Lange Nacht der Museen in Stuttgart Häppchen im Hafen und rollendes Museum

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93 Stuttgarter Kunst- und Kultureinrichtungen hatten am Samstagabend ihre Pforten für Besucher geöffnet. Doch wie viele Stationen sind innerhalb von sieben Stunden sinnvoll zu schaffen? Ein Selbstversuch von StZ-Autor Matthias Ring.

Schlange stehen hieß es bei der 16. Langen Nacht der Museen in Stuttgart. Foto: Michael Steinert 77 Bilder
Schlange stehen hieß es bei der 16. Langen Nacht der Museen in Stuttgart. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Die 16. Ausgabe der Museumsnacht hat einige Neuheiten geboten, darunter das „Rollende Museum“ mit einem Oldtimer-Shuttle, der zusätzlich zu den SSB-Bussen die Besucher zu Mercedes und Porsche brachte. Aber wie viele von 93 Stationen sind zwischen 19 und 2 Uhr sinnvoll zu schaffen? Ein Selbstversuch.

18.45 Uhr: Oben ohne bei 5 Grad

Vor dem Neuen Schloss warten 63 Fahrzeuge des Württembergischen Automobilclubs darauf, Besucher zu den Automuseen zu bringen. Schon eine Viertelstunde vor Beginn der Veranstaltung ist die Schlange länger als Plätze für den ersten Transfer zur Verfügung stehen. Zwar sind unter den Oldtimern auch zwei alte VW-Busse und ein Neoplan, Baujahr 1954, mit 25 Sitzplätzen im Einsatz, aber ebenso Zweisitzer. Der Aston Martin Jahrgang 1934 hat bei 5 Grad im Schatten nicht einmal ein Dach, aber Rudolf Geray hält für seine erste Mitfahrerin eine Kappe im Handschuhfach bereit.

19.15 Uhr: Unorte können Orte sein

Im Wechselraum des Bundes Deutscher Architekten (BDA) im Zeppelin-Carré sind Preisträger des Hugo-Häring-Landespreises zu sehen. „Aber weil Architekten dazu neigen, die Welt sehr positiv darzustellen“, so der Stuttgarter BDA-Vorsitzende Markus Hammes, werden in „Short Cuts“ von 20 Bildern in je 20 Sekunden auch die Schattenseiten der Stadt gezeigt. Hammes sinniert in „Schöner Parken“ über das Züblin-Parkhaus und andere Schandtaten, Kai Bierich widmet sich in „(Un-)Orte positiver denken“ den Gebieten rund um Paulinenbrücke und Wagenhallen.

20.00 Uhr: Hier kocht der Chef

Oberbürgermeister Fritz Kuhn rührt in der Rathauskantine mit freundlicher Unterstützung von Ranieri Borgnolo ein Risotto an. Der OB empfiehlt sich nicht gerade für künftige Auftritte in Kochshows, wenn er sagt: „Beim Kochen schwätzt man nicht viel, wir fangen jetzt einfach mal an.“ Dann aber kommen doch noch Tipps wie „das Olivenöl darf nicht kokeln“ über seine Lippen. Das Kulinarische ist Teil eines vom italienischen Kulturinstitut zusammengestellten Programms auf allen Ebenen: von Konzerten und Disco im Großen Sitzungssaal über Arbeiten der Meisterschüler der Scuola Mosaicisti del Friuli bis hin zu Mitmachtänzen im Foyer – das Rathaus ist fröhlich in italienischer Hand.

21.00 Uhr: Die Geisterbahn lebt

In den Gängen und Räumen des Azenberg-Areals im Norden, wo einst in Instituten geforscht wurde, lauert hinter jede Ecke eine Überraschung. In der Sackgasse einer Treppe eine Videoinstallation mit einer Nackten, unterm Dach eine Performance mit Vermummten, im Skateboard-Keller wird zu Hip-Hop-Beats gesprüht, und bei „afs athletik“ heißt es: „Wir fitten dich!!!“ Zwischen Collagen und Skulpturen ist nicht immer auszumachen, was Kunst ist und was zur alten Einrichtung gehört: verwitterte Boiler und Waschbecken, monströse Gasöfen und Sicherungskästen.

22.30 Uhr: Im Hafen brennt Licht

Die Gebäude und Kräne des Stuttgarter Hafens, den selbst manche Einheimische immer noch nicht genau lokalisieren können, sind bunt illuminiert. Gegenüber dem Bereich am Mittelkai in Hedelfingen, wo sich zeitweise mehr als tausend Zuschauer tummeln, lässt sich der Illusionist Topas in einem offenen Container übers Wasser hieven – und seine Roxanne verschwinden. Weil die Wartezeiten für eine Hafenrundfahrt lang sind, kann man sich zwischendurch mit lecker Fischbrötchen versorgen oder Kunst in Containern begehen.

0.00 Uhr: Viele Ängste sind im Kasten

„Oben Kommerz, unten Künstlerkram“, sagt Hannes Steim über seine Räume Jenseits von Jedem in der Theaterpassage. Im Erdgeschoss also werden Klamotten an­geboten, im Keller hat Ulrich Brauchle seine „malerisch-musikalische Liveperformance“ beendet. Im Gegensatz zu seinem Popnotpop-Festival muss Steim als Galerist nicht wirtschaftlich arbeiten, sondern bezeichnet dies als „Luxushobby“. Im Projektraum Lotte nicht weit entfernt von der Staatsgalerie zeigt sich Franziska Hoenisch zufrieden mit den Gesprächen auf engstem Raum. Die Filmakademiestudentin spürt für eine Dokumentation der „German Angst“ nach und bittet Besucher in der Museumsnacht, ihre persönlichen Ängste in den Briefkasten zu werfen. „Der war schon nach einer Dreiviertelstunde voll.“

1.00 Uhr: Fazit am Ende der Nacht

Nach sieben Stationen in sechs Stunden ist   die Aufmerksamkeitsgrenze erreicht. Stichproben haben ergeben, dass sich viele Besucher ohnehin auf wenige Einrichtungen konzentrieren und dafür lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Die Schlange zum Bunker unterm Marktplatz, der nur in solchen Nächten geöffnet wird, ging einmal um den Platz. Laut Veranstalter vom Stadtmagazin „Lift“ waren in der 16. Museumsnacht 24 000 Menschen unterwegs. Besondere Anziehungspunkte seien die großen Häuser wie das Landesmuseum, das Kunstmuseum oder das Mercedes-Benz Museum gewesen. Die Staatsgalerie hatte sich wegen „eines schlechten Verhältnisses von finanziellen Verlusten zum nachhaltigen Besuchererfolg“, so der kaufmännische Geschäftsführer Dirk Rieker in der StZ, heuer zum ersten Mal aus dem Event ausgeklinkt; doch „Lift“-Verlagsleiter Gerald Domdey gibt sich zuversichtlich, dass sie nächstes Jahr wieder dabei sei.