Lebensmittelbranche Vom Experiment zum Boom
Stefan Brändle, vom 09.09.2010 06:44 Uhr
Paris - Der "Long beef" schmeckt, wie Hacksteaks in einem Schnellimbiss eben schmecken. Dem Hamburger einen religiösen Beigeschmack zu unterstellen wäre pure Einbildung. Dabei ist das Fleisch, das man im Fast-Food-Lokal Quick im Pariser Vorort Montreuil isst, halal, das heißt islamisch korrekt: es kommt von einem Rind, das nach Mekka gedreht und mit einem Messerschnitt durch den Hals geschlachtet wurde, während ein Prediger eine Koransure zitierte.
Quick, die zweitgrößte Hamburgerkette in Frankreich nach McDonald's, bietet seit Anfang September in vierzehn Lokalen nur noch korangerecht geschächtetes Fleisch an. Ein Novum selbst für Frankreich, wo ein Zehntel der 65 Millionen Einwohner Moslems sein dürften. In Immigrantenvororten bieten wenige Restaurants zwar seit längerem schon Halal-Fleisch als Menüalternative an, aber Quick geht nun einen Schritt weiter. Denn einem Versuch mit islamisch reinem Fleisch in einem halben Dutzend Lokalen war ein unerwartet großer Erfolg beschieden: Der Umsatz verdoppelte sich in wenigen Monaten. Stammkunden bleiben offenbar kaum aus, neue Besucher wurden gewonnen.
Die Kundschaft vor dem Quick von Montreuil ist gemischt - wie der ganze Arbeiter- und Einwanderervorort. An der Eingangstür des Lokals heißt es in nicht übertrieben großen Lettern: "Das Fleisch in diesem Restaurant ist garantiert halal." Die Besucher achten aber an diesem regnerischen Herbsttag nicht drauf. Eine sehr pariserisch wirkende Frau mit zwei Kindern meint schulterzuckend: "Wir essen hier sowieso nicht, wir trinken nur etwas." Die Verkäuferinnen weichen der Frage ebenfalls aus. Sie wissen, dass der Begriff "halal" in Frankreich schon einige Polemiken ausgelöst hat. Schon als Quick die ersten Halal-Experimente in Frankreich machte, gab es Proteste. Ein Bürgermeister in Nordfrankreich reichte Klage wegen "Diskriminierung" nicht islamischer Bürger ein. In Montreuil kontert der lokale Quick-Geschäftsführer Eric Azan, es werde niemand gezwungen, das Lokal zu betreten. Andere Religionen - er denkt dabei an seine eigene, die jüdische - befolgten auch gewisse, zum Beispiel koschere Essensregeln. Auch der Chef des Quick-Konzerns, Jacques-Edouard Charret, hält halal für banal. "Wir wollen niemanden bekehren, wir wollen nur Marktanteile gewinnen. Das schafft zudem Arbeitsplätze." Im Quick von Montreuil wurden im Zuge der Halal-Spezialisierung zwanzig zusätzliche Stellen geschaffen.
Über fünf Milliarden Jahresumsatz
Das Lokal ist nur ein Beispiel unter vielen. Das Halal-Business erlebt in Frankreich seit 2005 Zuwachsraten von über zehn Prozent im Jahr. Der gesamte Jahresumsatz der Branche dürfte bald fünf Milliarden Euro übersteigen. Längst sind auch die großen französischen Supermarktketten ins Geschäft gestiegen; Casino etwa hat eine Halal-Fleischwaren-Marke namens Wassila gegründet. Der italienische Nudelkonzern Panzani hat das algerische Halal-Unternehmen Zakia geschluckt. Halal-Lasagne, Halal-Wurst oder Halal-Suppenwürfel finden sich heute weit über die Einwandererstädte hinaus. Auch Babynahrung, ja sogar Kosmetikprodukte gibt es heute halal.
Selbst Nahrungsmultis wie Nestlé kommen auf den islamischen Geschmack. Sie gehen davon aus, dass die Kunden mit zunehmender Verbreitung dieser Produkte kaum mehr nach der umstrittenen Herstellungsmethode fragen, die in Frankreich vor allem der Tierschützerin Brigitte Bardot ein Dorn im Auge ist. Diese Erwartung von Nestlé hat letztlich auch Quick dazu bewogen, "normale" Hamburger zum Teil ganz von den Menütafeln über den Kassen zu streichen. Ein Doppelangebot wäre zu teuer: Es würde das Lokal zwingen, zwei Fleischsorten in zwei Kühlräumen zu lagern und auf verschiedenen Grillplatten zu braten. Halal-Fleisch darf nicht mit anderem Blut in Kontakt kommen.
An der Eingangstür des Quick in Montreuil wird zwar angegeben, die Herkunft des Fleisches sei "durch ein Zertifikat der zuständigen Instanzen gewährleistet". Gemeint ist die Verifizierungsstelle der großen Moschee in Paris und Evry. Die Mehrheit des angeblichen Halal-Fleisches ist aber laut der französischen Nahrungsmittelkontrolle nicht korangerecht zubereitet. Während des Schächtens wird offenbar häufig auf die Gebete verzichtet - oder nur eine CD abgespielt. Zudem werden die Tiere vor dem Messerschnitt oft betäubt. Das widerspricht der Scharia. Dafür spart es Kosten. Geschäft ist eben Geschäft.