Kulturwissenschaftler Bausinger zum Heimatbegriff „Ausgerechnet Dirndl auf dem Wasen!“

Von Arnold Rieger 

Die Migrationsbewegung, so meint der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger, hat den Heimatbegriff offener gemacht – aber auch anfällig für Moden.

Auch eine Art Heimatgefühl: Bayrisch anmutende Dirndl- und Lederhosenträger auf dem Cannstatter Wasen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Auch eine Art Heimatgefühl: Bayrisch anmutende Dirndl- und Lederhosenträger auf dem Cannstatter Wasen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Tübingen - Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger forscht seit Jahrzehnten über das Phänomen Heimat.

Herr Bausinger, Bundespräsident Steinmeier mahnt, man dürfe die Sehnsucht nach Heimat nicht den Nationalisten überlassen. Kann man Heimat wirklich vereinnahmen? Und ist eine Art „Heimatschutz“ notwendig, damit der Begriff nicht in die falschen Hände kommt?
Für Heimat gibt es keine verbindliche Definition. Das ist gut, weil die Vorstellungen und Gefühlsbindungen verschieden sind; aber es bedeutet auch, dass problematische Interpretationen propagiert werden können. Damit muss man sich auseinandersetzen – wo Heimatschutz-Ministerien vorgeschlagen werden, ist allerdings oft gerade ein fremdenfeindliches und nationalistisches Verständnis im Spiel.
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Bedeutung von Heimat im Alltag in den letzten Jahren verändert hat?
Ja, aber in verschiedenen Richtungen. Einerseits ist die Vorstellung offener geworden; Heimat kann auch dort sein, wo die Vorfahren nicht schon seit Jahrhunderten gelebt haben. Und andererseits gibt es modische Heimatbekenntnisse, die manchmal seltsame Wege gehen: ausgerechnet bayrische Dirndl und Lederhosen auf dem Cannstatter Wasen.
Man spricht oft von „Heimaten“, weil man zum Beispiel gleichzeitig Türke, Schwabe und Stuttgarter sein kann. Hat die Migration dazu geführt, dass der Heimatbegriff offener geworden ist?
Der Duden hat den früher nicht gebräuchlichen Plural Heimaten aufgenommen. Ich weiß nicht, seit wann; aber die Wertschätzung verschiedener Orte ist eine Begleiterscheinung der wachsenden Mobilität. Man denke an den Tourismus. Es gab und gibt Leute, die einen Campingplatz am Meer als ihre zweite und manchmal als ihre eigentliche Heimat betrachten. Die Migrationsbewegungen haben der Tendenz zur doppelten Heimat eine existenziellere Bedeutung gegeben: Die neue Heimat wird akzeptiert, aber die emotionalen Bindungen an die alte Heimat und die praktischen Verbindungen dorthin sind nicht verschwunden.
Haben Menschen, die sich in ihrem Heimatgefühl verletzt sehen, wenn sie von vielen fremden Menschen umgeben sind, einen falschen Heimatbegriff?
Sie haben einen Heimat­begriff, der den Realitäten nicht gerecht wird. In vielen Fällen lässt sich die Konfrontation auch nicht auf die ­Opposition einheimisch/ fremd reduzieren, sondern baut auf sozialen Differenzen und Distanzierungen auf.
Sie haben mehrfach auf handfeste Gefahren für die Heimat hingewiesen, zum Beispiel durch Wohnungssanierungen, die auf ­gewachsene Strukturen alter Viertel keine Rücksicht nimmt. Kommen solche ­wirtschaftlichen Aspekte in der Diskussion zu kurz? Sehen Sie andere akute Gefähr­dungen?
Heimat steht dem Begriff Lebensqualität nahe. Ob man Heimat hat, hängt also auch von auskömmlichen Verhältnissen und damit von wirtschaftlichen Gegebenheiten ab. Der Kompensationsraum „im schönsten Wiesengrunde“ hat seine Bedeutung nicht verloren, aber es geht vor allem um die Gestalt des engeren Wohnumfeldes und um aktive Beteiligung, die nicht an bürokratischen Verwirrspielen scheitern sollte.
Sie sind auch Dialektforscher. Mundart gilt hierzulande als wichtiges Merkmal von ­Heimat. Aber grenzt Dialektpflege Menschen nicht aus?
Der Dialekt kann in unserer durchmischten Gesellschaft nicht mehr ausschließende Legitimation für Heimatzugehörigkeit sein. Aber er ist, wie viele traditionelle Dinge, durchaus erhaltenswürdig. Die „Pflege“ sollte sich freilich nicht auf plakative Demonstration einzelner Vokabeln beschränken, sondern der Mundart Raum und Recht in der alltäglichen Kommunikation schaffen. Die Schwaben pochen ja seit Hegel auf ihr „sowohl – als auch“; sie sollten die farbigen Möglichkeiten ihres Dialekts nutzen, aber offen sein gegenüber anderen Dialekten und für die Hochsprache – die so hoch ja auch nicht immer ist . . .
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