Künstliche Intelligenz
Roboter müssen zur Psychoanalyse
Fragen von Hans-Arthur Marsiske,
04.11.2010 09:37 Uhr
Im Unterschied zum frechen Roboter R2-D2 (rechts) ist der goldene Übersetzer C-3PO leicht aus der Ruhe zu bringen. Foto: KPA
""Wer sich einen Gefährten wünscht, muss unerwartetes Verhalten in Kauf nehmen.""
Andrei Khrennikov
Herr Khrennikov, träumen Roboter von elektrischen Schafen?
Bevor wir Träume erzeugen können, brauchen wir ein Unbewusstes. Das Bewusstsein baut auf dem Unbewussten auf. Der Fehler der Forschung zur künstlichen Intelligenz, die versucht, das menschliche Denken nachzubilden, besteht darin, das auszublenden. Ich knüpfe mit meiner Arbeit an die Modelle von Sigmund Freud an, wonach im Menschen eine Fülle widersprüchlicher Ideen wirkt, und ich versuche, Roboter mit ähnlicher psychischer Struktur zu schaffen. Solche Roboter sind möglicherweise nicht so gut geeignet, bestimmte Aufgaben zu erfüllen wie die heute gängigen Modelle. Aber als Freund und Gefährte im Alltag ist ein Roboter mit unbewussten Anteilen wahrscheinlich die bessere Wahl.
Ein mathematisches Modell des Unbewussten erscheint als ein verwegenes Unterfangen. Ist das nicht so aussichtslos wie der Versuch, das Innere eines Schwarzen Lochs mathematisch zu beschreiben?
Das ist ein interessanter Vergleich, aber ich glaube, er trifft nicht zu. Wir können zwar ins Unbewusste so wenig hineinblicken wie in ein Schwarzes Loch, aber es kommen ja Signale heraus. Es gibt eine Verbindung zum Bewusstsein, wo sich das Unbewusste in Gestalt von Fehlleistungen oder Träumen äußert. Aus einem Schwarzen Loch dringen dagegen keine Informationen heraus.
Ihr Modell des Unbewussten beruht auf Prozessoren, die kontinuierlich Ideen erzeugen. Wie müssen wir uns die Arbeitsweise dieser Prozessoren vorstellen?
Das sind gewöhnliche Iterationen, also sich wiederholende Rechenverfahren, bei denen die Ergebnisse eines Schritts die Ausgangswerte für den jeweils nächsten bilden. Interessant wird es, wenn diese Iterationen auf einen Punkt zustreben. Dieser Punkt wird als Attraktor bezeichnet und stellt in gewisser Weise die Lösung der Iteration dar. In meinem Modell ist es das Bestreben des Unbewussten, diese Lösung an das Bewusstsein zu senden.
Das klingt nach normaler Programmierung.
Auf dem Weg ins Bewusstsein wirken aber verschiedene Filter. Zum einen werden die Ideen danach bewertet, ob sie interessant genug sind, um bewusst zu werden. Zum anderen wird geprüft, inwieweit sie unerwünscht sind, was in der Regel von sozialen Einflüssen abhängt. Spannend wird es, wenn eine Idee gleichzeitig als sehr interessant und streng verboten eingestuft wird. Sie kann dann nicht direkt ins Bewusstsein übertragen werden und beeinflusst stattdessen andere Prozessoren im Unbewussten. Mit diesem Modell lassen sich Symptome erklären wie der von Freud beschriebene Fall eines Mädchens, das nach dem tragischen Tod des Vaters blind wurde.
"Ein hysterisch reagierender Haushaltsroboter? Warum nicht?", schreiben Sie in einer Fußnote Ihres Aufsatzes. Halten Sie einen Roboter, der Kreischanfälle bekommt, weil Sie das Geschirr falsch in die Spülmaschine gestellt haben, wirklich für erstrebenswert?
Die Nutzer müssen wählen können. Wer nur eine Maschine zur Bewältigung der Hausarbeit möchte, wird sich diesen Wunsch bald erfüllen können. In Südkorea gibt es eine staatliche Initiative, bis zum Jahr 2012 jeden Haushalt mit einem Roboter auszustatten. Wer sich dagegen einen Gefährten mit menschenähnlichen Eigenschaften wünscht, muss unerwartetes Verhalten in Kauf nehmen. Das Unbewusste lässt sich nicht deterministisch gestalten. Wie beim Menschen wird es Roboter mit psychischen Problemen geben. Aber ich glaube, das ist es wert. So wie heute Hunde in psychiatrische Behandlung geschickt werden, mag es eines Tages psychoanalytische Kuren für Roboter geben.
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