Küken-Brüterei in Eppingen Ein viel zu kurzes Leben

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40 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr als Abfallprodukt der Eierindustrie aussortiert und getötet. Das muss nicht sein.

Die Hähne kommen nach rechts, die Hennen nach links –  ein Akkordarbeiter sortiert in einer Eppinger Brüterei   die frisch geschlüpften Küken nach Geschlecht. Foto: Gottfried Stoppel
Die Hähne kommen nach rechts, die Hennen nach links – ein Akkordarbeiter sortiert in einer Eppinger Brüterei die frisch geschlüpften Küken nach Geschlecht.Foto: Gottfried Stoppel

Eppingen - Ein einziges Mal fliegen die Küken, bevor sie sterben. Sie wirbeln im goldwarmen Licht der 200-Watt-Birne durch die Luft, kopfüber, ein Salto hinein in die Plastikbox für die Todgeweihten. Über das Schicksal der frisch Geschlüpften entscheidet Sun-Hyun Bae, ein gebürtiger Südkoreaner mit grüner Hygienehaube auf dem Kopf und der Fingerfertigkeit eines Jongleurs.

Er spreizt zwischen Daumen und Zeigefinger behutsam die Schwungfedern, begutachtet ihre Form. „Gebogen heißt Henne, eine gerade und kurze Linie, das sind die Hähne“, erklärt Bae und hantiert mit beiden Händen gleichzeitig. Fast im Sekundentakt landen die Küken im hohen Bogen links in der Box oder rechts. Die Mädels haben eine Zukunft in der Eierproduktion, die Jungs kommen noch am gleichen Tag in der ausrangierten Gefriertruhe ins Gas, sie werden erst betäubt, dann erstickt.

Sun-Hyun Bae, der viel lacht und von den 65 Jahren seines Lebens 40 in einem Beruf verbracht hat, den kaum einer kennt, ist Hühnersexer. Er bestimmt in deutschen Legehennen-Brütereien das Geschlecht der Tiere und sitzt an diesem Dezembermorgen im schwäbischen Eppingen bei Heilbronn vor einer neuen Ladung Fiepseküken. Früher hat er ihnen in die Kloake geschaut, das ist die Öffnung für die Verdauung und die Fortpflanzung. Dank neuer Züchtungen braucht er ihnen nur noch ins Gefieder fassen. „Das geht viel schneller, ich schaffe bis zu 3000 Küken pro Stunde“, erklärt der Mann im weißen Kittel, der pro Stück bezahlt wird. Er streckt den Rücken durch, sitzt aufrecht. Trotz der vier Kissen unterm Po und dem schwarzen Gurt in Taekwando tut das Kreuz immer mal wieder weh.

Das Sexen ist fest in asiatischer Hand

Die deutsche Geflügelwirtschaft ist auf Akkordarbeiter wie Herrn Bae und seine Kollegen angewiesen, um so profitabel wie möglich zu sein. Das Sexen ist fest in asiatischer Hand, kleine Trupps ziehen von Brüterei zu Brüterei und sortieren die männlichen Küken der Legelinie aus. Sie passen nicht ins hochindustrialisierte System, sie kämpfen sich als Störfaktor aus der Schale, beenden ihr kurzes Leben als Wegwerfware. Für die Mast sind sie ungeeignet, weil sie zu langsam Fleisch ansetzen und ihre Aufzucht viel teurer wäre als die der schnell wachsenden Turbohähnchen, die in fünf Wochen schlachtfertig sind und zwei, drei Kilo wiegen. So werden jedes Jahr in Deutschland rund 40 Millionen Küken, kurz nachdem sie geschlüpft sind, aussortiert und getötet – sowohl im konventionellen als auch im Biobereich. Eine grausame Praxis, von der viele Verbraucher nichts wissen.

Die Politik will das stoppen. „Mein Ziel ist, dass das Kükenschreddern 2017 aufhört“ hat sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt vorgenommen und reichlich Fördergelder lockergemacht, damit das Geschlecht des Kükens schon im Ei bestimmt werden kann. An der Universität Leipzig wird daran geforscht, doch noch ist die Methode nicht praxisreif und der Zeitplan des CSU-Ministers äußerst ambitioniert. Wesentlich rigoroser ging Johannes Remmel, der grüne Landwirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, die Sache an. „Tiere sind keine Abfallprodukte landwirtschaftlicher Produktionsprozesse“, kritisierte er und wollte als erstes Bundesland den Brütereien das massenhafte Töten von Eintagsküken verbieten. Ein gut gemeinter, aber vergeblicher Vorstoß. Die Brütereien klagten und bekamen vom Verwaltungsgericht Minden recht. Nun versucht es Remmel über den Bundesrat. Auf sein Drängen hin wurde im September in der Länderkammer ein Gesetzentwurf verabschiedet, der in den Bundestag eingebracht werden soll und auf eine Änderung im Grundgesetz zielt. Dort soll das Töten von Tieren aus rein ökonomischen Gründen untersagt werden.

Die getöteten Küken werden verfüttert

Das mit dem Gas mache keiner gerne, gibt Werner Hockenberger, der Chef der kleinen Eppinger Brüterei, unumwunden zu. Er wäre froh, wenn es anders ginge. Immerhin werde jedes getötete Tier gebraucht, versichert er – als Futter für Greifvögel oder Reptilien. „Da gibt es bundesweit zwei, drei Großhändler, die die tiefgefrorenen Küken sattelzugweise vermarkten.“ Den Betrieb, eine unauffällige Halle in einem Industriegebiet, haben seine Eltern gegründet. Das Geschäft mit den Eiern kennt der 57-jährige Familienvater mit dem gemütlichen Backenbart von seiner Jugend an und hat kein Problem mit Kameras und neugierigen Fragen zu den Abläufen in seiner Firma.

Vor einigen Jahren hat er auf Bio umgestellt, „als Erster in Deutschland“, wie er stolz erzählt. Er bekommt Eier aus Höfen am Niederrhein und in Ostwestfalen geliefert, die dann bei ihm ausgebrütet werden. „Hier ist die Glucke“, zeigt er auf einen raumhohen roten Schrank, die Vorbrutmaschine, in der alles vollautomatisch läuft. Das stündliche Kippen der Eier, damit der Embryo nicht anklebt. Das An und Aus der Lichtschlangen, auch die Henne verlässt gelegentlich ihr Ei, um zu fressen, dann wird es hell im Nest.