Leben nach dem Mordanschlag Es ist nicht vorbei

Robin Szuttor, 14.03.2013 19:10 Uhr

Baden-Baden - Der 9. Mai 2014 fällt auf einen Freitag. Das Datum schwirrt ihr dauernd im Kopf herum. Sie weiß: die Zeit wird schnell vergehen. Dann ist der Mann frei, der sie töten wollte. Manchmal spürt sie die kalte Angst hochkriechen wie früher. Er beherrscht sie schon wieder.

„Ich werde ihn einfach nicht los“, sagt Aylin Korkmaz. Früher träumte sie davon, nicht mehr neben jemandem einschlafen zu müssen, den sie nicht gern hat. Jetzt könnte sie es, doch jetzt liegt sie nächtelang wach und grübelt, ob sein Rachedurst gestillt ist. Eine Zeit lang hat sie versucht, in einer Drogerie zu arbeiten. Es ging nicht. Wenn Kunden sie von hinten ansprachen oder gar berührten, bekam sie Panik und zitterte danach am ganzen Leib. „Anfangs dachte ich, mein Schwerbehindertenausweis ist nur ein Stück Papier, mehr nicht. Aber ich bin wirklich behindert.“

26-mal hat ihr Ex-Mann auf sie eingestochen, vor allem ins Gesicht. Mordversuch aus verletzter Mannesehre. Nach einem Platzverweis wegen häuslicher Gewalt hatte er ihr Vergeltung geschworen – und seine Drohung schließlich wahr gemacht. Mit 230 Stichen haben Chirurgen sie wieder zusammengeflickt. Ihr fehlt das rechte Ohr, das größte Mal zieht sich vom Mundwinkel bis zum Hals und mündet in einer tiefen Nackenkerbe. Als sie nach der Attacke zum ersten Mal in einen Spiegel sah, erkannte sie hinter der Narbenlandschaft keine Aylin mehr. Sie hat Dutzende plastischer Operationen hinter sich, in zwei Wochen folgt die nächste. Nach jedem Eingriff gleicht sie sich etwas mehr. Es gab Momente, da dachte sie: „Wie immer ich auch aussehen mag: Jetzt ist es vorbei, ich lebe, und ich bin frei.“

Es ist nicht vorbei. Er wurde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Doch seit Kurzem weiß sie: am 9. Mai 2014 wird er entlassen und in die Türkei abgeschoben. „Schon nach sechs Jahren. Das ist nicht gerecht. Da komm ich mir so wertlos vor“, sagt Aylin Korkmaz. Für den deutschen Staat ist diese Lösung billiger. Wenn der Täter in seiner Heimat landet, ist seine Strafe erloschen, deutschen Boden darf er dann nicht mehr betreten – „aber er findet einen Weg, wenn er will“, sagt sie. Aylin Korkmaz denkt darüber nach, den Petitionsausschuss des Landtags anzurufen. Zwei, drei Jahre länger, ihr würde das viel bedeuten. „Die Kinder wären aus dem Haus, er wäre dann auch älter und vielleicht nicht mehr so heißblütig. Oder er könnte sterben bis dahin.“

Sie weiß: den Kinder würde er nie etwas antun

Die Ungewissheit zermürbt. „Ich weiß nicht, wie er heute denkt, ob er bereut“, sagt Aylin Korkmaz. Und fünf Minuten später: „Ich weiß, wie er denkt: Sein Werk ist noch nicht vollendet.“ Den Kindern, sagt sie, würde er nie etwas antun. Der Ältesten hat er eine Postkarte zum 18. Geburtstag geschickt. Was drin steht, weiß Aylin Korkmaz nicht. Das Wort Vater fällt nie in der kleinen Baden-Badener Dreizimmerwohnung. Die Kinder haben ihn zum Tabuthema gemacht. „Die Älteste nimmt als Erste Kontakt mit ihm auf“, prophezeit Aylin Korkmaz. „Ich kann es ihr nicht verbieten.“

Die Tochter macht jetzt eine Lehre, hat einen Freund, den Führerschein, darf abends weggehen – „ich vertraue ihr“, sagt die Mutter. Die Jüngste ist mitten in der Pubertät. Den 18-jährigen Sohn – „Räum bitte dein Geschirr weg!“ – habe sie leider zum Pascha erzogen, sagt Aylin Korkmaz. Manchmal wüsste sie gern, was in seinem Kopf vorgeht. Aber schon bei der Therapie, damals nach der Tat, war kein Wort aus ihm rauszukriegen. Er hängt sehr an der Mutter, zeigt sich dem Besucher gleich im Treppenhaus, als wolle er zeigen: Hier gibt es einen Beschützer. Neulich hat er ihr geraten, sich mal nach einem Mann umzusehen – „ich kann ja nicht ewig bei dir bleiben“.

„Wer wollte mich schon“, sagt Aylin Korkmaz. Sie sei eh nicht beziehungsfähig. „Immer musste ich funktionieren. Und jetzt bin ich ganz egoistisch geworden. Manchmal würde ich am liebsten nichts mehr für andere tun, keine Verantwortung tragen, nicht mal mehr für die Blumen in meiner Wohnung.“ Wenn Bekannte Liebeskummer haben, kann sie das gar nicht ernst nehmen. Was für ein Luxusproblem. Sie ist meist mit anderen Opfern zusammen. Die versteht sie am besten. Die verstehen sie am besten. Ihr neuer Lebenskreis – auch so etwas, wo er sie hineinmanövriert hat.

 
 
Kommentare (2)
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MRZ
14
D.O., 20:37 Uhr

Sechs Jahre Haft...

...sind eine Unverschämtheit gegenüber dem Opfer. Ich verstehe auch nicht, warum bei dieser Tat überhaupt die drohende lebenslange Strafe abgemildert wurde zu 13 Jahren Haft. Ich bin sehr erschüttert.

MRZ
14
Dres.H.+R.Kahlfuß, 20:07 Uhr

EUROPA/€

Lieber Schorschi, ich glaube, Du hast den Inhalt der Ziele 'Alternative für Deutschland' nicht korrekt verstanden ? Richtig,die Idee 'EURO' ist gut ,ja sehr gut !Auch die 'Alternative f. Deutschland' möchte den 'EURO' nicht abschaffen,wohl aber in der jetzigen Konzeption.Und wenn das nicht möglich ist,soll die 'DM' wieder her. Aber! Nicht nur der Umgang mit dem 'Euro' ist schlecht,sondern die gesetzlichen Grundlagen dafür sind grottenschlecht ,nicht professionell konzipiert. 2005 hat die Rot-Grüne Regierung mit Wohlwollen des gesamten Bundestages(CDU,CSU,FDP) Griechenland in das Euroland aufgenommen,obwohl alle darüber informiert waren,daß Griechenland seine Vorausetzungen bzw. Bilanzen in krimineller Potenz/Absicht gefälscht hat. ! Diese Mitwisser sind Mittäter ! Die nation. als auch europäischen Politiker verletzen/ignorieren die von ihnen formulierten und gültigen europ. Verträge je nach Wetterlage. Sowohl die 'EU' als auch der 'EURO' als primär gute Ideen sind leider nur aus politisch-ideologischer Gesinnung gegründet.Die sozialen,finanziellen und ökonomischen Unterschiede der europäischen Länder sind Quantensprünge voneinander entfernt.Sie wurden nicht beachtet;und weil das so ist,kann insbesondere der 'EURO' niemals so funktionieren wie das so sein sollte. Es wird bei einer Transferunion besonders von Nord nach Süd und teilweise von West nach Ost bleiben, wenn nicht grunsätzlich die Verträge geändert werden.Sowohl wir als auch nachfolgende Generationen werden aufgrund der vereinbarten Haftungsbedingungen zahlen. Vertuschung,Nivellierung,Täuschung,Bagatellisierung,Verheimlichung, Korruption,Arroganz,Erniedrigung und Beleidigung des anders Denkenden sind die Klaviertasten ,auf welchen sehr viele-Gott sei`s gedankt nicht alle- Politiker in Bundestag und ausserhalb spielen. Keiner der Politiker in Regierung und Opposition klären die Bürger über die Nebenwirkungen und Risiken eines eventuelles Scheitern auf.Nur die Vorzüge als Berechtigung Ihrer Politik werden in populistischer Absicht den Bürgern geschildert. Nicht umsonst mahnte Bundespräsident J.Gauck bessere Aufklärung über den 'EURO' an ! Die ethischen Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft - Geben und Nehmen(sozial.Ausgleich), Gerechtigkeit ,Verantwortung(schließt Haftung ein), Freiheit,fairen Wettbewerb- sind für den Wohlstand der Bürger konzipiert.Sie werden permanent verletzt. Überhaupt nicht ausgeschlossen von dieser Beurteilung sind die in den Aufsichtsräten Dax-geführter Großunternehmen beteiligten Gewerkschaften,also die Arbeitnehmervertreter,die u.a. 18,3 Millionen Jarhressalär 2011 für den VW-Manager, Herrn Winterkorn , genehmigten.Eine Demütigung ,Erniedrigung und geringe Wertschätzung der Arbeit der Arbeitnehmer durch ihre Arbeitnehmervertreter Erinnern sich diese nicht mehr an die Affäre ihres IG-Metallvorsitzenden Zwickel?Die Arbeitnehmer sollte gegen diese, ihre Verteter protestieren/streiken. !!!! 'Handle nur nach derjenigen Maxime,durch die Du zugleich wollen kannst,daß sie allgemeines Gesetz werde.' !!!! (Immanuel Kant,kateg.Imperativ) Das war es und ich könnte noch mehr sagen. Herzlichste Grüße ! Rainer