Lenkungskreis zu Stuttgart 21 Bei S 21 zeichnet sich weiterer Verzug ab

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Bahnvorstand Ronald Pofalla hält sich bei der Sitzung des Lenkungskreises zu Stuttgart 21 mit Prognosen zurück, was Kosten und Termine angeht. Konkrete Zahlen gibt es erst nach einem Gutachten im Dezember. Stadt und Land geben sich damit zufrieden, obwohl sie im Vorfeld auf eine schnellere Klärung pochten.

Was die Bauarbeiten am Bahnhof endgültig kosten und wann das Projekt abgeschlossen wird, soll im Dezember klar sein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Was die Bauarbeiten am Bahnhof endgültig kosten und wann das Projekt abgeschlossen wird, soll im Dezember klar sein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Im Dezember soll Klarheit darüber herrschen, was Stuttgart 21 am Ende kosten und wann es in Betrieb gehen kann. Die Bahn lässt bis dahin ihre intern erhobenen Zahlen zur Termin- und Kostensituation beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 ein weiteres Mal von externen Gutachtern überprüfen. Das sagte Bahninfrastrukturvorstand Ronald Pofalla im Anschluss an die 19. Sitzung des Lenkungskreises, zu dem am Freitag Landesverkehrsminister Winfried Hermann, Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) sowie Regionaldirektorin Nicola Schelling im Stuttgarter Rathaus zusammen gekommen waren. Im Vorfeld hatten sowohl Stadt und Land gefordert, beim Treffen des Spitzengremiums konkretere Aussagen zum Inbetriebnahmezeitpunkt sowie zu den Gesamtkosten zu bekommen.

Erfahrene Gutachter in Sachen S21

Bis zur Sitzung des Bahn-Aufsichtsrats, die für Dezember vorgesehen ist, sollen Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft pwc sowie des Ingenieurbüros Emch+Berger, die von der Bahnprojektgesellschaft Stuttgart-Ulm (PSU) zusammengetragenen Zahlen zur Kostenentwicklung und zum Stand der Bauarbeiten überprüfen. Offenbar laufen der Bahn die Kosten davon. Pofalla begründete die abermalige gutachterliche Überprüfung auch mit der Entwicklung der allgemeinen Baupreise. Im Sommer habe eine Ausschreibung von S-21-Arbeiten Angebote nach sich gezogen, „die exorbitant von unseren Ansätzen abwichen“, so Pofalla. Nach langem Ringen habe sich die Bahn aber zur Vergabe durchgerungen. Eine neuerliche Ausschreibung hätte zu einem zeitlichen Verzug von zwei bis drei Jahren geführt. Damit wäre der Bahnhof 2024 in Betrieb gegangen. Die dadurch entstehenden Mehrkosten würden über dem liegen, was die Bahn nun ihrem Auftragnehmer mehr als ursprünglich gedacht bezahlen muss.

„Wir sind in Sorge ob dieser Information“, sagte Landesverkehrsminister Winfried Hermann. Es sei gleichwohl gut, dass bald Klarheit herrsche. Nach der Sitzung sehe er auch gute Chancen für den zweigleisigen Ausbau des Abzweigs im Neckartal, der sogenannten Großen Wendlinger Kurve. Hermann zeigte sich zuversichtlich, dass im Rahmen der Koalitionsverhandlungen in Berlin auch die Finanzierung dieses Ausbaus gesichert werden kann. Der Grüne verwies auf das Beispiel des Bahnhofs in Merklingen. Der war in den ursprünglichen Planungen nicht vorgesehen, wird nun aber doch gebaut – „und dies, ohne Verzögerung für das Gesamtvorhaben zu verursachen“. Ähnliches schwebt ihm für die Wendlinger Kurve vor. Lob gab es für die Bahn für ihr Bauen im Anhydrit. Es hätten sich bislang keine Risiken gezeigt. Das gewählte Verfahren scheine sich zu bewähren. „Es ist aber sehr teuer und zeitraubend“, so Hermann.

OB Kuhn hofft auf ehrliche Zahlen der Bahn

OB Fritz Kuhn knüpfte an das Gutachten die Hoffnung, „dass die Bahn dann eine Zahl nennt, an die sie auch selbst glaubt, und keine didaktische Zahl mehr“. Der Rathaus-Chef spielte damit auf das Beharren der Bahn an, bis heute 2021 als Inbetriebnahmedatum zu nennen – um den Druck auf den Baustellen aufrechtzuerhalten. Zufrieden zeigte Kuhn sich mit den Antworten, die er auf Fragen zur Sicherheit beim Tunnelbau bekommen habe, etwa ob in Stuttgart Vergleichbares wie in Rastatt passieren könne. Die Bahn habe auf die unterschiedlichen Verfahren und geologischen Voraussetzungen verwiesen. Im Vorfeld der Sitzung hatte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 in einem Brief an Kuhn und Hermann aus seiner Sicht bestehende Parallelen zum Unglück beim Tunnelbau in Rastatt aufgezeigt. OB und Minister vertrauen an dieser Stelle der Bahn. „Wir haben Antworten auf unsere Fragen bekommen. Wir reden konkret miteinander, das ist ein Fortschritt“, erklärte Kuhn.

Regionaldirektorin Nicola Schelling plädierte für die große Lösung in Wendlingen. Diese sei aus Sicht der Region wichtig und stelle einen tatsächlichen Mehrwert dar. „Wir dürfen uns künftige Chancen für die S-Bahn hier nicht verbauen.“

Die nun bekannt gewordene Begutachtung der Bahn-Zahlen ist nach 2012 und 2015 die dritte Bestandsaufnahme. Nach der Projektdurchsicht, die im Jahr 2015 begonnen wurde, räumte der damalige Bahn-Infrastrukturvorstand Volker Kefer ein, dass die Inbetriebnahme 2021 nur dann zu halten sei, wenn ein bereits zu diesem Zeitpunkt aufgelaufener Verzug von zwei Jahren wieder wettgemacht werden könne.