Lebensmittel-Skandal Mäusekot bei Müller Brot zeigt die Schwäche des Lebensmittelrechts
Thomas Magenheim, 09.02.2012 08:15 Uhr
Kontrolleure haben bei einer Untersuchung bei Müller Brot Mäusekot, Kakerlaken und Mehlwürmer gefunden. Foto: dpa
Kontrolleure haben bei einer Untersuchung bei Müller Brot Mäusekot, Kakerlaken und Mehlwürmer gefunden. Foto: dpa

Stuttgart - Wenn der Fall etwas Gutes hat, dann dass er Bewegung in die Pattsituation bringen kann“, sagt Andreas Winkler. Er ist Verbraucherschützer bei der auf Lebensmittel spezialisierten Organisation Foodwatch. Mit Pattsituation meint er die Hängepartie im Ringen um Veröffentlichungspflichten bei Hygienekontrollen. Am Müller-Firmensitz in Neufahrn bei München stehen seit einer guten Woche die Bänder still. Die Behörden haben bei Kontrollen in der Produktion des nach eigenen Angaben europaweit führenden Großbäckers unter anderem Mäusekot, Kakerlaken und Mehlwürmer gefunden. Der Skandal ist aber ein doppelter.

Das findet nicht nur Foodwatch, sondern auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), denn Missstände beim Großbäcker sind den Behörden seit Juli 2009 bekannt, räumten der zuständige Landrat Michael Schwaiger und der Chef des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittel (LGL), Andreas Zapf, ein. Sieben Mal waren demnach Kontrolleure innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre in Neufahrn auf Ekelerregendes gestoßen. Informiert wurde die Öffentlichkeit erst vor wenigen Tagen, als der Skandal nicht mehr unter dem Teppich zu halten war.

Gesundheit nicht gefährdet?

Landrat und LGL verschanzen sich dahinter, dass die Gesundheit von Kunden nicht gefährdet gewesen sei. Foodwatch zweifelt. Mäusekot könne durchaus ein Überträger von Krankheiten sein. Ekel erregend seien die Zustände auf alle Fälle, stellt Winkler klar und zitiert aus Paragraf 40 des Lebens- und Futtermittelgesetzbuchs. Danach „sollen“ Behörden in solchen Fällen informieren. Sie müssen es nicht. Das wollen Foodwatch, NGG und andere Kritiker ändern. Sie fordern ein Hinweissystem, das Verbrauchern im Internet und an der Tür zu Gaststätten oder Lebensmittelhändlern Auskunft über die hygienischen Zustände vor Ort gibt.

„Seit Jahren blockiert Bayern die Einführung eines Smiley-Systems in Deutschland“, kritisiert Foodwatch-Vize Matthias Wolfschmidt. Würden hierzulande die Ergebnisse amtlicher Hygienekontrollen nach dem Vorbild Dänemarks veröffentlicht, wären die Zustände bei Müller-Brot entweder längst ordentlich, oder die Verbraucher hätten einen Bogen um den Bäcker gemacht. Stattdessen mute Bayerns Regierung ihren Bürgern Ekelproduktion zu.

Es sei bezeichnend, dass ausgerechnet der Freistaat von einem Hygieneskandal heimgesucht werde, legt Winkler nach. Ob Großbäckereien für verunreinigte Produktion besonders anfällig sind und Müller-Brot möglicherweise nur die Spitze eines Eisbergs ist, kann er mangels öffentlich zugänglicher Informationen nicht abschätzen. Denkbar sei schon, dass es andernorts ähnlich zugehe und Behörden wie in Bayern seit Jahren schwiegen.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Seit Mai 2011 ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft Landshut gegen fünf Müller-Manager wegen Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittelgesetz. Aber auch das erfuhren Verbraucher erst jetzt. Müller-Brot gilt als Pionier des industriellen Backens. 1953 haben die Bayern die bundesweit erste Anlage zur Semmelfertigung installiert. Die Gründerfamilie ist 2003 ausgeschieden. Übernommen hat der Ex-Kamps-Manager Klaus Ostendorf. Seine Gruppe ist nach Angaben des Verbands deutscher Großbäcker (VDG) die Nummer sieben der heimischen Branche und hat bis vor Kurzem auch bayerische Lidl-Märkte beliefert. Die Kette hat Müller-Brot aber nach dem jetzigen Skandal ausgemustert.

Bäcker seien keine Schmuddelbranche, sagt NGG-Experte Mustafa Öz. Müller habe schon seit Jahren wirtschaftliche Probleme und bisher kein Sanierungskonzept präsentieren können. Jetzt klagen Filialpächter, für deren Läden Müller derzeit das Brot von Konkurrenten liefern lässt, über drei Viertel Umsatzschwund. „Es ist eine ernste Situation, das kann der Sargnagel sein“, fürchtet Öz. Das Unternehmen selbst schweigt auf Anfragen zur aktuellen Lage.

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