Leitartikel Ohne Auto läuft nichts
Michael Heller, vom 05.02.2010 11:55 Uhr
Stuttgart - Zumindest das Vorzeichen dürfte wieder stimmen. Nach einem beispiellosen Absturz im vorigen Jahr wird die Wirtschaft in der Region in den ersten Monaten 2010 voraussichtlich wieder zulegen. Laut Schätzung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart wird das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller erzeugten Waren und Dienstleistungen, im Gesamtjahr sogar etwas stärker zunehmen als in Baden-Württemberg insgesamt. Die Wirtschaft fasst wieder Mut, und dazu besteht auch Anlass. Es deutet sich der bekannte Konjunkturverlauf an.
Aufgrund ihrer stark exportorientierten Industrie leidet die Wirtschaft in der Region stets besonders, wenn rund um den Globus Flaute herrscht - und sie wächst, wenn die Weltwirtschaft auf Touren kommt. Die vielleicht wichtigste Orientierungsgröße für die Unternehmen im Großraum Stuttgart hat in der vergangenen Woche der große Autozulieferer Bosch vorgegeben: Die Stuttgarter rechnen damit, dass in diesem Jahr die weltweite Autoproduktion um 10 bis 15 Prozent steigen wird - vor allem dank der Dynamik der asiatischen Märkte wie China. Dass im Kontrast dazu zum Beispiel die Fahrzeugzulassungen in Deutschland einbrechen werden, weil es keine Abwrackprämie mehr gibt, ist für das Management von Daimler, Bosch & Co. von geringerer Bedeutung. Für diese Männer ist zu Recht der Weltmarkt der gültige Maßstab.
Jeder Sechste von Autobranche abhängig
Das sind gute Perspektiven für die hier ansässigen Konzerne. Damit ist aber noch nicht die Frage beantwortet, ob sich die Region als Wirtschaftsraum und die hier arbeitenden Menschen in gleicher Weise freuen können. Das ist jedoch entscheidend, denn der Großraum Stuttgart ist total abhängig von der Automobilindustrie. 180.000 Menschen stehen bei Herstellern, Zulieferern, Händlern und Dienstleistern auf der Lohnliste. Damit arbeitet jeder sechste sozialversicherungspflichtig Beschäftigte der Region in der oder für die Autobranche.
Die von Überkapazitäten geplagte Industrie, in der weltweit zumindest jeder fünfte Arbeitsplatz als überflüssig gilt, macht gegenwärtig in mehrfacher Hinsicht einen Wandel durch. Das größte Fragezeichen steht gewiss hinter dem Stichwort Elektromobilität. Noch ist offen, ob und wann sich das Elektroauto auf dem Markt durchsetzen wird. Und falls dem Elektroantrieb die Zukunft gehören sollte, dann ist noch nicht beantwortet, welche Hersteller und Zulieferer den Markt dominieren werden - die etablierten oder Neulinge zum Beispiel aus dem Elektronikbereich?
Aber das ist Zukunftsmusik; die Branche hat vermutlich hinreichend lange Zeit, sich auf diesen Wandel einzustellen. Auf ein drängenderes Problem weist jetzt IHK-Präsident Herbert Müller hin, der die hiesige Fixierung auf die Exportstärke ernsthaft infrage stellt. Unsere Überschüsse im Außenhandel sind die Defizite anderer Länder. Und Defizite, die mit Schulden finanziert werden, führen zu Ungleichgewichten, die die Weltwirtschaft instabil machen. Hinzu kommt, dass ausgerechnet die Länder, die sich Importe leisten könnten, daran kein Interesse haben - zumindest, soweit es um das Automobil geht.
Siehe China: wer auf diesem Riesenmarkt Autos verkaufen will, muss dort auch produzieren. Auch andere Trends laufen den Interessen der Belegschaften in der Region zuwider. Siehe Daimler: aus Kostengründen wird die A-Klasse künftig auch in Ungarn gebaut, und um das Wechselkursrisiko loszuwerden, wird es in einigen Jahren auch eine C-Klasse made in USA geben. Unter dem Strich bedeutet das für die Region aber nur, dass in der Autoindustrie nicht in großem Stil neue Jobs geschaffen werden. Der Bestand kann durch Anstrengungen und ständige Innovation aber verteidigt werden, zumal die Karten - siehe Elektroauto - immer mal wieder neu gemischt werden. Er muss sogar verteidigt werden, denn eine Alternative hat die Region nicht.