Leonberg Das ist der Mann, der mein Kind getötet hat

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Im Seehaus haben Opfer und Täter von Straftaten miteinander gesprochen. Ein Vater, der die eigene Tochter wegen eines betrunkenen Autofahrers verloren hat, trifft dabei auf einen jungen Mann, der eine ähnliche Tat begangen hat.

Das Seehaus in Leonberg. Foto: factum/Archiv
Das Seehaus in Leonberg.Foto: factum/Archiv

Leonberg - Es ist erklärtes Ziel des Leonberger Seehauses, dass sich die jugendlichen Straftäter mit ihren Taten ­auseinandersetzen. Zu diesem Zweck sind Gespräche zwischen Tätern und Opfern fester Teil des offenen Strafvollzugs am Glemseck. Als beide Seiten am ­Mittwochabend von ihrem Austausch ­berichtet haben, hat das einen ganzen Saal zu Tränen gerührt.

Zwei Polizisten klingeln um drei Uhr in der Früh an der Tür einer Familie in der ­Nähe des Bodensees. „Machen wir es kurz“, sagt einer der beiden Beamten, „Ihre ­Tochter hatte einen Unfall. Sie hat es nicht überlebt.“ Das 17-jährige Mädchen war zu Fuß unterwegs und wurde frontal von einem Auto erfasst. Der Fahrer hatte mehr als zwei Promille Alkohol im Blut. Er war versehentlich auf die falsche Spur geraten.

Der junge Mann war bereits mehrfach mit Alkohol am Steuer erwischt worden, später verurteilte ihn ein Gericht zu einer ­Bewährungsstrafe. Die Nacht des Unfalls ist nun neun Jahre her.

Der Vater des getöteten Mädchens ist heute Teil einer Gruppe von Menschen, die sich im vergangenen Monat mehrfach im Seehaus getroffen hat – unter ihnen sind drei Opfer von Straftaten und vier Täter, die ihre Strafe im Seehaus ­verbüßen.

Als der junge Mann am Mittwochabend ans Rednerpult tritt, ahnt noch keiner der Gäste, was folgen wird. „Ich war ganz unten“, sagt er, „eines der Opfer, mit denen wir uns getroffen haben, hat fast genau das erlebt, was ich anderen Menschen angetan habe.“ Danach beginnt der ­Familienvater vom Bodensee seine Geschichte: „Am ­Freitag ist der Todestag meiner Tochter“, sagt er mit dünner Stimme. Er erzählt, wie er und seine Familie die Jahre nach dem Tod der Tochter überstanden haben und ­weshalb er sich auf das Projekt am Seehaus eingelassen hat. „Unser Familienleben war glücklich“, sagt der Vater, „bis zu diesem Tag. An diesem ­Ereignis sind meine Ehe und meine Familie um ein Haar zerbrochen.“

Die Täter sollen begreifen, was ihre Taten bei Menschen auslösen. Das ist der Grund, warum Seehaus-Chef Tobias Merckle und seine Mitarbeiter stetig auf der Suche nach Gesprächspartnern für ihre Jugendlichen sind.

„Schon ein ­Handtaschenraub kann beim Opfer ­Angstzustände auslösen“, sagt Merckle, wenn er nach den Gründen für die Opfer-Täter-Gespräche gefragt wird. „Außerdem können die Opfer auf diese Art manchmal Ruhe finden und mit dem ­Erlebten abschließen.“

„Am schlimmsten war der Moment, als ich meinen anderen Kindern vom Tod ihrer Schwester erzählen musste“, sagt der ­Familienvater, „den Schrei unserer ­Jüngsten werde ich niemals vergessen ­können.“ Von dem zu sprechen, was in der Nacht vor neun Jahren ­geschehen ist, fällt dem Vater nach wie vor schwer. Während er redet, wischt er sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht. Auch seine Zuhörer bleiben nicht ungerührt – schon nach ­wenigen Sätzen ist im ganzen Saal leises Schluchzen zu ­hören.

Nach dem Verlust der Tochter hatte der Vater ­irgendwann das Bedürfnis, den Mann zu treffen, der seine Familie mit seiner ­Trunkenheitsfahrt ins Unglück ­gestürzt hatte. „Meine ersten ­Kontaktversuche wurden abgeblockt“, ­erzählt er, „sein ­Anwalt hatte dem Täter ­geraten, nicht mit der Familie des ­Mädchens zu sprechen.“ Doch der Gedanke an ein Treffen mit dem Täter bleibt.

Acht Jahre später schreibt der Vater dem schuldigen ­Autofahrer einen Brief. „Ich habe ihn darin gefragt, wie es ihm mit seiner Tat und der damit verbundenen Schuld geht“, erinnert er sich.

Die beiden Männer treffen sich. „Es war das sinnvollste, was ich jemals getan habe“, beschreibt der Familienvater das Gespräch mit dem Mann, der seine Tochter getötet hat. Er erzählt von der Angst des Täters vor der Rache der Hinterbliebenen. Davon, dass dieser von Nachbarn als Mörder ­beschimpft wurde, und davon, wie er dem Täter vergeben hat. „Der Autofahrer hat selbst eine Tochter und hatte seit dieser Nacht Angst, dass ihr etwas Ähnliches ­geschehen könnte.“

Seine Geschichte hat der Mann vom ­Bodensee auch in den Gesprächen mit den Jugendlichen im ­Seehaus ­erzählt. „Es hat sich eben so ergeben, dass dort einer dabei war, der Ähnliches getan hat, wie der, der meine Tochter getötet hat“, sagt er. „Mit ihm zu sprechen, war sehr bewegend.“

Die beiden berichten davon, wie man sich am Ende eines der Abende einfach nur ­gegenüber stand. „Irgendwann habe ich ihn einfach umarmt“, erzählt der Familienvater. „Da habe ich gespürt, wie sich Reue und Vergebung anfühlen.“ Mittlerweile gibt es im ganzen Saal des Seehauses kaum noch ein trockenes Auge. Für den jungen Mann, der im offenen Vollzug am Glemseck seine Strafe absitzt, hat sich nach den Opfer-Täter-Gesprächen viel verändert. „Es war wichtig für mich, die andere Perspektive kennenzulernen“, sagt er am Ende des Abends. Er hat für sich den Plan gefasst, nun selbst mit der Familie in Kontakt zu treten, die unter seiner Tat ­leiden muss.