Leichtathletik-Skandal erreicht Stuttgart Rolex-Uhren für Funktionäre

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Der Korruptionsskandal in der Leichtathletik hat Stuttgart erreicht: 2004 unterbreitete Papa Massata Diack, der Sohn des IAAF-Präsidenten Lamine Diack, der Stadt ein Angebot. Für 600 000 Euro wollte er ein Großereignis besorgen – auch mit Rolex-Uhren.

Die Schatten über der Leichtathletik werden von Woche zu Woche. Foto: Baumann
Die Schatten über der Leichtathletik werden von Woche zu Woche.Foto: Baumann

Stuttgart - Am Mittag des 21. Dezember 2004 sitzt im Stuttgarter Mövenpick-Hotel am Flughafen eine kleine Runde zusammen. Stuttgart befindet sich gerade in einem Bewerberverfahren um den „World Cup“ des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF im Jahr 2006. Im September hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband die Landeshauptstadt als Kandidaten ins Rennen geschickt, und nun, im Dezember, ist Papa Massata Diack deswegen in der Stadt. Der Sohn des IAAF-Präsidenten Lamine Diack arbeitet für die IAAF, betreibt eine Beratungsagentur (PMD Consulting) und bietet Stuttgart seine Dienste an. Gegenüber sitzen ihm Helmut ­Digel, damals IAAF-Vizepräsident, und Rolf Schneider als Vertreter der Messe Stuttgart, die in jener Zeit fürs Veranstaltungsmanagement verantwortlich war. Ihnen skizziert der Senegalese sein Konzept für eine erfolgreiche Bewerbung.

Der Mann aus Dakar ist der Beste für diesen Job. Wer Diack junior bucht, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit den Zuschlag. Er ist gut vernetzt, kennt sich bestens aus in der Szene – und sein Vater ist eben der Chef der IAAF und regiert diesen Verband wie weiland Sepp Blatter die Fifa; mit einem von Dakar aus gesteuerten System aus Zuwendungen, Entwicklungshilfe sowie Geben-und-nehmen-Geschäften. Dollar sind der Schmierstoff seines Systems.

Und die will er sich von der Stadt Stuttgart holen. Diack junior, der Geldeintreiber des Vaters, erzählt offen, wer mit Spenden gefügig gemacht werden soll, wie viel Geld für Geschenke in Form von Luxusuhren aus dem Hause Rolex ausgegeben werden muss, welche Einrichtung in Afrika sich über einige Dollar freuen würde und so weiter. Im Kern, so der naheliegende Verdacht, ging es darum, den Diack-Getreuen auf diesem Weg Geld zukommen zu lassen, um die Macht des Clans zu sichern.

Diack jr. faxt seinAngebot an die Stuttgarter Messe

Digel und Schneider sind empört über die Dreistigkeit, eine Zusammenarbeit kommt nicht in Frage; es wird später auch nicht zu einem Abschluss kommen. Sie bitten ihn aber, sein Angebot schriftlich zu fixieren – und tatsächlich: Am gleichen Abend um 22.11 Uhr faxt Diack jr. vom Hotel aus vier Seiten an die Stuttgarter Messegesellschaft. „Strictly confidental“ (streng vertraulich) steht über dem Anschreiben, das den Kopf seiner Agentur „PMD Consulting“ trägt. Die Dokumente liegen der StZ vor (in Teilen geschwärzt); zuvor hatte auch der britische Sender Sky News darüber berichtet. Im Detail beschreibt Diack darin noch mal, wen er mit wie viel Geld bedenken will. Es ist ein seltener schriftlicher Beleg für den vermuteten Korruptionsstadl bei der Sportveranstaltungsakquise.

Die Papiere gewähren einen Einblick in das Gebaren der Diack-Clique und beweisen das, was oft gemutmaßt wurde: wie mit Geld, notdürftig getarnt als Spenden oder Entwicklungshilfe, die Vergabe von Sportereignissen gesteuert wird und gleichzeitig die eigene Klientel versorgt wird. Insgesamt geht es in der Stuttgarter Geschichte um 600 000 Euro, die fällig geworden wären, wenn Stuttgart den Zuschlag bekommen hätte. Bei einer vergleichsweise unbedeutenden Leichtathletik-Veranstaltung.

Die Wunschliste des IAAF-Präsidenten

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Sein Vater habe ihm, so schreibt Massata Diack an die Messe, eine Wunschliste hinterlassen mit Einrichtungen, die sich über eine Spende freuen würden. Die „Bitte um Zuwendungen“ sieht so aus:

> 16 800 Dollar für ein Trainingszentrum auf Jamaika

> 35 000 Dollar für den Trainerverband Zentral-Amerika und Karibik (NACAC)

> 84 900 Dollar für das Hauptquartier des afrikanischen Verbandes in Dakar

> 35 000 Dollar Hilfe für die Verwaltung des südamerikanischen Verbandes

> 25 000 Dollar für Stipendien

> 78 000 Dollar für nicht näher definierte weltweite Wettkampfunterstützung

> 78 000 Dollar Reisekostenzuschuss für Tickets bei Air-France/Delta Airlines

> 40 000 Dollar für VIP-Geschenke (Luxusuhren von Ebel, Rolex, Montblanc)

> 38 250 Euro PR-Etat

Das ist aber nur der eine Teil. Diack junior müsste im Stuttgarter Auftrag viel fliegen, nach Paris, Miami, Kingston, Delhi, Peking, Tokio, Seoul, Kuba, wie er schreibt, dafür würde er 26 850 Euro in Rechnung stellen. Das Angebot sieht weiter zwölf Nächte in Doha/Katar vor, um direkt vor der Abstimmung des Councils vor Ort Lobbyarbeit betreiben zu können. Für diesen Posten hat Diack 25 000 Euro angesetzt, darin laut des Schreibens inklusive: ein Tagessatz von 500 Dollar, Geschenkpakete des „AL FARDAN Shop“ sowie ein Unterhaltungsprogramm in Zusammenarbeit mit dem „AL DANA Club“, einer luxuriösen „Oase der Gastfreundlichkeit“, wie der Club wirbt. Unterm Strich würden sich all diese Kosten auf 365 439 Euro belaufen.

Aber das müsse man investieren, denn man sei, so schreibt Massata Diack, sehr spät dran. Er schließt mit: „Ihr Konzept (. . .) ist ein neuer Meilenstein in den Plänen der Welt-Leichtathletik. Lasst ihn uns ­zusammen umsetzen.“ Gezeichnet: Papa Massata Diack, International Consultant.

Teile des Geldes sollen auf ein Schweizer Nummernkonto

Im per Fax an die Messe geschickten Vertragsentwurf „Letter of Agreement“ fasst er zusammen: 600 000 Euro verlangt er im Namen der PMD Consulting für sein All-inclusive-Angebot. 100 000 Euro sind sofort bei Abschluss auf ein Konto in Dakar zu überweisen, weitere 200 000 Euro in einer zweiten Tranche etwas später, die restlichen 300 000 Euro sollen nach einer erfolgreichen Bewerbung 48 Stunden nach dem Zuschlag für Stuttgart auf ein Schweizer Nummernkonto überwiesen werden.

Das Geschäft kommt nie zustande, und statt Stuttgart bekommt Athen den Zuschlag für den World Cup 2006. Stattdessen erhält die Landeshauptstadt aber das „World Athletics Final“, allerdings ohne die Zusammenarbeit mit Diack junior.

Diese Enthüllungen reihen sich ein in all die anderen Vorwürfe gegen den Diack-Clan, der in den fast zwei Jahrzehnten seiner Regentschaft (1999 bis 2015) ein perfides Korruptionssystem in der IAAF implementiert hat. In Frankreich laufen deshalb Ermittlungen gegen ihn und andere, es geht um den Verdacht der Geldwäsche, Korruption und Bestechlichkeit, Diack junior wird von Interpol gesucht. Der Vorgang, in dem es auch um das Vertuschen von Dopingfällen gegen Geld geht, hat die IAAF in eine Existenzkrise gestürzt.

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Helmut Digel gerät weiter unter Druck

Im Zuge dessen war auch das langjährige IAAF-Mitglied Digel in die Kritik geraten. Der 72-Jährige war wiederholt von DOSB-Präsident Alfons Hörmann angegangen worden, der Tenor: Wer so lange dabei war, könne sich doch nicht hinstellen und behaupten, dass man von nichts gewusst habe. Digel wehrte sich gegen solche „beleidigenden Äußerungen“ und forderte eine Entschuldigung von Hörmann.

Der vorliegende Fall widerspricht allerdings Digels Darstellung, nach der er von den kriminellen Umtrieben der Diack-Sippe in all den Jahren nichts mitbekommen haben will. Bei diesem Vorgang war er Zeuge der schmierigen Arbeit Diacks. Der Druck auf Digel nimmt angesichts dessen nun weiter zu. Gegenüber der StZ bestreitet Digel den Ablauf nicht. Die Darstellung des ganzen Vorgangs stimme. Weiter wolle er sich derzeit nicht im Detail äußern, nur so viel sagt er, dass „ich gegen das Handeln von P. Diack in aller Entschiedenheit schriftlich protestiert habe und den Vorfall dem Generalsekretär und dem Präsidenten gemeldet habe“, so Digel, der zurzeit gesundheitlich angeschlagen ist.

Ein Insider bestätigt, dass sich Digel nach dem Treffen tatsächlich bei Lamine Diack empört über dessen Sohn beschwert habe. 2007 verlor Digel seinen Posten als IAAF-Vizepräsident, angeblich vor allem auf Drängen Diacks, 2015 schied er ganz aus der IAAF aus. In Absprache mit dem heutigen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe hat Digel den Sachverhalt nun der Ethikkommission der IAAF gemeldet, die es seit zwei Jahren gibt. Dort will der emeritierte Professor sich äußern. Gegenüber der StZ sagt Helmut Digel: „Da es bei der Vergabe keine Korruption gab, könnte man allenfalls von einem Versuch sprechen. Dies hat nun die Ethikkommission zu bewerten.“

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