Leonberg Ein Spieler bleibt immer ein Spieler

Von Bartek Langer 

Zocker stehen nicht allein da: Jetzt gibt es eine spezielle Selbsthilfegruppe für Betroffene.

Ein  erster, sehr wichtiger Schritt für Spielsüchtige: die Bankkarte  abgeben. Foto: dpa
Ein erster, sehr wichtiger Schritt für Spielsüchtige: die Bankkarte abgeben.Foto: dpa

Leonberg - Der junge Mann holt einen roten Chip mit einer „6“ aus seiner Hosentasche und runzelt die Stirn. „Das stimmt nicht ganz“, sagt er und grinst. „Ich habe vor sieben Monaten zum letzten Mal gespielt!“ Das runde Plastikstück mit einer Zahl für die spielfreien Monate, ist eine kleine Motivation. Motivation, um die Finger vom Glücksspiel zu lassen. Der Versicherungskaufmann war nämlich drei Jahre lang spielsüchtig.

Zunächst versuchte er sein Glück bei Fußballwetten, später saß er an Spielautomaten und verzockte sein Geld am Ende im Internet. „Irgendwann kam der Tag X“, sagt er und meint damit den Zeitpunkt, als er die Selbstkontrolle verlor. Von da an drehte sich alles nur noch ums Spielen.

Der 31-Jährige sitzt mit sechs Schicksalsgefährten in einem Stuhlkreis und nippt an seinem Kaffeebecher beim wöchentlichen Treffen einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Spielsucht­Problemen. Das Suchthilfezentrum der Diakonie bietet das Gratisangebot seit gut einem Jahr an. „Die Treffen richten sich an Menschen mit problematischem Glücksspiel, die entweder spielfrei sind und bleiben, oder die spielfrei werden wollen“, erklärt die Therapeutin Margit Asmus. Dort werden rund 40 Betroffene aus dem Altkreis betreut.

Auch Angehörige dürfen kommen

Einige von ihnen kommen dann einmal in der Woche zur Gruppensitzung, bei der auch Familienangehörige willkommen sind. Die zweistündigen Treffen wirken sich positiv auf die Psyche der Teilnehmer aus und bringen Stabilität in ihr Leben. Denn wer spiele, der durchlebe eine soziale Isolation. „Vertrauensvolle Beziehungen gehen in die Brüche, weil sich die Spieler gefühlsmäßig distanzieren“, weiß Asmus, die im Wechsel mit einer Kollegin bei den Treffen zugegen ist. Die Teilnehmer gestalten die Sitzungen eigenständig. Die Therapeutinnen steuern einzig fachlichen Rat bei, wenn es beispielsweise um die Vermittlung einer stationären Therapie geht.

Der selbstständige Handwerker, seit vergangenem Jahr dabei, könnte ohne die Gruppe dem Glücksspiel womöglich nicht widerstehen. Erst neulich habe er wegen der Krankenkasse in seinen alten Kontoauszügen gewühlt. „An einem Tag 50 Euro, am nächsten wieder 50 Euro, dann 100 Euro“, berichtet der 41-Jährige. Damit sei aber Schluss gewesen, als er der Selbsthilfegruppe beigetreten sei, „Gerade bin ich bei einem Kunden, der ausgerechnet über einer Kneipe wohnt und muss jeden Tag an den verflixten Automaten vorbeilaufen.“ Denn der Gefahr, rückfällig zu werden, sei er sich bewusst. „Ein Spieler bleibt immer ein Spieler“, sagt er über die anerkannte Abhängigkeitserkrankung.

Klar, die Spielsucht steht bei den Treffen im Vordergrund. Doch die Teilnehmer plaudern in der lockeren Atmosphäre über Familie, Job und Hobbys. Sie reißen Witze und ziehen sich dabei schon mal gegenseitig auf, aber ohne dem Gegenüber auf den Schlips zu treten. Gedrückte Stimmung? Mitnichten! Inzwischen haben die Männer sogar eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, um auch zwischen den wöchentlichen Treffen in Kontakt zu bleiben und freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Neueste Idee: ein Sparschwein für gemeinsame Unternehmungen soll her. „Dann geht’s im Sommer in den Biergarten, aber ohne Bier“, schlägt der Handwerker vor, der einst auch ein Alkoholproblem hatte.

Doch das Sparschwein solle dann bitte schön auf „neutralem Boden“ im Suchthilfezentrum verbleiben, rät der Gruppenleiter Michael, der Selbsthilfe-Treffen auch in Böblingen leitet. „Dort hatten wir mal eine Spardose, aber derjenige, der sie verwalten sollte, verzockte am Ende die angesparten 200 Euro.“ Dass Spieler keine Grenzen kennen, das weiß ein 27-jähriger Student, nur allzu gut. „Aber ein Sparschwein plündern, das ist schon hart“, findet er. Wie lange Michael spielsüchtig war, das kann er gar nicht mehr genau sagen. „Mit dem Geld, das ich in all den Jahren verspielt habe, könnte man aber ein Haus bauen“, versichert der 42-Jährige. Die Hemmschwelle vor einem Beitritt in die Selbsthilfegruppe sei bei Glücksspielern groß. „Die meisten wollen sich nicht Fremden anvertrauen“, sagt er. Oder noch schlimmer: „Sie haben Angst, dass sie hier einen Bekannten treffen“, erzählt der Feinmechaniker. Doch die Sorgen seien unbegründet, schließlich teilten sie alle das gleiche Schicksal.