Länderspiel in Dortmund Auf die italienische Art läuft es nicht
Carlos Ubina, 10.02.2011 17:42 Uhr
Mario Götze (vorne) und Riccardo Montolivo beim Kampf um den Ball Foto: dpa
Mario Götze (vorne) und Riccardo Montolivo beim Kampf um den Ball Foto: dpa
Dortmund - Das Einfache bei der Einordnung eines Fußballspiels ist ja normalerweise, dass die einen gewonnen haben, wenn die anderen verloren haben. Die einen waren dann folglich gut, und die anderen mutmaßlich schlecht. Doch wenn sich nicht in Sieger- und Verliererkategorien denken lässt, dann kann im Sport wie in der weitaus komplizierteren Medizin eines passieren: drei Fachleute, vier Meinungen.

Das 1:1-Unentschieden der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien ist so ein Spiel gewesen, über das sich nur schwer eine einheitliche Meinung finden lässt. Selbst Joachim Löw, der oberste Fußballlehrer des Landes, analysierte ein entschiedenes Einerseits-andererseits. "Auf dem Platz gab es einen ständigen Wechsel der Dominanz. Phasenweise haben wir gut gespielt, aber auch die Italiener haben phasenweise sehr gut gespielt."

Fehlende Abmischung der Fähigkeiten


Die deutsche Elf hat es Löw in Dortmund - sowie den vielen gefühlten Bundestrainern rund um die Freundschaftspartie - aber auch nicht leicht gemacht, eine gültige Formel zu präsentieren. Denn sie kam mit der Abmischung ihrer Fähigkeiten etwas durcheinander. Einerseits zeigte sie den zielstrebigen Kombinationsfußball der WM 2010, gekrönt durch Mesut Özils Vorbereitung des Treffers von Miroslav Klose (16.) per Hacke. Andererseits ließ der Defensivverbund den Italienern so viel Zeit und Raum, dass diese zunehmend mutiger wurden und durch Giuseppe Rossi ausglichen (81.).

Und, um ihr Repertoire wohl noch zu erweitern, versuchte sich die Auswahl des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) auch in der Ergebnisverwaltung, in der Spezialdisziplin des Gegners also, bei deren Lieblingsresultat 1:0. Doch auf die italienische Art lief das deutsche Spiel nicht. "Wir haben es nach der Pause versäumt, in das letzte Risiko zu investieren", sagte Löw.

Mit Sicherheit lag der Leistungs- und Spannungsabfall aber auch daran, dass die Begegnung mit dem viermaligen Weltmeister zwei Spiele in einem bot. Es war sowohl ein simulierter Ernstfall, weil Joachim Löw auf Vergleiche gegen die großen Fußballnationen besteht, um das DFB-Team weiterzuentwickeln; es war aber auch das gewünschte Experimentierfeld, um das aufstrebende Personal zu testen. "Das war der Spagat, den wir zu bewältigen hatten", sagte der Bundestrainer - und wiederholte es so oft, dass man befürchten musste, der Mann sei in seiner Coachingzone innerlich zerrissen gewesen.

Dokumentiert wurden die beiden Strategien Löws durch seine Anfangself. Sie glich einem FC Deutschland und nicht einer Borussia Deutschland. Der Bundestrainer ließ alle fünf anwesenden Münchner Profis (Lahm, Badstuber, Schweinsteiger, Müller und Klose) auflaufen, stärkte damit den Block seines Vertrauens und unterstrich, dass bei ihm die Nationalmannschaftsform mehr zählt als die Bundesligaform.

Dortmunder Trio wirkt schüchtern


So erhielt in der Innenverteidigung Holger Badstuber den Vorzug vor Mats Hummels, und im Angriff spielte wie gewohnt Klose - was zum einen am verletzungsbedingten Ausfall von Mario Gomez lag, zum anderen aber auch an der grundsätzlichen Haltung Löws: der Münchner Dauerreservist Klose ist bei ihm gesetzt. Ebenso wie in der Abwehrreihe Per Mertesacker, der sich zu einem ähnlichen Fall wie Klose entwickeln könnte. Nicht, weil er bei Werder Bremen nicht mehr ran darf, sondern weil ihn der Bundestrainer - trotz Verunsicherung - als Eckpfeiler der Mannschaft betrachtet.

Der 18-jährige Mario Götze war dann der Erste von fünf nominierten Dortmundern, der nach der Halbzeit in die Partie kam, Mats Hummels und Kevin Großkreutz folgten später. Doch vom unbeschwerten Elan des Tabellenführers war nichts zu spüren. Götze wirkte in seinen Aktionen schüchtern, die anderen beiden hatten kaum die Möglichkeit, mit Nachdruck auf sich aufmerksam zu machen. Dennoch wies der Bundestrainer schon im Vorfeld darauf hin, dass er das BVB-Quintett nicht nur aus Gründen des Lokalkolorits berufen hatte. "Ich bin mir sicher, dass die Dortmunder auch weiterhin bei uns eine Rolle spielen werden", sagte Löw.

Für die Betroffenen ist das beruhigend zu wissen. Zumal sie sich gegen den nächsten Kontrahenten, Kasachstan in der EM-Qualifikation am 26. März in Kaiserslautern, sicher leichter tun würden als gegen die starken Italiener. "Das war unsere beste Leistung, seit ich Nationaltrainer bin", sagte Cesare Prandelli, der das Team im vergangenen Sommer übernommen hatte. Und gemessen an den Umarmungen und Glückwünschen innerhalb der Squadra azzurra, war - abzüglich der südeuropäischen Emotionalität und Theatralik - die Erleichterung im italienischen Lager groß, einer Demonstration vollkommener deutscher Dominanz entgangen zu sein.
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