uhr

@Käptn Blaubär

Aber das müsste doch genau zu Ihnen passen, wenn man im Sesamstraßenjargon mit Ihnen diskutiert. Wenn hier einer reinfällt, dann sind das Sie. Und zwar auf die Propaganda des Gangolf-Grünen Lügenpacks. Also noch ein Erklärungsversuch: die Strecke Stuttgart-Ulm ist im gleichen Zustand wie 1995, daher ist auch die Fahrtzeit gleich. Die NBS bringt also einen Vorteil von 25 Minuten. Lesen Sie einfach den Link, den Steilvorlage Neumann dankenswerterweise hier eingestellt hat. DAS SIND DIE FAKTEN. Man muss nur lesen können, das geht ganz ohne Bahn und Gangolf. Probieren Sie es! Und die leichten Güterzüge? Es gibt sie noch nicht. Wie sollte man sie also heute sehen können?

SEP
10
Stuttgarter II, 23:56 Uhr

@ Steilvorlage Neumann

Sie sind wohl etwas verwirrt und geifern gegen mich, nicht gegen Dr. No. Aber das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren, gell. Wie war das mit der Gesamtfahrzeit nach M - die verkürzt sich um weniger Minuten als die nach Ulm schreiben Sie, ja ist wohl auch der Eifer etwas mit Ihnen durchgegangen zulasten der Logik... Und Sie haben dann einen schönen Link zu ICE-Treff gefunden. Vielleicht sollte Sie nicht nur verlinken, sondern auch alles lesen, was da steht. Denn das bestätigt meine Aussagen zu 100%: die NBS bringt 25 Minuten Zeitersparnis verglichen mit dem Stand 1995. Die Steilvorlage ist also ganz von Ihnen, danke dafür!

SEP
10
kritischer Betrachter, 17:29 Uhr

Vieregg und Rössler

Sehr geehrte Herren, ich kenne dieses erwähnte Gutachten nicht, kann somit auch nicht beurteilen was damit gemeint ist! Vielleicht geht es hierbei um Effizienz Steigerung im Personenfernverkehr, darauf ist das oben genannte Büro spezialisiert. Leider ist es nunmal so das der Tunnelbau kompliziert ist und man dafür Fachleute benötigt welche sich mit den jeweiligen Fachdisiziplinen/ Wissenschaften auskennen und genau auch dafür ausgebildet sind, d.h. Bauingenieure und Geologen.

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