ExklusivLändervergleich zur Bahn Älteste Züge im Südwesten

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Nirgendwo sind so viele alte Züge unterwegs wie in Baden-Württemberg. Das Land ist mit Abstand Schlusslicht, ergab der Ländervergleich eines Bahnexperten. Er bestätigte Minister Hermanns Wort von der „Altwagensenke der Republik“.

Im Jahr 2000 wurde der letzte Silberling aus der Werkstatt geschoben – bis heute verkehren sie im Südwesten. Foto: dpa
Im Jahr 2000 wurde der letzte Silberling aus der Werkstatt geschoben – bis heute verkehren sie im Südwesten.Foto: dpa

Stuttgart - In keinem anderen Bundesland sind so viele alte Züge unterwegs wie in Baden-Württemberg. Der Südwesten, einst Vorreiter innovativer Fahrzeuge, sei in qualitativer Hinsicht mit Abstand das Schlusslicht unter den Ländern. Zu diesem Befund kommt der Heidelberger Verkehrswissenschaftler Felix Berschin in einem Beitrag für die Zeitschrift „Bahn-Report“. Sein Fazit in der am Samstag erscheinenden neuen Ausgabe des Fachblattes: Der von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) geprägte Begriff der „Altwagensenke der Republik“ habe leider seine „traurige Berechtigung“.

Zusammen mit „Bahn-Report“-Redakteuren hat Berschin für den Beitrag erhoben, welcher Anteil der Züge jeweils noch aus der Zeit vor der Bahnreform im Jahr 1994 stammt. Diese sei unbestritten eines der größten Programme zur Fahrzeug-Erneuerung im Nahverkehr gewesen. Lagen die Zyklen der Erneuerung bei Bundes- und Reichsbahn zuvor bei fünf oder sechs Jahrzehnten, habe die Regionalisierung „geradezu ein Feuerwerk an neuen Fahrzeugen“ gebracht.

Schlusslicht mit 18 Prozent „Altmaterial“

Als Altmaterial wertete der Experte Züge aus der Zeit vor der Reform, auch wenn sie in der Zwischenzeit neu designt wurden. Dazu zählten etwa die legendäre Silberlinge oder Reichsbahn-Doppelstockwagen mit Steildach. Den Anteil ermittelte er anhand der gefahrenen Zugkilometer.

Während viele andere Bundesländer ihren Fahrzeugpark inzwischen fast vollständig erneuert hätten, beträgt der Anteil an Altmaterial in Baden-Württemberg laut Berschin noch 18 Prozent; wenn man die erneuerte S-Bahn in der Region Stuttgart herausrechne, seien es sogar 21 Prozent. Auffällig sei, dass es im Südwesten seit etwa 2005 keine neuen Züge mehr gegeben habe; damals wurden die Fahrzeuge der Schwarzwaldbahn und der Nagoldtalbahn erneuert. Dabei sei das Land mit innovativen Zügen wie dem Regio-Shuttle oder der Zweisystemstadtbahn Karlsruhe einst führend gewesen.

Bayern auf dem vorletzten Platz

Auf dem vorletzten Platz liegt mit erheblichem Abstand Bayern; dort kommen Berschin zufolge alte Züge noch auf einen Anteil von 13 Prozent. Auf einigen Strecken müssten Reisende sich noch lange mit Altwagen begnügen – im Netz Mühldorf etwa bis zum Jahr 2023. Allerdings sei es den Bayern etwa im Allgäu-Netz gelungen, noch vor der Neuausschreibung neuere Fahrzeuge zu akquirieren.

Überraschend ist für Berschin das schlechte Abschneiden von Hessen, das mit derzeit neun Prozent und 2016 dann sieben Prozent auf Platz drei rangiert. Dabei habe Hessen die Regionalisierung bereits 1994 praktiziert. Auf den weiteren Plätzen und damit „im Mittelfeld“ liegen das Saarland mit acht Prozent und Nordrhein-Westfalen mit drei Prozent. Alle anderen Bundesländer hätten inzwischen einen weitgehend oder komplett modernisierten Fahrzeugpark. Spätestens Mitte 2016 seien sie fast frei von Altwagen.

Minister: Altwagensenke der Republik

Verkehrsminister Hermann hatte zuletzt in einem StZ-Interview von der „Altwagensenke der Republik“ gesprochen. Er führte den Modernisierungsstau auf den Großen Verkehrsvertrag von 2003 zurück: Dieser habe für das Land den Nachteil, dass die Bahn zu einem vergleichsweise hohen Preis „auch noch mit alten Wagen fahren kann“; anderswo hätte sie mit Neufahrzeugen oder zumindest neueren Gebrauchten kommen müssen.

Auch der für Baden-Württemberg zuständige DB-Regio-Chef Andreas Moschinski-Wald, hatte den Fuhrpark kürzlich als „stark erneuerungsbedürftig“ bezeichnet. Es gebe einen Investitionsstau von 1,6 bis 2,7 Milliarde Euro, sagte er im StZ-Interview. Leider suche man seit vielen Jahren vergeblich nach Lösungen, um investieren zu können. Dazu benötige man eine vertragliche Absicherung für mindestens zehn Jahre, die bisher fehle. Die nach Auslaufen des Verkehrsvertrages 2016 geplanten Übergangsverträge würden daher keine Investitionen in neue Züge auslösen; diese gebe es erst nach 2018.

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24 Kommentare Kommentar schreiben

"Silberlinge": Ich verstehe nicht, weshalb immer wieder von den "Silberlingen" gesprochen wird? Originale "Silberlinge" sind seit rund 10 Jahren nicht mehr anzutreffen. Die obige Abbildung zeigt solch einen Typ. Die aktuell verkehrenden, roten Nahverkehswagen, haben abgesehen vom Grundlayout, mit solch einem Wagon sehr wenig zu tun, sie verfügen über: Verbesserte Geräuschdämmung, neue Fenster, neue Sitzpolster mit Schaumstoffkern, neue elektronische geregelte Heizungen, komplett neue Innenraumgestaltung, geschlossene WC-Systeme, automatische Türen... Also alles in allem komplett runderneuerte Fahrzeuge, die sogar in der zweiten Klasse, solch einen erstaunlichen Komfort wie Armlehnen und Kopfstützen bieten. Das ist bei Neubaufahrzeugen heute nicht selbstverständlich. Weshalb also diese sehr gut brauchbaren Wagons ausmustern und Steuergelder verschwenden? Einzig und allein wäre pro Zug ein Wagon mit Niederflureinstieg wünschenswert, da dieses inzwischen oft gefordert wird. Für den Regionalverkehr sind das nach wie vor sehr gute Fahrzeuge, die nicht vorschnell wegpolitisiert werden sollten -der Steuerzahler wird es danken! Gute Fahrt in Baden-Württemberg, mit komfortablen Altfahrzeugen!

Behinderten gerecht: Frage an Herrn Hornischer: Warum nur einen Waggon in einem Zug mit niederflur einstieg? Dies ist 1.eine Diskirminierung der Behinderten und 2. werdwen sich dort am Niederflureinstieg Rollstuhlfahrer, Müter mit Kinderwagen und Menschen mit Gehbehinderungen und Reisende mit schweren Koffern an der Tür stauen. Verspätungen sind dann schon vorprogrammiert.

Neumaterial oft schlechter!: Ich bin froh, dass man hier noch oft auf n-Wagen und br628 trifft. Wenn ich sehe, was teilweise die modernen Billigplastiktriebwagen an Komfort bieten, möchte ich diese garnicht! Brettharte dünne Sitze, keine Fenster zum Öffnen, nervige Dauerdurchsagen und Dauerpiepende Türen, dazu die Kinderkrankheiten... Einzig an der Barrierefreiheit muss gearbeitet werden! Auch die erste Klasse unterscheidet sich ja heutzutage oft nur noch an der Sitzfarbe, wenn ich da an die modernisierten ABn´s in Niedersachsen denke, ein Traum!

Falscher Ansatz: Nur weil es auch schlechte Züge neu zu kaufen gibt, muss man noch lange nicht bei den alten, auch schlechten Zügen bleiben. Man - und speziell auch die Bahn - kann Züge bestellen und kaufen, die deutlich besser sind als die alten - und zwar in jeder Hinsicht (Lärm, Klima, Information der Fahrgäste, Sicherheit, Bequemlichkeit, Barrierefreiheit, Höchstgeschwindigkeit, usw. Es ist auch nicht schlimm, wenn die Fahrgäste in der zweiten Klasse genauso bequem sitzen wie in der ersten Klasse. In der ersten Klasse hat man meistens immerhin den Vorteil, dass es ruhiger ist, weil nur wenige erste Klasse fahren.

Genau: Natürlich wäre es die beste Lösung, qualitativ hochwertige Neufahrzeuge anzuschaffen. Allerdings werden die Regioausschreibungen halt meistens vom billigsten Anbieter gewonnen. Das führt dann nicht nur zu Lohndumping, sondern auch zu Billigrollmaterial. Hier zeigt vorallem die Schweiz, wie es besser geht!

Transparenz: Ich will gar nicht in Zweifel ziehen, was der "Verkehrswissenschaftler Felix Berschin" festgestellt haben will. "Exklusive investigative Recherche" lebt aber vor allem auch von Transparenz. Und da wäre es gut gewesen, den weiteren Hintergrund von Herrn Berschin offen zu legen: von den Grünen benannter Bezirksbeirat in der Heidelberger Bahnstadt, freier Berater KCW GmbH seit 2007, Partner in der Nahverkehrsberatung Südwest, Gutachter der Projektgegner in der Schlichtung S 21. Angesichts der engen Beziehung zwischen Verkehrsminister Hermann und der KCW, angesichts der Verbindungen der Nahverkehrsberatung Südwest zu engen Mitarbeitern des Ministers und angesichts der parteipolitischen Verbundenheit überrascht die prägnante Positionierung von Herrn Berschin ja nicht wirklich. Das ist kein Vorwurf an Herrn Berschin oder an den Verkehrsminister, wohl aber an die StZ: Transparenz!

Alles längst bekannt: Ach Herr „Bahnen“, das ist doch alles längst bekannt, man muss nicht immer wieder die bekannte Welt komplett neu erklären. Wenn etwas an dem Bericht von Herrn Berschin inhaltlich nicht stimmt, so sagen Sie es, aber Personen in Misskredit zu ziehen obwohl diese korrekte Arbeit abliefern, ist inakzeptabel.

Warum inakzeptabel?: Ach Herr "Hoch", es ist immer wieder das Gleiche: Wenn ein Kronzeuge eine besondere Nähe zur CDU hat, ist das der StZ - zu Recht übrigens - bei bestimmten Themen allemal eine Anmerkung wert. Mich ärgert es allerdings, wenn mit dem Anspruch der Objektivität mit zweierlei Maß gemessen wird. Herr Berschin ist kein unabhängiger Verkehrswissenschaftler, sondern ganz offensichtlich "Partei". Das sollte man nicht verschweigen!

2+3=5 (in der heute übliche Manthematik): Wenn gezählt wird, wie viele Züge welchen Alters wie viele Stunden innerhalb eines festgelegten Zeitraums gefahren sind und dies nach Region, Bundesland, usw. zusammengezählt wird, dann ist das entweder richtig oder falsch. Da ist es völlig egal, ob das (beispielsweise) von jemand aus der CDU, SPD, Grüne, aus der Industrie, von einem Schreinerlehrling, Obdachlosen oder einem Professor kommt. Da ist es auch egal, ob jemand „Partei“ ist oder nicht. Sie können ja nachrechnen, ob es richtig ist oder nicht.

Vertuschen: Woher wollen Sie wissen, dass "korrekte Arbeit" abgeliefert wurde? Das ist es ja gerade, was in Zweifel zu ziehen ist, wenn man die Zusammenhänge kennt - was Sie aber gern vertuschen würden.

Unglaublich: Schon wieder ein Mappus CDU und Gönner CDU Stückchen das den Baden Württemberger einen Haufen Geld und Komfort kostet. Jetzt sollte man einmal nachfragen ob es Geistiges Unvermögen oder Vorsatz war die Verträge so zu schließen.

Wirklich alt . . . . . . : Oder in den Büchern schon lange abgeschrieben. Ökonomisch macht die DB-AG riesige Gewinne mit maroder Infrastruktur wie Bahnhöfen, Schienen, Brücken, Stellwerken u.s.w. so lange es genutzt wird ohne Neu-Investitition. Siehe die täglichen Ereignisse im Raum Stuttgart.

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