Krimikolumne

Larry Brown: „Fay“ Ein Soziopath als Liebhaber

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Die Odyssee eines White-Trash-Mädchens: Larry Brown schildert mit großer epischer Geste, wie es seiner 17-jährigen Heldin Fay ergeht.

Skeptischer Autor: Larry Brown hat für seine Figuren  kein Happyend im Blick. Foto: Tom Raskin
Skeptischer Autor: Larry Brown hat für seine Figuren kein Happyend im Blick. Foto: Tom Raskin

Stuttgart - Das junge Mädchen ist 17 und etwas Besseres als das elende Leben mit ihrer asozialen Familie, die schon mal ein kleines Kind verkauft, wird sie überall finden. Mit diesen Gedanken und noch nicht mal einer handvoll Dollar bricht Fay in ihrem hinterwäldlerischen Zuhause auf, um am Meer ihr Glück zu suchen: „Süden schien ihr die beste Lösung zu sein. Sie hatte eine vage Vorstellung von der Küste“, schreibt Larry Brown über seine analphabetische Heldin.

Fay trampt durch die Gegend, kommt erst in schlechte Gesellschaft, und dann in gute. Der State Trooper Sam nimmt sie bei sich und seiner Frau auf. Die beiden versorgen die junge Frau mit Seife und sauberer Kleidung, Fay lernt lesen und schreiben und zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie bürgerliches Glück kennen.

Ein Kerl von barbarischer Brutalität

Doch dieser Zustand ist nicht von langer Dauer. Sams Frau kommt bei einem alkoholbedingten Verkehrsunfall ums Leben, der Witwer und sein Schützling verlieben sich ineinander, Fay wird schwanger. Noch könnte alles halbwegs gut ausgehen, da erschießt Fay Sams frühere Geliebte. Ein Fall von glatter Notwehr, doch Fay flieht, erreicht ihr ursrprüngliches Ziel, den Küstenort Biloxi und lernt dort einen Kerl von barbarischer Brutalität kennen.

Dieser Aaron jobt im Stripschuppen seines Halbbruders, seine Gewalttätigkeit wird von keinem bisschen Moral getrübt. Um sich und der jungen Frau etwas zu beweisen, holt er schon mal mit dem Gewehr ein Kleinflugzeug vom Himmel.

Fay ist hin- und hergerissen. Einerseits liebt sie diesen Typen und seine Stärke, andererseits hat sie aus guten Gründen Angst vor ihm. Sie beschließt, Kontakt zu Sam aufnehmen, der mitterweile nicht nur einen schweren Unfall überstanden, sondern wegen des Todes seiner Ex-Geliebten auch mächtig Ärger mit seinen Polizeikollegen hat.

Alles strebt auf ein böses Ende zu

In „Fay“ greift Larry Brown ein Motiv auf, dass vor ein paar Jahren auch Willy Vlautin in „Northline“ beschäftigt hat: die Odyssee eines schwangeren White-Trash-Mädchens. Doch während Vlautins eindrucksvolles Buch inhaltlich im Unspektakulären bleibt, dafür aber gegen Ende eine hoffnungsvolle Note hat, strebt bei Brown alles auf ein böses Ende zu – das kann mit einem Soziopathen wie Aaron an Bord auch gar nicht anders sein.

In seinem Nachwort stellt Alf Mayer den 2004 mit 53 Jahren gestorbenen Autor in eine Reihe mit Giganten wie Burke, Lansdale und Pollock – angesichts der epischen Kraft des Mannes aus Mississippi völlig zurecht. Leider haben sich in die deutsche Erstausgabe ein paar Schnitzer eingeschlichen (da sind neben Streichern und Bläsern auch „Klaviertasten“ zu hören, ein „zersplitternder Knorpel knirscht“ und „nach Einbruch der Dunkelheit schienen Sie [!] nichts von ihrer Wucht zu verlieren“). Grund genug, dem Buch eine weitere, dann korrigierte Auflage zu wünschen. Und dann noch eine. Und noch eine. Und noch eine.

Larry Brown: Fay. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel, Heyne Hardcore, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 656 Seiten, 22,99 Euro