Landesumschau Stuttgart 21 erregt viele
Rüdiger Bäßler, Johanna Eberhardt, Heinz Siebold, Michael Petersen, 08.09.2010 14:01 Uhr
Bei den Demonstrationen vor dem Bahnhof sind die Hauptstadtbewohner nicht mehr unter sich. Neuerdings reisen auch Abordnungen aus allen Himmelsrichtungen nach Stuttgart. Foto: dpa
Bei den Demonstrationen vor dem Bahnhof sind die Hauptstadtbewohner nicht mehr unter sich. Neuerdings reisen auch Abordnungen aus allen Himmelsrichtungen nach Stuttgart. Foto: dpa


Während die Bürgerinitiativen ihre Ablehnung von Stuttgart 21 schon lange vorgetragen haben, halten sich die Politiker der Region bedeckt, aber in der SPD rumort es vernehmbar. Hinter vorgehaltener Hand wird berichtet, dass alle südbadischen Landtagsabgeordneten verheerende Auswirkungen bei der Landtagswahl 2011 erwarten. Auch die CDU werde die Folgen von Stuttgart 21 deutlich zu spüren bekommen, glauben viele in Südbaden. Nur die Grünen werden davon profitieren.

In Ulm plädieren die Grünen für eine neue Schnellbahnstrecke

Pünktlich zum Ende der Sommerpause haben die Grünen in Ulm mit politischen Widerstandshandlungen begonnen, von denen sie sagen, sie seien erst der Anfang einer immer stärker werdenden Protestwelle. Es gab eine erste zaghafte Demonstration in der Innenstadt mit weniger als hundert Teilnehmern. Vor dem Ulmer Hauptbahnhof wurden Transparente gegen die Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs entrollt. Das soll nun immer so weitergehen, doch der Protest enthält eine Einschränkung. Jürgen Filius, der Kreisvorsitzende der Grünen, ist für die Schienenneubaustrecke Ulm-Wendlingen. Das Projekt müsse entkoppelt werden von der Bahnhofsfrage, fordert er. Sofern das nicht gelinge, werde die Entwicklung der Region behindert werden. "Der Schienenschluss zwischen Erbach und Ehingen ist schon lange überfällig. Aber wo soll das Geld dafür dann herkommen?", fragt Filius.

Mit der von ihm ins Spiel gebrachten Schienenstrecke ist eine Querspange zwischen Erbach und Ehingen (Alb-Donau-Kreis) gemeint, die einst die Donautalbahn (Ulm-Donaueschingen) und die Südbahn (Ulm-Friedrichshafen) verbinden könnte. Der Regionalverband Donau-Iller hat schon vor Jahren mittels eines Gutachtens die Wichtigkeit einer solchen Streckenverbindung für die Region hervorgehoben. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir war schon 2005 für die Querspange. Doch darum ist Rivoir, was Stuttgart 21 angeht, noch lange nicht mit den Grünen. Der SPD-Stadtrat gehört zu einer Riege von Ortspolitikern aus CDU, Freien Wählern und FDP, die, aufgeschreckt von den Protesten, nun wöchentlich vor dem Hauptbahnhof Ulm für das Bahnprojekt Stuttgart 21 argumentieren. Das Interesse daran ist bis jetzt eher lahm, und so ist die Ulmer Auseinandersetzung um den Bahnhof in der Landeshauptstadt derzeit vor allem eine Schlacht der Pressemitteilungen.

In diese hat sich am Montag auch der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) eingeschaltet. Irritiert von der "anhaltenden Kritik" an S21 schreibt Gönner: "Wer dieses Projekt jetzt stoppt, muss sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Chance nicht wiederkommt." Fortsetzung folgt vermutlich.

In Oberschwaben fühlt man sich als Stiefkind der Verkehrspolitik

Keine Demonstrationen am Bodensee, keine Zusammenrottungen, kaum Pamphlete gegen Stuttgart 21, aber trotzdem viel Zorn. Das ist die Situation zwischen Friedrichshafen, Überlingen, Singen und Konstanz. Die Menschen erleben, wie ihnen der tägliche Stau in Ost-West-Richtung wertvolle Stunden raubt, wie seit mehr als einem Jahrzehnt von Politikern mit dem Finger aufs zögerliche Berlin gezeigt wird, während sich andererseits eine Reihe von Besitzstandswahrern an ihr touristisch gut vermarktbares Bild von der unberührten Natur klammert, das angeblich keine weiteren Straßen verträgt.

Mit Andreas Brand (Freie Wähler), dem 2009 neu gewählten Oberbürgermeister von Friedrichshafen, verschärfte sich die Form des Protests. Der ausgebaute Teil der B30 endet von Norden herführend hinter Ravensburg in einem Acker. Auch die dreispurige B31 endet bei Überlingen im Nirgendwo. OB Brand fordert, wie seine Amtskollegen in Ravensburg und Biberach, die schnellstmögliche Elektrifizierung der Südbahn. Zugleich nimmt er auf, dass viele Menschen am Bodensee nicht unterscheiden zwischen den unterschiedlichen Planungswegen, die für den Straßen- und den Schienenausbau angelegt sind. Stuttgart 21 und die enormen Summen, die dafür aufgewendet werden, weisen überdeutlich auf die Verkehrshemmnisse vor der eigenen Haustür hin.

Die unausgebaute Südbahn hat ein Pendant im Westen des Landes: die Gäubahn, die in ihrer Verlängerung über die Alpen führt. Zwar können hier ICE-Züge verkehren, doch die Strecke leidet darunter, dass sie streckenweise nur über einen einzigen Schienenstrang verfügt, was auf Kosten der Reisezeiten geht. Das gilt vor allem für die Streckenabschnitte Horb-Neckarhausen sowie Rottweil-Spaichingen-Tuttlingen. 134 Millionen Euro kostet der Ausbau Berechnungen zufolge, woher das Geld kommen soll, steht in den Sternen. Im Juni hat die Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) den Gäubahnanliegern immerhin zugesagt, das Land werde einen Teil der Planungskosten vorfinanzieren. Warten zu können bleibt auf dieser Strecke dennoch auf unabsehbare Zeit eine Tugend.
Kommentare (29)
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SEP
10
upsi, 09:17 Uhr

S21

Sollen die Stuttgarter doch in ihrem Kessel machen was sie wollen. Als Alternative ist vorzuschlagen: Bau eines Bahnhofs an der Messe / Flughafen und dann direkt weiter an der Autobahn entlang in Richtung Mannheim. Die Stuttgarter hätten in Ihrem Kessel Ruhe, kein ICE würde die Stadt mehr stören und mit der S-Bahn könnte der Bahnhof auf den Fildern ja auch weiter angefahren werden.

SEP
09
carlo, 17:30 Uhr

wie es die anderen sehen

Bitte lesen: in der aktuellen ZEITausgabe No. 37, Seite 52-53: "Der Geischt sagt Nein! Reise in eine verwandelte Stadt..." Wenn sich der Geist dann wandelte, wäre der halb ruinierte Bahnhof nicht umsonst gewesen! Ich würde mit eigenen Händen beim Wiederaufbau mithelfen.

SEP
09
Antworten, 10:56 Uhr

carlo

Ich war gestern da. ----da immer deutlicher wird, dass es sich bei den Gegenern von diesem "Projekt" Stuttgart 21 nicht um "Chaoten" handelt oder "Verblendete" oder "Heulsusen", die von den Fakten keine Ahnung haben.--- Im Gegenteil, Ihre obige Beschreibung trifft zu 95% leider auf die Gegner zu.

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