Leichtathleten aus Stuttgart Vorstoß in eine neue Dimension

Von Ewald Walker 

Die Kugelstoßer Lena Urbaniak (LG Filstal) und Tobias Dahm (VfL Sindelfingen), die am Olympiastützpunkt in Stuttgart bei Peter Salzer trainieren, steigern mit der Kugel ihre Bestleistungen und holen die nationalen Titel.

Stuttgarter Titelgewinnerin: Lena Urbaniak Foto: dpa
Stuttgarter Titelgewinnerin: Lena UrbaniakFoto: dpa

Stuttgart - Ihr tägliches Brot ist Eisen: Hantelstangen, Gewichtescheiben oder runde Eisenkugeln. Die Kugelstoßer sind eine spezielle Spezies unter den Leichtathleten. Oft erkennt man sie schon am Äußeren: Stattliche Staturen und viel Körpermasse sind ihr Kennzeichen. Und die Leistungen, die sie in den Bestenlisten hinterlassen haben. Wie in kaum einer anderen Disziplin sind die Kugelstoßstatistiken oft versteckte Dopingdokumente, weil diese Leistungen der Realität weit entrückt sind.

„Unsere Disziplin hat ein anderes Gesicht bekommen, sie geht zum sauberen Sport“, sagt Lena Urbaniak (LG Filstal). Sie wurde am Wochenende in Leipzig mit ­neuer Bestleistung von 18,32 Meter in Abwesenheit der Weltmeisterin Christina Schwanitz zum zweiten Mal Deutsche Hallenmeisterin. Vor Jahren wäre man mit dieser Weite in kein Finale bei internationalen Meisterschaften gekommen, jetzt qualifizierte sich Urbaniak für die Hallen-Weltmeisterschaften in Portland/USA (17. bis 20. März) und findet sich mit ihrer Steigerung um 26 Zentimeter weltweit plötzlich auf Rang neun wieder.

„Ich bin total glücklich und freue mich, dass sich die Weiten wieder realistischer entwickelt haben“, sagt Lena Urbaniak, die aus Böhmenkirch auf der Schwäbischen Alb kommt. „Die Dinge haben sich doch deutlich geändert. Wir haben im Ring nicht mehr diese Monster oder Grizzlybären wie früher, die sich dreimal wöchentlich rasieren mussten.“ Die 23-Jährige hat im Stuttgarter Olympiastützpunkt, wo sie zur Gruppe des Landestrainers Peter Salzer zählt, schon mal ein Fotoshooting zwischen Kraftmaschinen und Kugeln gemacht.

Neuer Kurs bei den Normen

Die Universiade-Siegerin des Vorjahres hat das Krafttraining intensiviert und zusammen mit Peter Salzer an der Drehstoßtechnik gefeilt. Die mit 1,72 Meter eher kleinere Athletin kann damit die Kugel noch stärker beschleunigen, bis sie mit 45 Stundenkilometern ihre Hand verlässt.

Das Traumziel Olympische Spiele im Sommer in Rio der Janeiro ist für Lena Urbaniak greifbar, nachdem der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) seine Normen für die Spiele in 17 Disziplinen gesenkt hat. Fürs Kugelstoßen sind „lediglich“ 17,75 Meter gefordert, ursprünglich waren es 18,50 Meter. „Für uns zeigt sich immer mehr, dass das statistische Material, auf das wir zur Entwicklung der Normen zurückgegriffen haben, in hohem Maße belastet, also nicht manipulationsfrei war und ist“, begründet der DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen diesen neuen Kurs. Anders ausgedrückt: der Kampf gegen Doping beginnt bei der Senkung der Normen.

Exakt 20,00 Meter genügten Lena Urbaniaks Stuttgarter Trainingskollegen Tobias Dahm (VfL Sindelfingen), um in Abwesenheit von David Storl den Männertitel zu holen. Schon zwei Wochen zuvor war bei dem 28-Jährigen der Knoten geplatzt. Mit 20,56 Meter stieß er in Sassnitz weltweit auf Platz 14 vor und verbesserte dabei seine Bestleistung gleich um 57 Zentimeter. Eine Steigerung, bei der man hätte nachdenklich werden können. Dahm hat mit acht Wettkämpfen über 19,80 Meter zwei Jahre gebraucht für den Sprung über die 20-Meter-Marke. Mit 20,30 Meter bestätigte er eine Woche vor den Hallenmeisterschaften in Rumänien gleich sein neues Leistungsvermögen.

Peter Salzer steht als Trainer hinter den Erfolgen

Dahm verkörpert eine bestimmte Sorte Leistungssportler hierzulande. Zur Vorbereitung auf die Titelkämpfe in Leipzig hat er zwei Wochen Urlaub bei Daimler in Sindelfingen genommen, wo er als Mechatroniker am Einbau elektronischer Teile in Autos arbeitet. Üblicherweise beginnt sein Tag um 4.50 Uhr, von sechs Uhr an steht er im Betrieb bis 15.30 Uhr. Dann fährt er nach Stuttgart, um eine dreieinhalbstündige Trainingseinheit zu absolvieren. „Was andere in zehn Einheiten trainieren, muss ich in die Hälfte packen“, sagt Dahm.

Der 2,03 Meter große und 124 Kilo schwere Athlet fährt jetzt zunächst zur Hallen-WM („Das ist eine gute Möglichkeit, um mich zu präsentieren“). Sein großer Plan ist auf Rio ausgerichtet. 20,50 Meter sind die Norm – das ist für ihn machbar.

Peter Salzer, seit 35 Jahren Landestrainer in Württemberg, steht hinter den Erfolgen von Dahm und Urbaniak. In Alina Kenzel (VfL Waiblingen) gehört auch die deutsche Jugendmeisterin seiner Stuttgarter Gruppe an. „Er ist ein Vollbluttrainer, der uns immer wieder zu den Höhepunkten fit macht“, sagt Lena Urbaniak. Sowohl bis Portland als auch Rio werden die neuen Meister noch viel Eisen bewegen müssen.

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