Kroatien Urlaub auf dem Segelboot

Von Andreas Denner aus Agana 

Unterwegs auf einem Segelboot erlebt man das Meer, die Strände, aber auch die Städte, Dörfer und Naturschönheiten Kroatiens besonders intensiv.

Blaues Meer, ordentlich Wind: Zwischen den Inseln der dalmatinischen Küste lässt es sich wunderbar segeln. Foto: sunsail
Blaues Meer, ordentlich Wind: Zwischen den Inseln der dalmatinischen Küste lässt es sich wunderbar segeln.Foto: sunsail

Rieke, eine zierliche, aber kesse Blondine, steht am riesigen Steuerrad. Kaum hat der Rest der Besatzung mit die Segel gesetzt, da erfasst der Wind die Yacht „Chilled“. Schwer legt sich das Einrumpfboot auf die Seite, heftig stößt der Bug immer wieder hinein in die anlaufenden Wellen. Rieke hält sich krampfhaft fest. „Was soll ich tun?“, presst sie zwischen den Lippen hervor. Skipper Paul bleibt ganz ruhig. „It’s okay“, meint er nur, „alles gut.“ Das „It’s okay!“ wird zum Lösungswort dieser Reise werden. Immerhin: Rieke und ihre Mitsegler an Bord entspannen sich, beginnen zu genießen, wie das Boot immer schneller durch die Wellen pflügt. An Bord der „Chilled“, einer Jeanneau 47 mit knapp 15 Meter Länge von der Charterfirma Sunsail, haben überwiegend blutige Anfänger eingecheckt. Sie wollen die Ferien an Bord mit einem Segelkurs verbinden. Nach der obligatorischen Sicherheitseinweisung durch Chiefinstructor Paul Winson aus Cardiff (Wales) geht es los von der Marina Agana, 30 Kilometer von Split.

Die Sorgen des Alltags sind vergessen

Ein leichtes Vibrieren zeigt an, dass die Rumpfgeschwindigkeit erreicht ist, die Höchstgeschwindigkeit, die unter Segeln überhaupt möglich ist. Wenn der Wind noch stärker wird, erklärt Paul, legt sich das Boot nur weiter zur Seite. Allerdings wird dadurch nur die Abdrift größer, das Schiff aber nicht mehr schneller. Deshalb würde man dann ein Reff ins Großsegel binden und das Vorsegel ein wenig einrollen. Dadurch hat der Wind weniger Angriffsfläche, das Schiff segelt aufrechter und wieder schneller. Kapiert? Stirnrunzeln bei den Segelschülern. Aber Skipper Paul bleibt geduldig und erklärt alles immer wieder. Zwischendurch zeigt er Knoten - ein Kapitel für sich. Doch jetzt fliegt das Boot nur so zwischen den Inseln und Inselchen über das blaue Meer. Die Sorgen des Alltags sind wie weggeblasen. Schneller als gedacht taucht vor dem Bug der angesteuerte Hafen auf. Das Anlegemanöver erfolgt hier an der dalmatinischen Küste nach speziellen Regeln. Hier parken die Boote „römisch-katholisch“, also nicht einfach längs zur Kaimauer, sondern im rechten Winkel dazu. So passen mehr Boote an eine Mole. Überall in den Hafenbecken liegen deshalb „Lazylines“, mit deren Hilfe der Bug am Grund des Hafenbeckens festgemacht wird. Ankern ist nicht nötig. Das Heck am Ufer vertäut, rasch eine Planke hinüber und auf geht’s zur Erkundung des Hafenstädtchens. Ein erstes Bier löscht den Durst. Segeln macht hungrig, und so trifft sich in den Restaurants rund um den Hafen das Seglervölkchen, erkennbar an der praktischen Kleidung und den Bootsschuhen. Ein gutes Gefühl dazuzugehören.

Zum Schluss noch ein Drink an der Hafenmole, rasch zieht es die müden Matrosen in die Koje. Es schläft sich überraschend gut, wenn das Schiff leise hin und her schaukelt. Wie eine Perlenkette liegen pittoreske Städtchen wahlweise mit großer Geschichte oder toller Natur auf der Route. Von der Marina Agana geht es ins Städtchen Trogir, dessen Altstadt auf einer Insel liegt und damit autofrei ist. Kroatische Jugendliche, so wird erzählt, die das Herz einer jungen Dame erobern wollen, laden diese nach Trogir ein. Wenn die Auserwählte nach einem Spaziergang durch die romantischen Gässchen mit dem jungen Mann auf der Piazza ein Eis isst, dann ist das schon fast eine Verlobung. Die „Chilled“ muss aber weiter, über Rogoznica (trubeliger Hafen mit vielen guten Restaurants) nach Primosten. Auch diese alte Stadt liegt auf einer Insel. An ihrem höchsten Punkt erhebt sich eine Kirche, rundherum der Friedhof. So genießen die hier Ruhenden einen unvergleichlichen Ausblick auf Meer und Stadt. Ein weiterer Törn bringt die Yacht auf die Insel Prvic. Nur per Boot oder Fähre kommt man hin, Autos gibt es hier nicht. Himmlische Ruhe ist garantiert. Aber wenn man Glück hat, greift der Wirt des Restaurants nach dem köstlichen Mahl vom Holzkohlegrill zur Gitarre und singt für die anwesenden Damen.

Unterwegs in Skradin

Ein letzter Höhepunkt der Schul-Segelreise: Von Sibenik aus geht es nach Skradin. Die Anfahrt ist einfach sensationell. Zuerst geht es unter einer Brücke hindurch. Das ist gar nicht so ohne, denn der Mast ist allein schon 20 Meter hoch. Nur in der Mitte kann man gefahrlos unter der Brücke hindurchfahren. Der Kurs folgt einem Canyon. Links und rechts liegen Muschelbänke: einfach anlegen und für ein paar Kuna gibt es das leckerste Mittagessen überhaupt, garantiert fangfrisch. Immer enger wird das Tal, erinnert an einen norwegischen Fjord. Grüne und rote Tonnen zeigen die Grenzen des Fahrwassers an, rechts und links ragen steil die Felswände empor. Die Grenze zwischen Salzwasser- und Süßwasserbereich kann, wer genau hinsieht, am Wechsel des Pflanzenbewuchses am Ufer erkennen. Noch einmal unter einer Brücke hindurch, diesmal eine riesige Autobahnbrücke, dann ist Skradin erreicht. Von dort darf man nur noch zu Fuß, mit dem Passagierschiff, dem Bike oder dem Taxi weiter zu den weltberühmten Wasserfällen im Krka-Nationalpark. Holzstege winden sich durch sumpfartige Urlandschaften, in denen es schon vor Jahrtausenden erste menschliche Siedlungen gab.

Auch antike Mühlen finden sich. Und noch heute wird das Wasser zur Stromgewinnung verwendet. Sibenik war dank der Wasserenergie die erste europäische Stadt, die elektrisches Licht hatte, lange vor Paris, London oder Berlin. Weiter führen die Holzstege, immer tiefer, bis es ganz am Grund um eine letzte Ecke geht. Der Mund bleibt vor Staunen offen: Ein riesiger Wasserfall rauscht hernieder. Dumpfes Rauschen, Gischt, Wellen, Urgewalten! Zurück in Skradin ist es Zeit, Abschied zu nehmen von der „Chilled“. Eine gute Gelegenheit für ein traditionelles kroatisches Mahl: Peka. Auf einer Stahlplatte wird ein Feuer entfacht. Ist die Platte heiß, wird das Feuer beiseitegefegt. Dann kommt eine Kasserolle drauf, gefüllt mit Kartoffeln und Gemüse, oben eine Lage Fleisch vom Schaf, Rind oder Schwein. Abgedeckt wird alles mit einer Cloche, auf die wieder die Glutreste des Feuers gefegt werden. Eine Stunde muss das Ganze brutzeln. Herrliche Düfte steigen auf, dazu ein bekömmlicher, wohlschmeckender leicht gekühlter Roter vom Winzer um die Ecke. Gar nicht so schlecht, das (moderne) Piratenleben.