""Alle Berater kommen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Herrn Vetter.""
Aus einem Schreiben an die Träger der LBBW
Stuttgart - Die Homepage ist ein Geheimtipp unter den Mitarbeitern der LBBW Immobilien-Gruppe. Mehrere Hundert Fotos einer großen Hochzeitsfeier sind auf
www.themorgans.de » zu sehen. Die meisten dürften nur die Gäste interessieren, aber ein Motiv wird auch in Stuttgart gerne angeklickt. Es zeigt den Bräutigam Michael J. Morgan Arm in Arm mit zwei lächelnden älteren Herren - zur Rechten, grauhaarig und knorrig, sein Vater John F. W. Morgan, zur Linken, mit weißem Schopf und Brille, dessen Freund und Branchenkollege Gerd Hille. Die drei, das sieht man, verstehen sich bestens. Hille und Morgan senior - daher das Interesse - sind Schlüsselfiguren bei der Sanierung der ins Trudeln geratenen Immobilientochter der Landesbank.
Der 62-jährige Hille kam als externer Fachmann und führt seit gut einem Jahr die Geschäfte, Morgan (Anfang siebzig) war ein halbes Jahr lang einer der einflussreichsten Berater und die graue Eminenz im Hintergrund. Gemeinsam haben beide den Kurswechsel im Problembereich Projektentwicklung vollzogen: Erst wurde das auf drei Milliarden Euro aufgeblähte Immobilienportfolio überprüft und neu bewertet, was der LBBW für 2009 Abschreibungen von rund 300 Millionen Euro bescherte. Manche Engagements, so in Luxemburg oder Rumänien, sind oder werden inzwischen beendet, andere Objekte stehen noch zum Verkauf.
Künftig soll "die Immo" (Bankjargon) kleinere Brötchen backen und sich vorrangig auf den Heimatmarkt konzentrieren. "Wir wollen der Platzhirsch sein in Stadt, Region und Land", sagt Hille im Gespräch mit der StZ, womit Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gemeint sind. Die Schrumpfkur ist ein einschneidender und schmerzhafter Prozess, der schon etliche Manager der ersten und zweiten Ebene den Job gekostet hat. Da stehen die Führungsfiguren natürlich unter verschärfter Beobachtung - aus der Belegschaft, der Bank und der Branche insgesamt.
Der Verdacht der "Vetter-Wirtschaft" ist verständlich
Nicht nur Hille und Morgan, die Herren vom Hochzeitsfoto, kennen sich schon ewig. Beide sind auch alte Bekannte des LBBW-Chefs Hans-Jörg Vetter (58), der einen Großteil seines Berufslebens in der Immobilienbranche verbracht hat (siehe Infoelement). Dort kreuzten sich seine Wege auch mit denen von Harry Gutte, der im Zuge von Vetters Wechsel nach Stuttgart zur LBBW Immobilien stieß und dort heute neben Hille als der einflussreichste Mann gilt. Mit Anfang sechzig wird er ebenfalls zur "Old-Boy-Connection" des Bankchefs gezählt. Nur halb im Scherz ist im Blick auf dieses Netzwerk, das sich nach unten noch weiter zu verzweigen scheint, zuweilen von "Vetter-Wirtschaft" die Rede.
In Briefen - meist anonym - an die LBBW-Träger oder die Medien wird moniert, dass sich die neuen Machthaber bei der Immo-Tochter "ausschließlich aus dem engen Freundes- und Bekanntenkreis von Herrn Vetter" rekrutieren. Und es wird gefragt, ob der eine oder andere nicht über Gebühr von den Aufräumarbeiten bei der Immo-Tochter profitiere. Da gebe es äußerst stattliche Beraterhonorare, da verdienten die gleichen Akteure erst an der Abwertung eines Großprojektes und dann an der Minderung der von ihnen selbst bezifferten Verluste.
Völlig unverständlich erscheint solches Misstrauen nicht. John Morgan etwa thematisierte selbst seinen Ruf als "Spitzel von Herrn Vetter", als er sich Ende 2009 per Rundmail von den Mitarbeitern verabschiedete. Das Oberhaupt einer deutsch-englischen Immobilienexpertendynastie war eigentlich im Ruhestand, als der LBBW-Chef ihn im Juni reaktivierte: er solle "drei Projekte in München untersuchen". Daraus wurden sechs Monate, in denen Morgan "rund um die Uhr arbeitete" (Hille). Angesichts von Stress und Hektik, gestand der Senior, habe er sich zuweilen in sein Ferienhaus nach Südafrika gesehnt.
Doch sein Einsatz wurde nicht gerade kleinlich entlohnt: mit einem Tagessatz von 2500 Euro, zuzüglich großzügigem Ausgabenersatz. Im Spitzenmonat soll sich beides auf mehr als 100.000 Euro summiert haben. Die gleiche Gage bekam Harry Gutte, der inzwischen als Geschäftsführer der LBBW Immobilien Capital fest bestallt ist. Was Wunder, dass die Beratungskosten laut Geschäftsbericht kräftig in die Höhe schnellten. Der Posten, in dem sie enthalten sind, stieg von 4,3 auf sieben Millionen Euro.
Hille: man setzte auf "Fachkompetenz, die man kennt"
Zahlte die "Immo" zu viel? Mitnichten, findet Gerd Hille. Die Vergütung der Berater sei "mehr als vertretbar". Man müsse sehen, "welche Kompetenz dafür eingekauft wurde" - und welche enormen Risiken es in den Griff zu bekommen galt. Schließlich habe sich die Development-Sparte der LBBW Immobilien in einem "beklagenswerten Zustand" befunden. Nicht aller Sachverstand für die Restrukturierung, ließ er mitteilen, sei "in ausreichendem Maß vorhanden gewesen". Daher habe man "punktuell qualifizierte Leistungsträger" verpflichtet und sich "externes Knowhow" gesichert. Dass dabei alte Bekannte wieder zueinanderfanden, war für Hille fast unvermeidlich. In einer derart schwierigen Situation setze man auf "Sachkompetenz, die man kennt". Der Kreis der Immobilienprofis in Deutschland sei nun einmal "überschaubar"; nicht umsonst gilt die Szene als große Familie. Doch die Auswahl- und Entscheidungskriterien, betonte das Unternehmen, "sind stets eingehalten worden".
Das gelte auch für den Fall Morgan, sagt Hille - nicht Morgan senior, sondern Morgan junior. Einer der Söhne, Peter Rolf, arbeitet neuerdings in dem direkt der Geschäftsführung zugeordneten Stabsbereich Konzernentwicklung. Selbst LBBW-Chef Vetter, offenbar besorgt wegen eines schiefen Scheins, soll über die Einstellung zunächst irritiert gewesen sein.