Der Landesjazzpreisträger Alexander „Sandi“ Kuhn will seine Zuhörer berühren, ohne sich ihnen anzubiedern. Am Freitagabend gastiert der Saxofonist mit einem Quartett im Stuttgarter Bix.

Stuttgart - Das nennt man Timing. Ende Januar ist bei bei Jazz’n’Arts-Records mit „The Ambiguity of Light“ das zweite Album des Saxofonisten Alexander „Sandi“ Kuhn als Bandleader erschienen. Die Kompositionen, die darauf zu hören sind, sind melodiös und zugänglich, offenbaren beim wiederholten Hören eine erstaunliche Komplexität und sind zudem originell arrangiert und orchestriert: ein Saxofon-Trio, mit Vibrafon, Gitarre und Stimme zum Sextett erweitert, präsentiert eine Palette von Klangfarben. Einen Monat später folgte die Nachricht, dass Kuhn, 1981 in Schwäbisch Gmünd geboren, 2013 den mit 15 000 Euro dotierten Landesjazzpreis Baden-Württemberg erhalten hat.

 

Zum Treffen in der Stuttgarter Musikhochschule, wo er gerade einen Lehrauftrag hat, bringt Kuhn sein Debütalbum „Being Different“ mit. Damals hieß seine Band Kuhnstoff, was daran erinnert, dass Kuhn auch noch mit dem Bassisten Axel Kühn in der gemeinsamen und sehr erfolgreichen Band Kühntett spielt. Kuhnstoff sollte eine Plattform für seine eigenen Stücke bieten: „Being Different“ wurde 2009 eingespielt, erschien aber erst 2011 auf dem Mannheimer Personality-Records-Label: „Mit einer Platte wird heute kein Geld mehr verdient. Mit einer Jazz-Platte schon gar nicht. Es kann nur darum gehen, die Platte als Promotion-Tool zu nutzen, um Aufmerksamkeit und Auftritte zu bekommen.“

Auf den ersten Blick liest sich Kuhns Biografie geradezu idealtypisch für einen jungen, talentierten Musiker. Früh von den Eltern gefördert, entdeckt Kuhn ebenso früh seine Leidenschaft fürs Saxofon, macht Musik, studiert nach dem Abitur aber erst einmal Englisch und Politikwissenschaft auf Lehramt in Tübingen. Beim mit dem Studium verbundenen obligatorischen Auslandsaufenthalt siegt die Liebe zur Musik. Warum soll man die Sprachkenntnisse nicht im Rahmen eines Jahres an der Berklee School of Music in Boston vertiefen, zum Beispiel in der Klasse von Joe Lovano? Nach dem erfolgreich absolvierten Staatsexamen stand dann aber eine Entscheidung an: „Ich wollte immer Musik machen und habe auch immer Musik gemacht. Nach dem ersten Staatsexamen und einem halben Jahr Referendariat habe ich mir gesagt: Wenn du jetzt die Kurve nicht kriegst, dann landest du in der Schule. Dann bin ich an die Musikhochschule, um dort einen Abschluss zu machen.“

Bernd Konrad lässt ihm Freiräume

In Stuttgart traf Kuhn auf seinen Mentor Bernd Konrad, der zwar musikalisch aus einer ganz anderen Richtung kam, aber schnell merkte, dass sein Schüler eine sehr konkrete Vorstellung von dem hatte, was er wollte. Konrad ließ den nötigen Freiraum, stand aber stets mit Rat und Tat zur Seite.

2011, kurz nach der Veröffentlichung von „Being Different“, ging Kuhn erneut mit einem Stipendium in die USA. Diesmal ans Queens College in New York, wo er auf bewunderte Lehrer wie Antonio Hart und John Ellis traf. Der Aufenthalt in New York geriet zunächst zum Schock angesichts der Unzahl hervorragender Musiker, denen Kuhn begegnete. Doch rasch wurde ihm klar, was die Spreu vom Weizen trennte. Es gehe nicht um ein Weiter, sondern um ein Tiefer: „Ich hörte Musiker, die mir musikalisch etwas sagten. Nicht nur technisch. Ich verstehe mich ja als Musiker und nicht primär als Saxofonist. Klar, ich stehe mit meinem Instrument auf der Bühne, aber Komposition ist für mich mindestens so wichtig. Und ich spiele nicht für Saxofonisten, sondern für interessierte Zuhörer. Ich möchte, dass meine Musik die Leute emotional anspricht. Ich komme aus einer Jazz-Tradition, die ein Lied leicht abgewandelt hat. Aber das Lied war noch gut zu erkennen.“

Marktgängig will er nicht sein

Warum dann nicht gleich Pop? Warum Jazz? Popmusik hat Kuhn indes auch schon gespielt: Hip-Hop, Funk, Neo Soul. Aber für Saxofonisten bietet der aktuelle Pop nicht viele Möglichkeiten, die Zeiten des zweiminütigen Saxofonsolos sind passé. Und Pop-Jazz á la Till Brönner ist nur ein Weg für sehr geschmeidige Künstler: „Marktgängigkeit wäre für mich kein Weg. Man kann sich ja verkaufen, aber es sollte in einer Linie sein mit dem, was man fühlt und denkt. Da darf man sich als Künstler nicht verbiegen.“

Bis jetzt ist die Geschichte von Kuhn also eine Erfolgsgeschichte – und kein Grund zur Klage. Aber jetzt, nach dem Landesjazzpreis, geht es hinaus in die freie Wildbahn, wo ein Musiker sehr umtriebig sein muss, um mit Lehrtätigkeiten, Konzerten unterschiedlichster Art und Auftragskompositionen eine Mischkalkulation hinzubekommen, die ein Einkommen und eine gewisse Unabhängigkeit sichert. Kuhn ist realistisch: „Jazz ist nicht tot, aber nur von der Musik leben zu wollen, ist utopisch. Man kann zwar mehr unterrichten, mehr Konzerte spielen oder besser bezahlte Konzerte spielen. Wenn man gut vernetzt ist, kann das funktionieren. Ich bin ja nicht scharf darauf, nebenher Pakete auszufahren. Dazu, finde ich, bin ich auch etwas zu gut ausgebildet.“ Sagt er und lacht.