Kulturkritiker Jeremy Rifkin Empathie ist unser aller Rettung
Sibylle Thelen, vom 23.02.2010 11:29 Uhr
Viel Zeit für Systemdebatten bleibt nicht: Wir stehen an einem Scheidepunkt, sagt Jeremy Rifkin. Foto: dpa
Frankfurt - Es ist ein Kunststück, sowohl den Skeptikern als auch den Trostbedürftigen gerecht zu werden. Dem amerikanischen Publizisten Jeremy Rifkin gelingt mit seinem neuen Buch "Die empathische Zivilisation" genau das. Die einen fühlen sich herausgefordert, ja angestachelt zum betont rationalen Contra. Die anderen spüren, wie zaghafte Zuversicht in ihnen aufkeimt: Sollten die "Wege zu einem globalen Bewusstsein", die der Untertitel des Wälzers verheißt, die Menschheit aus der ökologischen und ökonomischen Krise führen? Auch wenn der debattenerprobte Ökonom selbst nicht wirklich optimistisch ist, wie er im Gespräch bei seiner Vortragsreise durch Deutschland gleich klarstellt, so malt er dennoch ein Menetekel, auf das ein Hoffnungsschimmer fällt. "Wir könnten es schaffen", sagt der Autor mit Betonung auf "könnten".
Rifkins Vorsicht steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur Ausführlichkeit, mit der er seine These erläutert. Danach liegt der Lösungsschlüssel nirgendwo anders als in der Natur des Menschen, nämlich in seinem Einfühlungsvermögen, das sich über die Jahrhunderte hinweg immer besser entfalten konnte, weil sich die Gesellschaften immer weiter fortentwickelten. Je komplexer ihre Strukturen wurden, desto vielfältiger und individueller konnte der Mensch seine Beziehungen gestalten, desto mehr Empathie kam ins Spiel.
Werbung für eine Kultur des empathischen Bewusstseins
Der Lernprozess fordert freilich seinen Preis. Er hat in einem wachsenden Maße Energie verschlungen und Ressourcen vernichtet. Rifkin will diesen gefährlichen Gleichschritt entkoppeln. Er wirbt für eine Kultur des empathischen Bewusstseins, getragen vom Gedanken des Teilens und Kooperierens - und zeigt auf, wo diese Gedanken bereits heute die Lebenswelt vieler Menschen bestimmen: im Internet, wo Forscher weltweit im Austausch stehen, oder auch im Alltag, wo sich durch Reisen, Migration und kulturell gemischte Nachbarschaften bisher unbekannte Einblicke in andere Sichtweisen ergeben.
Mit Systemdebatten hält sich der Autor, der in seiner Untersuchung auf Erkenntnisse der Geschichts- und Wirtschaftswissenschaft, der Philosophie, Anthropologie, Psychoanalyse und Verhaltens- und Bildungsforschung zurückgreift, nicht ernsthaft auf. Das ideologische Zeitalter ist in seinen Augen ohnehin längst abgelaufen, auch wenn die Entscheidungsträger nach wie vor dessen Ideen folgen. Rifkin sieht eine neue, noch schwer zu fassende Ära heraufziehen: "Wir stehen an einem Scheidepunkt. In drei, vier Jahrzehnten könnte sich unser Schicksal entscheiden."
Auch andere interdisziplinär arbeitende Denker stecken Zeiträume ab. Der US-Geograf Jared Diamond, Autor des Buchs "Kollaps", bezieht Erkenntnisse der Anthropologie, Geschichtswissenschaft, Verhaltensforschung und Genetik in seine Forschungen ein. Er stellt fest: "Spätestens im Jahr 2050 wird klar sein, ob wir unumkehrbar auf einen Kollaps zusteuern oder unsere Probleme in den Griff bekommen." Auf Diamonds multiperspektivische Herangehensweise beruft sich der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer, der sich lange mit Verdrängungsmechanismen im historischen Kontext befasste, um sich zuletzt in "Klimakriege" den Verdrängungsstrategien angesichts der ökologischen Herausforderungen zuzuwenden. Er hofft auf ein rasches Umsteuern. Dabei setzt er auf neue Netzwerke, auf globale Kooperation, auf außerparlamentarische Vorstöße, um so die Politik anzutreiben.
Die Gefühlsebene wird mit einbezogen
Doch anders als jene Denker, die in Kategorien rationalen Handelns argumentieren, bezieht Rifkin die Gefühlsebene in seine Analysen ein. Mit feinem Gespür für thematische Trends und neue Betrachtungsweisen, die die emotionale Intelligenz des Menschen ins Zentrum rücken, erzählt er seine Version der Menschheits- und Ideengeschichte als eine Geschichte der Empathie. Dabei stößt er auf ein zentrales Muster, das sich von einer Entwicklungsstufe zur nächsten potenziert und das empathische Bewusstsein wachsen lässt: "Große wirtschaftliche Revolutionen finden immer dann statt, wenn die Erschließung neuer Energiequellen mit einer Revolutionierung der Kommunikationsmittel zusammentrifft." So war das, als die Dampfdruckpresse erfunden wurde. Und so ist es Rifkin zufolge auch jetzt wieder, da das Internet die Kommunikation von Grund auf verändert, im Sinne von Vernetzen, Teilen, Kooperieren. Also postuliert er eine dritte industrielle Revolution.
"Die Gier muss nicht unser Schicksal sein"
Rifkin, der bereits in den Siebzigern in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war und seit Jahrzehnten Politiker in unterschiedlichen Ländern, freilich meist in Europa, berät, versteht sich darauf, seine Thesen im Brustton der Überzeugung zu verkünden. Wie sich der Wirtschaftskreislauf auf alternative Weise schließen soll, wie der Homo oeconomicus erfolgreich zum Homo empathicus umerzogen werden kann - im Buch werden die Kapitel immer kürzer und vager, je weiter Rifkin in seinem historischen Abriss an die Gegenwart heranrückt.
Und trotzdem haftet den Vorstellungen des Amerikaners etwas Faszinierendes an - und dies gar nicht allein deshalb, weil er einen Ausweg aus der Krise sucht, sondern mehr noch, weil er ausgerechnet im Verursacher der Krise, in der Menschheit, das positive Lösungspotenzial zu erkennen glaubt. Die Gier, die die Welt in die Finanzkrise gestürzt hat, muss nicht unser aller Schicksal sein. Doch Jeremy Rifkin ist klug genug, nichts zu versprechen. Die Betonung bei ihm liegt auf "könnten".
Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Übersetzt von Ulrike Bischoff, Waltraud Götting und Xenia Osthelder. Campus Verlag, Frankfurt. 468 Seiten, 26,90 Euro
Nun ja, dieser Weg ist sicherlich nicht neu, Eckhardt Tolle (dem m.M. der diesjährige Friedensnobelpreis weit mehr zugestanden hätte als Mr. Obama) hat Lösungswege aus den Krisen unserer Zeit bereits vor Jahren in seinem Buch "Jetzt !Die Kraft der Gegenwart" beschrieben.
Als alter Pessimist glaube ich aber nicht wirklich daran, daß wir den beschrittenen Weg der Zerstörung unserer Umwelt in 50 Jahren verlassen werden, lasse mich aber gerne eines besseren belehren.
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