La Nera Schwarze Pointe
Hans Jörg Wangner, 20.07.2012 11:00 Uhr
Ganz schön bleihaltig: Mancinis Patinnen-RomanFoto: Verlag
Stuttgart - Am Ende fliegt fast alles in die Luft und der Autor setzt auch noch eine schwarze Pointe drauf: Claudio M. Mancinis Mafia-Roman „La Nera“ lebt von einer fatalistischen Hoffnungslosigkeit. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass einige seiner Figuren dem zugeführt werden, was man gemeinhin als gerechte Strafe bezeichnet.
„La Nera“, das ist die Geschichte der Titelheldin Sophia Saviani, eine geborene d’Arenal aus der Gegen von Corleone. Sophia wird als junge Frau vom Sohn des örtlichen Paten vergewaltigt, ihr Bruder erschossen. „La Nera“ schwört Rache, die sie dann zwei Jahrzehnte später grausam verübt.
Handel mit geraubten Organen
Inzwischen hat sich die Gedemütigte mit kühlem Kalkül einen reichen Mann geangelt, der sich allerdings schnell als Mafioso entpuppt. Doch für Sophia ist das keine Not und sie macht auch keine Tugend draus, sondern steht als studierte Betriebswirtin ihrem Mann mit großem Einsatz zur Seite. Dass ihr Giulio – nach außen nur reicher Chef von Schönheitskliniken – einem besonders grausigen Broterwerb nachgeht, stört die junge Frau nicht: Gemeinsam mit seinem Freund Antonio De Cortese und dem Don Edoardo Paluzzi betreibt er einen schwunghaften Organhandel. Unfreiwillige Spender sind ahnungslose Bürger, deren medizinische Daten sich die Mafia mit einem groß angelegten Trick beschafft hat.
Detailliert und manchmal auch etwas arg ausholend beschreibt Mancini auf 600 Seiten die Machenschaften des sizilianischen Clans und die nach Kräften von der Politik behinderten Ermittlungen der Polizei. Einen geschliffenen Stil braucht man dabei nicht zu erwarten („Wie von Geisterhand bewegt, rollte das schmiedeeiserne Einfahrtstor zur Seite [...]“ – das ist natürlich Quatsch, weil mit größter Wahrscheinlichkeit ein Elektromotor oder vielleicht auch eine Hydraulik für die Bewegung zuständig ist), und es ist auch schon die Frage, ob ein Vergewaltigungsopfer nach zwei Jahrzehnten schweren Psychopharmaka-Missbrauchs erstens noch bis ins Letzte konsequent handeln und dabei zweitens auch noch blendend aussehen kann. Aber sei’s drum.
Aggressives Kammerspiel
Wer den einen oder anderen langatmigen Dialog hinter sich gebracht hat, bekommt als Gegenleistung einen Mafia-Roman, der in der Skala „Bloß nicht, Kann, Her damit“ ein deutliches „Kann plus“ verdient. Nicht zuletzt dank Szenen wie dem aggressiven Kammerspiel, das sich die Staatsanwältin Teresa Principato mit Giulio Saviani und dessen Anwalt Giannino Giuso liefert.
Ach übrigens: auch wenn „La Nera“ nicht an die Corleones rankommt – für das umfassende Personenverzeichnis des Buches gibt’s einen Extrafleißpunkt.
Claudio M. Mancini: La Nera. Knaur-Verlag. 618 Seiten, 9,99 Euro





La Nera
Der deutsch-Italiener Claudio M. Mancini meinte vor einigen Jahren: Es werden genauso oft schlechte Bücher von guten Kritikern zerrissen wie gute Bücher von miserablen Kritikern. Herrn Wangner scheint zu den letzteren zu gehören. Wenngleich er La Nera keine schlechten Noten gibt, sind seine beschriebenen Kritikpunkte obsolet. Semantik und Linguistik scheinen ihm eher fremd zu sein, wenn er das Sprachbild '...wie von Geisterhand bewegte sich [...] als Quatsch bezeichnet. Auch Wengners Beanstandung, man könne (beim Autor) keine geschliffene Sprache erwarten, legt den Verdacht nahe, dass es dem Kritiker der Süddeutschen Zeitung wohl an Beurteilungskompetenz mangelt. Das Ärgerliche dabei ist, dass er sich ganz nebenbei den Nimbus der Unvoreingenommenheit verleiht. Ganz Offenkundig kann er zwischen persönlichen Geschmack und objektiven Beurteilungskriterien nicht unterscheiden. La Nera hat weder Längen, noch habe ich sachlich-logische Schwächen, Brüche oder gar 'Qutsch' entdecken können, wie Herr Wengner durblicken ließ. Mancinis Roman hat zweifellos literarische Qualität, wie man sie heutzutage bei den Massenpublikationen leider nur selten findet. Stil, atmosphärische Dichte, Dramaturgie, Spracheleganz geben La Nera eine relative Alleinstellung in diesem Genre und machen den Roman zu einem vielschichtigen Mafia-Epos. Dies erlaube ich mir als Germanist und erfahrener Lektor zu behaupten. Wer Anspruchsvolles lesen will und dieses Genre liebt, erhält beste Unterhaltung.
La Nera
La Nera ist, ganz im Gegensatz zu den Ausführungen des Herrn Wangner, ein hervorragender Thriller und fand ich in dem Buch keine langatmigen Dialoge. Mich hat die Figur der Sophia begeistert - Mancinis Art durch die Tiefen der Seele einer Frau zu tauchen und ihr 'brutales' Handeln so zu beschreiben, dass man dafür sogar Verständnis aufbringen kann, macht seine brutale Protagonistin menschlich, weiblich, ja sogar streckenweise sympathisch und erzeugt Spannung. Sogar einige 'Blutsspritzer' Humor leuchten hin und wieder auf. Alle anderen Figuren sind hervorragend beschrieben und zeigen sich alle in ihren individuellen und gesellschaftlich festgelegten Normen. Die Grundidee, der über ganz Italien gesammelten Daten, die bei Bedarf abgerufen werden können, finde ich so fazinierend wie beängstigend. Bieten wir nicht alle die Voraussetzungen dafür??? Aber weiter zum Buch. Die Landschaftsbeschreibung lassen die Regionen, Höfe, die Strassen, die Dörfer, Städte oder Inseln lebendig vor dem Auge des Lesers auftauchen. Der Spannungsbogen ist genial gespannt und läßt einen bis zur letzten der 624 Seiten mitfiebern. Ich persönlich finde La Nera einen absolut gelungen MafiaThriller. Meiner persönlichen Ansicht nach kommt La Nera nicht nur an 'die Corleones' ran, sondern übertrifft dieses Buch bei weitem an Spannung, Plot und Sprache. Ich kann diesen Roman nur empfehlen, für mich war es ein ausgesprochenes Lesevergnügen!
Rezension La Nera
Ich möchte mich natürlich entschuldigen und die zweimal falsch zitierte Zeitung verbessern. Es soll selbstverständlich 'Suttgarter Zeitung' heißen, mea culpa, es ist schon spät.