""Wir wollen beim Wintersport das Risiko minimieren.""
Alexander Göpfert, Skifahrer
Steibis/Allgäu - Die Beine kniehoch im Tiefschnee, den Oberkörper gebeugt hat Till Kramann nur eines im Blick: das hektisch piepsende Oval in seiner rechten Hand. Er fährt damit über die pulvrige Neuschneedecke, als wolle er das Winterweiß bügeln. Jede Minute zählt, das weiß der 35-Jährige - Daunenjacke, verspiegelte Sonnenbrille, Schaufel unterm Arm.
Eine Leuchtdiode auf dem Oval weist den Weg geradeaus, 2,10 steht in roten Ziffern auf der Anzeige. Kramann macht noch einen großen Schritt. "Hierher", ruft er der Gruppe hinter ihm zu und greift nach einem Alustab. Zwei-, dreimal stochert er mit der Sonde im Schnee, spürt plötzlich einen Widerstand, seine Gesichtszüge entspannen sich: "Ich habe ihn. Er lebt."
Die Bergung von Lawinenopfern ist ein Wettlauf gegen die Uhr, und an diesem Märzsonntag im Allgäu üben sie, um ihn zu gewinnen: zwei gipfelstürmende Brüder mit perfekter Ausrüstung aus Tuttlingen sowie ein sportliches Pärchen aus Ditzingen. Und Till Kramann, Skiführer von der Calwer Alpinsportschule Bergfühlung.
Es ist der perfekte Skitag in Steibis im Allgäu, glitzernde Hänge, die Sonne schiebt sich durch den Nebel über dem Imberg. Doch Kramann sagt Sätze ins Idyll hinein, die keiner gerne hört: "Nach 15 Minuten ist es meist vorbei, Tod durch Ersticken." Der Schnee sitzt im Mund fest, in den Atemwegen. Nach der ersten Viertelstunde senke sich die Kurve der Überlebenswahrscheinlichkeit drastisch, erklärt Kramann und lässt seine Hand fallen - der tödliche Knick. "Nur mit einer Atemhöhle vor dem Mund steigt die Chance länger durchzuhalten" - ein paar Stunden, selten die Nacht über.
Leben retten mit dem Piepser im Anschlag
Gleich neben dem Trubel der Talstation, wo Gondel um Gondel den Berg erklimmt, liegt das Trainingsfeld der Truppe. So mancher Golfball mag unter dem halben Meter Schnee begraben sein, denn sommers werden auf dem Gelände Eisen geschwungen. "Wir bergen Verschüttete", hat Kramann seine Schüler instruiert und am Abend zuvor sechs Lawinenpiepser versteckt. Sie simulieren den Ernstfall. Snowboarder oder Tourenskifahrer, die sich abseits der Pisten bewegen, können dank des Kästchens, das ein paar Hundert Euro kostet, geortet werden.
Das Training ist eine Art Ostereiersuchen mit Hightechgeräten. "Checkt die Batterien, schaltet auf Suchbetrieb", rät Kramann und zeichnet mäandrierende Linien auf eine DIN-A4-Tafel. "Immer hin und her auf dem Lawinenfeld, mit 20 Meter Abstand." In Zweierpaaren durchpflügen sie das Gelände, den Piepser im Anschlag, das Trainingszertifikat in Aussicht. "Ohne den Kurs nimmt uns der Bergführer vom Deutschen Alpenverein nicht mit", erzählt Alexander Göpfert beim Slalom durch die weißen Massen. Der 27-Jährige möchte mit seiner Freundin auf Schneeschuhen die Hänge hinauf und heil wieder herunterkommen. "Wir wollen das Risiko minimieren", sagt Göpfert, der seit Jahren mit Helm Ski fährt. Auf den Kick abseits der Pisten kann er verzichten. "Wenn da etwas passiert, ist jeder selber schuld."