Stuttgart - Countdown im Saal der Weingärtnergenossenschaft Bad Cannstatt: Die unübersehbaren roten Ziffern auf der großen Leuchttafel rückten am Donnerstagnachmittag im Sekundentakt weiter: „Jede Sekunde wird in Baden-Württemberg ein Quadratmeter landwirtschaftliche Anbaufläche vernichtet“, sagte Klaus Brodbeck, der Kreisvorsitzende des Stuttgarter Bauernverbandes. Der Flächenfraß bedrohe die bäuerliche Existenzen nicht nur in Stuttgart. „Wir wollen ein Gesetz, das unsere Äcker schützt“, forderte Brodbeck.
Genau aus diesem Grund hat der Landesbauernverband am Donnerstag auf dem Schlossplatz Unterschriften für eine Petition an den Bundestag gesammelt. „Stoppt den Flächenfraß“ war auf den an Traktoren hängenden Plakaten zu lesen. Und die Passanten wurden darüber informiert, dass im Land täglich 66 000 Quadratmeter überbaut oder asphaltiert werden – das sind neun Fußballfelder.
In 20 Jahren 1400 Hektar Ackerfläche eingebüßt
Bis es einen gesetzlichen Schutz gebe, sei es noch ein langer Weg, betonte Brodbeck am Donnerstag auf der Mitgliederversammlung. Der überbordende Siedlungs- und Straßenbau bedrohe auch die Bauern in der Wirtschaftsregion Stuttgart. Von der knapp 21 000 Hektar großen Gemarkung der Landeshauptstadt sei inzwischen mehr als die Hälfte bebaut und versiegelt. „Von 1980 bis 2002 sind in Stuttgart 1400 Hektar Ackerböden verloren gegangen“, bilanzierte der Kreisvorsitzende. Dadurch sei rund 100 Bauernfamilien die Existenzgrundlage entzogen worden.
Durchgehalten haben bis heute in der Landeshauptstadt noch knapp 200 Landwirte. Jeder Hof sei im Schnitt lediglich knapp 13 Hektar groß. Deshalb bedrohe jeder weitere Quadratmeter, der verloren gehe, die Existenz der Bauern.
In den vergangenen Jahren habe sich der Trend immerhin abgeschwächt, sagte Brodbeck. Auch die Stadt bevorzuge die Innenentwicklung statt mehr Beton auf der grünen Wiese. „Aber der Hunger nach freien Flächen ist nach wie vor viel zu groß“, klagte der Kreisvorsitzende. Die Stuttgarter Bauern hätten bereits durch die neue Messe beim Flughafen viel Boden verloren; durch Stuttgart 21 drohten auf den Fildern weitere Einbußen.
Strenge Vorgaben aus Brüssel
Auch auf Brüssel sind viele Landwirte gar nicht gut zu sprechen, weil ihre Betriebe mehrere sogenannte „Greening“-Kriterien erfüllen müssen. Danach dürfen nicht mehr als fünf Prozent Grünland in Äcker verwandelt werden. Außerdem müssen sieben Prozent der Landwirtschaftsflächen brachliegen.
Einschnitte haben die Landwirte in der Landeshauptstadt bei der Ernte im vergangenen Jahr hinnehmen müssen. Vor allem beim Getreide und Raps habe es große Einbrüche gegeben. „Im Vergleich zu normalen Jahren war der Ertrag beim Getreide um 20 Prozent geringer“, sagt Brodbeck. Beim Raps hätten die Verluste sogar zwischen 20 und 30 Prozent gelegen. Glücklicherweise sei das Ergebnis bei den landwirtschaftlichen Produkten, die erst im Herbst geerntet würden, besser gewesen.
