Lebensversicherung „Ein Schlag ins Gesicht der Verbraucher“

Thomas Magenheim, 05.12.2012 14:15 Uhr

Die Rendite von Lebensversicherungspolicen schmilzt dahin wie Eis in der Sonne. Dafür ist nicht nur die Finanzkrise mit Dauerniedrigzinsen, sondern auch der Gesetzgeber verantwortlich. „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Verbraucher“, wettert Axel Kleinlein, Vorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV). Was ihn auf die Palme bringt, ist eine jüngste Änderung des Versicherungsaufsichtsgesetzes, deren Folgen offenbar jetzt erst Politikern bewusst werden. Beim BdV und anderen Verbraucherschützern laufen indes die Telefone heiß. Wer sich 2013 eine klassische Kapitallebensversicherung auszahlen lässt, bekommt nämlich deutlich weniger, als ihm vorgerechnet wurde.

Zehn Prozent sei die Größenordnung, mit der man als Abschlag rechnen muss, ­sagen Kleinlein und andere Experten. Der Bundesverband der Ruhestandsplaner rechnet mit herben Einschnitten für Lebensversicherte in den nächsten fünf Jahren. Die Versicherer dagegen mauern.

Man könne den Effekt nicht genau berechnen, weil das Gesetz, das Anfang November den Bundestag passiert hat, erst noch Mitte Dezember vom Bundesrat bestätigt werden müsse, sagt ein Sprecher eines hierzulande führenden Lebensversicherers. Für eine Kündigung sei es ohnehin zu spät, weil das Gesetz am 21. Dezember in Kraft treten solle.

Wurden die Kunden zu spät informiert?

Verbraucherschützer Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg findet diese Aussagen dreist. Versicherer hätten die Information ihrer Kunden hinausgezögert, bis es für Kündigungen zu spät gewesen sei und sie ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt waren. Das Gesetz sei überhaupt erst auf Druck der Versicherungslobby entstanden. Und in Windeseile durchs Parlament gepeitscht worden, ergänzt Kleinlein, der die Politik ebenfalls mit am Pranger sieht.

Natürlich wäre es möglich gewesen, Versicherten rechtzeitig vorzurechnen, ob es sich gelohnt hätte, eine 2013 auslaufende Lebenspolice noch zum Dezember 2012 zu kündigen, betont er. In manchen Fällen hätte man dadurch den Wertverlust kleiner halten können. Das räumt übrigens auch der Bundesverband der Deutschen Versicherer (GDV) ein.

Die Koalition will die umstrittene Neuregelung überprüfen

Mittlerweile ist das politische Berlin aufgewacht. Die Gesetzesnovelle stehe wieder auf dem Prüfstand, heißt es aus Kreisen der schwarz-gelben Koalition. Bevor sie am 21. Dezember in Kraft tritt, könne sie noch per Rechtsverordnung oder anderweitig korrigiert werden. Ein Armutszeugnis sei das späte Nachdenken, sagt Kleinlein und hofft jetzt auf Taten.

Worum geht es genau? Seit 2008 sind Lebensversicherer verpflichtet, ihren Kunden stille Reserven auch bei festverzinslichen Wertpapieren zeitnah gutzuschreiben. Im Augenblick stehen Festverzinsliche hoch im Kurs, weil sie als sichere Anlage in turbulenten Zeiten gelten. Sie verkaufen, um den Kursgewinn zu realisieren, würde aber niemand. Denn es gibt keine alternativen Anlagen zu Zinssätzen, wie es sie früher einmal gab.

Dennoch mussten Lebensversicherer diese Buchgewinne bisher zur Hälfte ausscheidenden Kunden gutschreiben. Vom kommenden Jahr an entfällt das, was richtig sei, argumentiert der GDV. Es sei ungerecht, wenn jetzt wenige von Buchgewinnen profitieren, die später dem Versicherungskollektiv fehlen.

Kleinlein kontert. Die Argumentation ziehe nur, wenn alle Lebenspolicen bis zum vereinbarten Termin gehalten würden. Das sei aber zum Beispiel nur bei jedem vierten Vertrag mit 35 Jahren Laufzeit der Fall. Drei von vier Versicherten hätten nichts von einer späteren Auszahlung. Die Branche wolle nur Gewinne zurückhalten, um für Neugeschäfte höhere Versprechungen machen zu können, vermutet Nauhauser.

Sind die fetten Jahre vorbei? Selbst Branchengrößen haben zu kämpfen, wie das Beispiel Ergo-Gruppe zeigt. Die will ihre Gesamtverzinsung für 2013 neu abgeschlossene Lebenspolicen drastisch von 4,15 auf 3,55 Prozent senken. Selbst langjährige Branchenkenner können sich nicht an einen solchen Schnitt erinnern. Ergo begründet ihn mit dem Zinstief. Nachhaltige Sicherheit zähle mehr als kurzfristige Renditeversprechen. Alles andere wäre fatal, warnt Ergo-Vorstand Daniel von Borries.