Lawinenopfer Eiskalter Wettlauf gegen die Uhr
Christine Keck, 16.03.2010 17:40 Uhr
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Till Kramann liebt Tiefschnee. Foto: Stoppel
Till Kramann liebt Tiefschnee. Foto: Stoppel
""Wir wollen beim Wintersport das Risiko minimieren.""
Alexander Göpfert, Skifahrer



Wenn die Lawine im Bauch kribbelt


Die Zahl der Toten sollte zur Abschreckung genügen. Der Lawinenwarndienst Bayern hat auf seiner Homepage rosa Punkte gesetzt. Jeder Punkt steht für einen tödlichen Unfall im bayrischen Alpenraum. "7. März, Skitourengeher löst in Nordosthang Schneebrett aus", lautet die neueste Meldung. Im Schnitt sterben fast 100 Menschen jeden Winter in den Alpenländern Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz, alle verschüttet unter Lawinen, weiß Hans-Jürg Etter von der Internationalen Kommission für alpines Rettungswesen (IKAR). Erst am Sonntag ist bei Innsbruck ein Deutscher ums Leben gekommen. Ein 22-jähriger Student aus Oberkirch im Schwarzwald war mit seiner Schwester auf Tour, als sich eine Lawine löste. Dank seines Piepsers konnte er zwar geortet, aber nicht mehr lebend gerettet werden.

Mit Tee, Brötchen und Aktivkohlewärmer zum Einlegen in den Schuh hält sich der Steibis-Kurs bei Kräften. Es wird im Stehen gegessen, die launische Sonne versteckt sich zur Mittagszeit. "Schnee und Gelände lassen sich lesen", doziert Kramann und zeigt auf einen Hügel, der voll geblasen ist mit frischem Weiß. Steil, schattig, windabgewandt - ideal für eine Lawine. Der Bergführer kennt das Gefühl, wenn sich der Boden bewegt und alles zu spät ist.

"Wruumm", sagt Kramann, "erst hörst du sie, dann spürst du den Schock im Bauch." Mechanisch hat er sich damals in den Glarner Alpen auf den Schnee gesetzt, die Arme ausgebreitet, um obenauf zu bleiben. 200 Meter Rutschpartie, bei der er immer weiter einsank bis über den Bauchnabel hinaus. "Irgendwann kam die Lawine zum Stillstand", erinnert sich der Bergführer an den Horrortag. "Ich war blauäugig, heute würde ich in so einen Hang nicht mehr hineinlaufen."

Wettschaufeln gegen die Kälte


Die Kälte setzt den Suchenden zu. Sie sind dankbar für ein paar Minuten Wettschaufeln. Michael Müller und sein Bruder lassen den Schnee stauben, im Akkord legen sie ein Loch frei, groß genug um einen Verschütteten zu bergen. Knapp fünf Minuten zeigt die Stoppuhr auf dem Handy. Der Tuttlinger ist ausdauernd und ehrgeizig, nur mit dem Piepser kommt er nicht so zurecht. "Der will mich wohl veräppeln", ärgert sich Müller und dreht immer wieder Kreise, er hat Probleme mit der Anzeige.

Die kann er sich in einer Notsituation nicht leisten, da muss es schnell gehen. Wie im Sommer 2008, als Müller in der Nähe von Galtür neun Meter tief in eine Gletscherspalte fiel und fünf Minuten bewusstlos war. "Ich bin ausgerutscht, ein Trittfehler", gibt der Alpinist zu. Eine Schneebrücke und die Besonnenheit seiner Wanderfreunde haben ihn gerettet. Sie zogen ihn am Seil hoch, machten sich an den Abstieg Richtung Klinik. "Es war knapp", sagt Müller, der mit einer geprellten Schulter und einem Trauma davonkam. Ein halbes Jahr blieb er den Gipfeln fern, dann schnürte er wieder den Rucksack. Sein Glück sei es gewesen, sagt er, dass er kurz zuvor einen Spaltenbergungskurs gemacht habe. Da stürzte er trainingshalber ab, lernte mit dem Gefühl der Hilflosigkeit umzugehen.

In der Schatzibar werden am späten Nachmittag die leuchtenden Wangen noch röter. Hier sitzen die Gäste auf gepolsterten Milchkannen, in der Ecke brennt ein Feuer im Kamin und der Flying Hirsch, Jägermeister mit Red Bull, ist im Angebot. Till Kramann verteilt die Trainingsscheine. Schnell noch einen Kaffee, er will los. Der Bergführer schwärmt vom "weißen Powder" wie ein Süchtiger, er ist dem unberührten Tiefschnee verfallen. Den Hang hat er schon ausgewählt und den Piepser eingepackt.
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