Kritische Ausgabe von „Mein Kampf“ Hitlers Pläne waren kein Geheimnis

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Der Schreibstil war wirr. Aber Hitlers „Mein Kampf“ hat lange vor 1933 schon offenbart, was die Pläne der Nazis für Deutschland waren. Die Gegenüberstellung von Dichtung und Wahrheit wird eine der Hauptaufgaben der wissenschaftlichen Edition sein.

Historiker konnten Hitler längst zahlreiche Beschönigungen und Lügen nachweisen. Foto: epd
Historiker konnten Hitler längst zahlreiche Beschönigungen und Lügen nachweisen.Foto: epd

Stuttgart - Klar, verständlich, nachvollziehbar, schlüssig: kein Attribut, durch das sich ein gutes Sachbuch gleich welchen Themas auszeichnet, trifft auf Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“ zu. Selbst damalige Kampfgefährten wie der Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff rümpften über das „wirre, stümperhafte Zeug“ die Nase. Wer in der Vergangenheit das Buch zur Hand nehmen konnte, wird sich nur mit Mühe hindurchgekämpft haben. Doch Stilkritik allein hilft nicht weiter: Lange vor seiner Machtübernahme als Reichskanzler 1933 hat Adolf Hitler hier alle wesentlichen Elemente des NS-Terrors als Programm vorab offengelegt.

Das gilt besonders für seinen Antisemitismus. Hitler bekennt sich zu seinem heillos, ja krankhaft übersteigerten Judenhass. Er schöpft dabei aus jenem Antisemitismus, der in rechten Kreisen Deutschlands schon seit Jahrzehnten gepflegt und pseudowissenschaftlich begründet wurde, insbesondere aus den „Protokollen der Weisen von Zion“ von 1903: Eine „jüdische Weltverschwörung“ nutze sowohl den Banken-Kapitalismus als auch den Kommunismus, um alle „nationalen Volkswirtschaften“ zu zerstören. Deswegen müsse an die Stelle des Klassenkampfes der „Rassenkampf“ treten. Hitlers Belege entbehren dabei jeder Substanz. So behauptet er, die Prostitution sei vorrangig „in jüdischer Hand“, um in Deutschland die Verbreitung der Syphilis zu fördern.

Mit England und Italien strebt er ein Bündnis an

Offen schreibt er auch über die Zerschlagung der linken Arbeiterbewegung: Der „nationale Sozialismus“ sei ein Gegenentwurf zum (ebenfalls jüdischen) Kommunismus. In Deutschland müssten alle Gewinne den eigenen, „schaffenden Volksgruppen“ gehören.

Keinen Zweifel ließ er auch an seinen außenpolitischen Zielen: Vergleichsweise überschaubar ist noch seine Forderung nach einem „Anschluss“ Österreichs (also seines Heimatlandes) an das Deutsche Reich. Ansonsten fordert er vor allem mehr „Lebensraum“ für die Deutschen, um sich flächenmäßig und von den Bodenschätzen her die Grundlagen für einen „nationalen Sozialismus“ schaffen zu können. Diesen „natürlichen Lebensraum“ sieht Hitler in der „bolschewistisch regierten“ Sowjetunion, gegen die Deutschland Krieg führen müsse, um bestehen zu können. Mit England und Italien dagegen strebt er ein Bündnis an, um einen Zweifrontenkrieg wie 1914 künftig zu vermeiden.

Hitler sieht den Parlamentarismus der Weimarer Republik als gescheitert

Den Parlamentarismus der Weimarer Republik sieht Hitler als gescheitert. Dagegen stellt er als Ideal einen „germanischen Führerstaat“, weil nur dieser die „wahren Interessen“ der „Volksgemeinschaft“ verfolgen könne.

Ansonsten dient Hitler besonders der erste Teil von „Mein Kampf“, um sich als „ehrlichen, tapferen Weltkriegssoldaten“ und seit Jahren unermüdlich um die „Rettung des Vaterlandes“ kämpfenden „Führer“ zu stilisieren. Obwohl es nicht viele stichhaltige Quellen zur Biografie Hitlers vor 1919 gibt, konnten ihm Historiker hier längst zahlreiche Lügen und Beschönigungen nachweisen. Die Gegenüberstellung von Dichtung und Wahrheit wird nun auch eine der Hauptaufgaben der wissenschaftlich-kritischen Edition von „Mein Kampf“ sein.

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3 Kommentare Kommentar schreiben

In der Aufarbeitung...: darf eben auch nicht vergessen werden, wie Hitler-Deutschland zwar den Antisemitismus in den Holocaust verwandelte, aber die Vermögen, also das Kapital der deutschen Juden in diesen Machtapparat der Vernichtungsstrategien mit einfließen lies. Wir sollten eben auch dies beleuchten, wie nationales wie internationales Kapital freiwillig oder gezwungen zu diesem menschenverachtenden Wahnsinn beitrug. Salopp gesagt, "ohne Moos, wäre auch in diesem Fall wenig los gewesen". Eine kritische Auseinandersetzung mit Hitler-Deutschland und dieser Ausgabe von "Mein Kampf" muss eben auch traditionell dahingehend beleuchtet werden, das Macht ohne Kapitalinteressen nicht darstellbar ist.

Jetzt muss man nur noch sicherstellen: dass die Leser die Kommentare zur Kenntnis nehmen. Betreutes Lesen?

Nein -: allein schon der Preis der Ausgabe (im Vergleich zum Download im Internet) sowie die Tatsache, dass es sich hier um eine kritische Ausgabe handelt, dürfte den Leserkreis von vornherein beschränken. Und zum Vergleich: Es gibt Tausende von kritischen Ausgaben nicht nur literarischer Werke - da hat man bisher auch nicht gesehen, dass diese als Lesefutter dienen.

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