Landtagswahl 2016 Das kleinste Bollwerk der Grünen

Von cls 

Die CDU hat es in Bad Boll schwer. Der kleine Flecken ist traditionell eine Grünen-Hochburg. Und die erste grün-rote Regierungsperiode im Land hat den Bollern anscheinend Lust auf mehr gemacht. Ein Rundgang.

Eine Ortmitte wie überall – doch die Menschen in Bad Boll seien anders, sagt mancher. Und ein Drittel von ihnen wählt grün. Foto: Horst Rudel
Eine Ortmitte wie überall – doch die Menschen in Bad Boll seien anders, sagt mancher. Und ein Drittel von ihnen wählt grün.Foto: Horst Rudel

Bad Boll - Wer ist Kretschmann?“ Der Mann am Stehtisch im Bäckereicafé des Discounters Treff 3000 klinkt sich in das Gespräch ein. „Merkel und Stoiber“, die kenne er noch, die übrigen Politikernamen hat er aus seinem Gehirn gestrichen, „sind eh’ alle ferngesteuert“. Wählen geht der Bad Boller seit vielen Jahren nicht mehr, „das regt mich nur auf“. Das Gesicht des 59-Jährige erzählt viel von einem viel zu intensiven Leben. Einen Job hat der Bauarbeiter schon länger nicht mehr, das ist auch so eine Geschichte. Er winkt ab. Aber eine Botschaft an den Herrn Ministerpräsidenten Wie-auch-immer will er los werden: „Die Syrer können bleiben. Die anderen Afrikaner müssen raus.“

In seiner Heimatgemeinde ist Winfried Kretschmann sonst durchaus sehr bekannt – und beliebt. Bad Boll ist eine grüne Hochburg, mit 5100 Einwohnern die kleinste in der Region Stuttgart. 34,3 Prozent wählten 2011 die Alternativen. Das ist sogar für Boller Verhältnisse eine Menge. Erstmals überholten die Grünen damit die CDU. Allerdings haben die Bündnisgrünen in den vergangenen 20 Jahren bei Landtags- oder Bundestagswahlen auf Landes- und Bundesebene fast immer mehr als 20 Prozent der Stimmen eingefahren. Die Christdemokraten haben es im gleichen Zeitraum bei vier von zehn Wahlen nicht einmal über die 30-Prozent-Marke schafft. Auch auf kommunaler Ebene liegen die Grünen vorn. Sie stellen sechs von 14 Gemeinderäten. CDU und Freie Wähler sitzen mit je vier Politikern am Tisch.

Ein kleiner Flecken, anthroposopisch geprägt

Das Dorf am Fuße des Aichelberg ist seit vielen Jahrzehnten ein intellektuelles Zentrum. Im Teilort Eckwälden arbeitet seit 1937 das anthroposophische heilpädagogische Institut mit 130 Kindern, die der Seelenpflege bedürfen. In der Nachbarschaft eröffnete Rudolf Hauschka 1950 die Firma Wala, die heute mit mehr als 1000 Mitarbeitern homöopathische Arzneimittel und Kosmetik herstellt. Ganz in der Nähe ist die Evangelischen Akademie, die seit 1945 Freigeister zum intellektuellen Diskurs versammelt.

Das prägt. Bad Boll ist Fair-Trade-Gemeinde, erstellt Nachhaltigkeitsberichte und ist mit dem Bollwerk mit einem eigenen örtlichen Energieversorgungsunternehmen am Markt. In dem Flecken überleben ein Reformhaus und zwei Bioläden, während der Supermarkt voriges Jahr kurz vor dem Aus stand. „Für die örtliche CDU“, sagt Rainer Staib, der CDU-Fraktionschef im Gemeinderat, „ist es nicht ratsam, dagegen zu arbeiten.“ Schwarz und grün schaffen im Rathaus zusammen, trotzdem es bei einzelnen Themen Differenzen gibt.

Die Gemeinschaftsschule etwa ist auch für die Boller Christdemokraten kein Lieblingskind. Zugestimmt haben die Konservativen gleichwohl, schon aus Sorge um den Schulstandort. Der ist gesichert, die Schule boomt. Uneins war man sich im vergangenen Jahr auch über den Bauantrag eines Bauern. Der wollte in Eckwälden einen neuen Kuhstall für seine konventionelle Landwirtschaft bauen – und bekam heftig Gegenwind von den Nachbarn, die mehr Gestank witterten. Auch die Wala befürchtete, ihr in der Nähe liegender Heilmittelgarten könne verunreinigt werden.

„Die Grünen machen nur Probleme!“

Ein Mitarbeiter jenes Hofs will gerade Mittag machen. „Mit den Grünen haben wir nur Ärger“, schimpft er, monatelang Händel wegen des neuen Stalls: „Die machen uns nur Probleme!“ Die Kuh ist zwar mittlerweile vom Eis. Aber der Streit zeigt schon, dass das Leben auf dem Dorf mit der anthroposophisch-ökologischen Prägung nicht immer reibungslos verliefen.

Wenige Meter weiter, in der Nähe des Eckwälder Bioladens, steht eine Frau. Bunte Jacke, Strickmütze, bunter Schal, fröhliches Gesicht. „Ich habe beim letzten Mal die Grünen gewählt, ich werde wieder die Grünen wählen“, sagt sie freimütig. Rundum zufrieden sei sie mit der ersten grün-roten Amtsperiode. Die Themen seien undogmatisch abgehandelt worden, „obwohl man den Grünen ja immer Dogmatismus vorwirft“. Die Krankenschwester ist 66 Jahre alt und war früher bei der Wala. „Die Leute von der Wala und vom heilpädagogischen Institut sind anders, da gibt es schon eine Trennung zum restlichen Dorf“, sagt sie. Seit über 20 Jahren lebt sie in Eckwälden, aber eine Exotin sei sie geblieben. Wohl fühlt sie sich trotzdem, das betont sie.

Um den CDU-Stand macht man einen Bogen

Aber auch Rainer Staib fühlt sich manchmal wie von einem anderen Stern. Manche Boller machten um die Infostände der CDU einen Bogen, sagt der Fraktionschef. „Von der CDU nehme ich nichts“, hört er manchmal. Schön sei das nicht, froh ist er, dass es im Gemeinderat weniger Berührungsängste gibt. Und der grün-roten Regierung schreibt er ins Stammbuch, sie hätte verkehrspolitisch ruhig mehr für die Voralb tun können. Die Expressbusse machten in Boll nicht Station, trotz des Kurbetriebs, trotz der Akademie, und trotz der Wala, die ihren Mitarbeitern Zuschüsse für die Nutzung des Nahverkehrs gewähren würde – wenn es ihn denn gäbe.

Der Herr im Reformhaus interessiert sich ebenfalls für Verkehr. Ihn treibt das Feinstaub-Problem um. Die jüngsten Aufrufe zum freiwilligen Fahrverzicht des Stuttgarter Grünen-Oberbürgermeisters Fritz Kuhn hält er für „ausgemachten Unsinn“. DieProbleme löse man nicht mit Appellen allein an die Autofahrer. Auch die Industrie müsse einbezogen werden, sagt der 66-Jährige. Die grün-rote Landesregierung bewertet er positiv: „Sie hat pragmatisch und nicht zum Schaden der Wirtschaft gearbeitet“. Erwartet hat Wirtschaftsjurist das nicht. „Die Autoindustrie war anfangs ja schon sehr erschrocken“. Er selbst wohl nicht minder, 2011 hat er die CDU gewählt. Wo er am 13. März sein Kreuzchen macht? Er lächelt: „Vermutlich nicht bei der CDU.“

Kretschmann, der alte Kämpfer

Die Straße runter steigt ein sportlicher Senior vom Fahrrad. Der 74-Jährige will auf alle Fälle die Grünen wählen, wie vor fünf Jahren. „Winfried Kretschmann ist die herausragende Leitfigur“, sagt er, „wenn er nicht da wäre, sähe es anders aus.“ Mit seinem Pragmatismus etwa in der Flüchtlingspolitik habe der Regierungschef erfolgreich gearbeitet. „Das ist ein alter Kämpfer, gestählt in vielen Auseinandersetzungen, das merkt man.“

Die alten Händel kennt der 74-Jährige. Er war ein Gründungsmitglied der Grünen, Mitgliedsnummer 46. Das Parteibuch hat er nicht mehr, seit die Grünen in die Parlamente einzogen. „Das wollte ich nicht akzeptieren. Wir waren außerparlamentarisch erfolgreich, ohne Kompromisse“, erzählt er. Heute lobt er Kretschmann für seinen pragmatischen Kurs. Ein weiter Weg? Er schmunzelt. „Das kann man so sagen.“

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