Kritik an digitalen Medien Dick, dumm, aggressiv, einsam, krank

Von  

Manfred Spitzer hat vor vielen Jahren über das Fernsehen gelästert, jetzt knöpft er sich mit ganz ähnlichem Vokabular das Internet vor. Seine Argumentation ist allerdings nicht nur schief, sondern auch gefährlich.

So wie dieser Nerd aus „South Park“ werden alle unsere Kinder, wenn wir sie nicht vor dem Internet bewahren – sagt Manfred Spitzer. Foto: Comedy Central
So wie dieser Nerd aus „South Park“ werden alle unsere Kinder, wenn wir sie nicht vor dem Internet bewahren – sagt Manfred Spitzer.Foto: Comedy Central

Stuttgart - Zunächst die Essenz von Manfred Spitzers Buch im O-Ton: „Meiden Sie die digitalen Medien. Sie machen, wie vielfach hier gezeigt wurde, tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ Nachzulesen in Spitzers unlängst veröffentlichtem Pamphlet „Digitale Demenz“.

Spitzer umschreibt die Wirkung des Konsums digitaler Medien mit fast denselben Worten, die er vor Jahren für seine Thesen zum Fernsehen benutzte. Er müsse das so sagen, betont der Ulmer Psychiater, schließlich sollen seine Warnungen Schlimmeres verhindern. Es gehe ihm um die jungen Leute, deren junge Köpfe „wir“ mit diesem Internet- und Computergefummel „systematisch (. . .) vermüllen“. Weil Politiker, Medien, Kirchen und sogar die Bundesverwaltung schon selbst ganz benebelt seien, fänden sich die Wahrheit und der Weg zum Glück nur bei ihm.

Das kennt man so ähnlich schon von anderen Autoren

„Recht so“, werden manche sagen, „endlich mal einer, der es ausspricht“! Endlich mal einer, der nicht bei diesem neumodischen Zeugs begeistert mitmacht. Und der auch noch mit Wissenschaft daherkommt, ergo nicht irren kann! Netznutzer verblöden, wir haben’s schon immer gewusst.

Solche Fundamentalkritik am Digitalen kennt man inhaltlich wie stilistisch von anderen Autoren. Im Grunde sagt Spitzer nur mit eigenen Worten, was Nicholas Carr anno 2008 mit seiner berühmten rhetorischen Frage behauptet hat: „Macht Google uns dumm?“ Ja, Google macht uns dumm, schreibt, ach was: trötet Spitzer exakt vier Jahre später. Wobei „Google“ für das gesamte Internet steht: das dort gespeicherte Wissen, die Online-Netzwerke, die Spiele und die Suchmaschine selbst.

Mit einigen Studien, darunter etliche von ihm selbst, unterstreicht der Psychiater seine Thesen: Dauer-Onlinepräsenz verändere das Gehirn; Google-Fertigkeiten seien ohne eigenes „Expertenwissen“ nichts wert; wer nur noch alleine vorm PC über Facebook mit seinen Freunden interagiere, degeneriere als soziales Wesen. Da stimmt Spitzer der britischen Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield zu: Die kritisierte vergangenes Jahr in einem Interview „die Art und das Ausmaß, wie wir digitale Technologien nutzen“.

11 Kommentare Kommentar schreiben

Bildzeitungs-Niveau: Lieber Schreiberling dieses Kommentars, glauben Sie doch bitte nicht, die Leser sind so blös, sich von der Medien-Propaganda einwickeln zu lassen. Klar ist, dass das Internet als wichtiger Teil der Evolution von der Menschheit für viele sinnvolle Dinge genutzt wird - und dass wir hier nicht in der Vergangenheit stecken bleiben müssen, sondern lernen müssen, das auch sinnvoll zu nutzen. Klar ist aber auch, dass viele der Aussagen Spitzers richtig sind - viele der sozialen Plattformen haben ein Suchtpotential. Vielleicht sollte der Autor dieses Artikels einmal begründen, warum Spitzers Thesen 'pseudowissenschaftlich' (üblicher Kampf-Begriff, wenn man es nicht besser weiß!) sein sollen!? Warum setzen Sie sich nicht mit seinen Studien auseinander? Ist das zu viel verlangt? Vermutlich ja. Achja - ich nutze täglich das Internet - doch facebook habe ich inzwischen gelöscht, weil es mir einfach zu viel Zeit gekostet hat...

Achtung!: Ich fasse mich kurz. Klar macht die Dosis das Gift. Der durchschnittliche Medienkonsum von Jugendlichen in Deutschland liegt bei 7,5 Stunden jeden Tag!! Wer jetzt behauptet, das sei kein Gift, dessen Kinder würde ich gerne kennen lernen.

'Rezension' im copy-and-paste - Stil: Vor wenigen Tagen erschienen mehrere Berichte die Spitzer als 'neuen' Sarrazin hinstellten: 'Die “Netzgemeinde” arbeitet sich am Shitstorm ab, der nächste Sarrazin ist gefunden' - auf dem Blog basedow1764. Unter alltagsforschung.de wird ebenfalls der Sarrazin - Vergleich gezogen. Auch das 'Argument' Spitzer habe 'keine Ahnung vom Netz' ist schon seit ein paar Tagen im Umlauf und stammt von einem sogenannten 'Medienexperten', dem Unternehmer Martin Lindner. Insofern könnte Plavecs Beitrag durchaus ein Beispiel für die aktuelle 'moderne' Netzkultur sein, die zu einem sehr grossen Teil auf unreflektiertes Copy-and-paste beruht. Man hat gar nicht mehr die Zeit und die Muße sich tiefer mit etwas auseinanderzusetzen, permanentes Multitasking, hektisches Checken der Mails und permanenter medialer Overkill sind 'Normalzustand geworden. So bekommt man dann auch nicht einmal den vollständigen Titel des Buches zu Papier: 'Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen' - im Grossen und Ganzen ist der bericht leider eher ein Beleg für Spitzers Thesen....

A bisserl einseitig: Das Buch polarisiert, der Autor weiß das und lässt das auch immer wieder im Text einfließen. Er wird gehasst und weiß auch das. Der Autor des Artikels wirft ihm Hetze vor im Stile eines Thilo Sarrazin. Das finde ich doch ein starkes Stück. Von Rassismus oder Menschenverachtung ist er weit entfernt. Es geht ihm um den Umgang der jungen und jüngsten Menschen mit den Medien. Ich gehe einmal davon aus, dass Ihr Redakteur (noch) keine Kinder hat, sonst würden ihm zumindest einige Thesen aus Spitzers Buch halbwegs einleuchten, da sie mit gesundem Beobachtungsvermögen und Menschenverstand in unserer Gesellschaft für jeden zu sehen und zu spüren sind. Mir tun die jungen Menschen leid, es tut wirklich weh, einen großen Teil von ihnen unmittelbar von der Gefahr, zu verblöden, bedroht zu sehen. Herr Plavec argumentiert, dass es die psychischen Störungen, die im Buch geschildert werden, schon vorher gegeben hat. Das stimmt zum Teil-allerdings bei weitem nicht in diesem heute zu beklagendem Ausmaß. Es ist doch so wie Spitzer es beschreibt: Jemand mit Vorbildung, vornehmlich Erwachsene, können wohl in den meisten Fällen mit der Medienberieselung und dem daraus resultierenden Stress umgehen. Was das allerdings mit Kindern und Jugendlichen anstellt, wissen wir nicht genau. Viele von uns ahnen es allerdings schon: Nicht wirklich viel Gutes. Schon mal was von Cyber-Mobbing, Internetabhängigkeit oder Filmportalen gehört, durch die sich jeder mit eigenem PC oder Handy Gewaltfilme rund um die Uhr ansehen kann? Das gab es früher nicht. Ebenso wenig wie die Mentalität, alles an Musik, Film, usw. umsonst und ohne Strafe zu bekommen? Was macht das aus jungen Leuten? Das Buch als Nonsens-Buch abzutun, das ein jeder hoffentlich nur zur Belustigung liest? Das mag in den Kreisen des Herrn Plavec der Fall sein, in Kreisen von verantwortungsvollen Eltern und Pädagogen werden solch kritische Zeilen immer wieder angenommen, da genau diese Gefahren und auch Symptome schon seit Jahren sichtbar sind und sich auch immer mehr verstärken. Es gibt gefährdete Menschen, zu denen Kinder insbesondere zählen und es gibt die, welche sich kritisch und wissentlich mit den Medien auseinander setzen. Um letztere geht es in dem Buch nicht... Ein wenig Objektivität in der Sache hätte Herrn Plavec auch ganz gut zu Gesicht gestanden, der Artikel ist letztlich genauso polemisch und einseitig wie Herr Plavec das Buch beschreibt....

Miserabler: Man kann Spitzer durchaus eine gewisse Einseitigkeit vorhalten, dann sollte man aber wenigstens ein paar substanzielle Dinge zu sagen haben. Plavecs Tirade geht gleich an mehereren zentralen Punkten komplett an der Sache vorbei: 1. Der Focus diverser Psychologen und Gehirnforscher setzt die negativen Wirkungen von exzessivem Fernseh- und Bildschirmkonsum primär auf die Heranwachsenden an. Je jünger, desto schädlicher. Optimierung des Desasters: Babyfernsehen! 2. Die stärkste Wirkung wird durch moderne ultramoderne Computerspiele erzielt. In aller Regel werden brutalogames die ab 18 freigegeben sind bereits von 12 Jährigen gespielt. 3. Speziell in 'bildungsfernen' Haushalten findet excessiver medienkonsum statt, es geht um bis zu 5 Stunden täglich. 3. Das starke nachlassen von Bildungserfolgen bei männlichen Jugendlichen die letzten 20 Jahre wird zB von dem Kriminologen Christian Pfeiffer primär damit erklärt dass Mädchen kaum Computerspiele benutzen. 4. Spitzer interpretiert primär weltweit veröffentlichte Studien, eher selten die eigenen. 5. Der Vergleich mit dem Populisten Sarrazin ist eine bodenlose Unverschämtheit. IIm Bericht wird der falsche Eindruck erweckt Spitzer beziehe sich auf Sarrazin. 6. Insgesamt hat sich der Autor offensichtlich sehr rudimentär mit dem Thema beschäftigt. Auch ein offensichtlich noch recht unerfahrener Volontär sollte sich wenigstens halbwegs in sein Thema einarbeiten. 7. Spitzer ist der führende deutsche Gehirnforscher, hat in Medizin promoviert und in Philosophie und Psychologie habilitiert. Diverse seiner Bücher und wissenschaftlichen Publikationen gelten als Standartwerke. Wer sich an so einer Persönlichkeit abarbeitet sollte vielleicht auch eine gewisse Statur besitzen - das ist bei Plavec definitiv nicht der Fall. Ehrlich gesagt habe mich gefragt ob der Autor je eine einzige seite von Spitzer gelesen hat!

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.