Weitere Kreise
 
 

Leonberg Gefährlich nah donnern die Brummis vorbei

Arnold Einholz, 31.01.2013 11:00 Uhr

Leonberg - Es ist ein mulmiges Gefühl, wenn im Sekundentakt die Vierzigtonner mit 100 Stundenkilometern nur im Abstand von einem halben Meter vorbeidonnern. Doch für Gerhard Schober und sein Team von der Autobahnmeisterei Ludwigsburg gehört das zum Alltag. Ihr Arbeitsplatz sind zwei viel befahrene Autobahnen. Hier sorgen sie Tag für Tag und wenn es sein muss auch nachts dafür, dass alles im Fluss bleibt.

Am Dienstagabend hat der Streckenwart, der täglich die von der Autobahnmeistrei betreuten Straßenabschnitte abfährt und kontrolliert, dem Dienststellenleiter gemeldet, dass sich beim Leonberger Westanschluss auf der A 8 in Richtung München ein Schlagloch aufgetan hat. Das hatte für den Straßenwart Gerhard Schober und seine Kolonne zur Folge, dass sie gestern ausrücken mussten, um den Schaden zu beheben. „Wenn die Autos mit hoher Geschwindigkeit ein solches Loch in der Fahrbahn erwischen, kann es zu erheblichen Schäden am Fahrzeug kommen und zu gefährlichen Verkehrssituationen führen. Deshalb muss das schnell behoben werden“, erläutert der 64-jährige Straßenwart.

Doch selbst die kleinste Baustelle auf der Autobahn ist keine alltägliche Baustelle. Sie ist ein Eingriff in ein System, von dem sich seine Nutzer versprechen, dass sie ungehindert und möglichst schnell vorankommen – und zwar auf allen Bahnen. Und deshalb ist es vor allem das unvermindert hohe Tempo der Autos, die für Schober und sein Team so gefährlich ist, denn ein unaufmerksamer Schritt aus dem gesicherten Bereich hinaus hätte für die Mitarbeiter fatale Folgen.

Langsam – die gelben Rundumleuten warnen die nachkommenden Autos – nähert sich die Autokolonne der Straßenwärter dem Schlagloch in der Fahrbahn. Der Lastwagen mit dem Vorwarnanhänger wird immer langsamer und bleibt 600 Meter vor der Baustelle zurück. Er zeigt den Autos, die aus Richtung Pforzheim kommen, dass sich die Fahrbahn nun von drei auf zwei Spuren verengt. Jetzt werden auch die beiden Lastwagen mit den Sicherungswänden langsamer. Einer bleibt 50 Meter vor der Baustelle stehen, ein weiterer seitlich auf der Abfahrt des Westanschlusses. Sie warnen die Autofahrer ein letztes Mal vor der Baustelle – sie sind der einzige Schutz für Schober und seine Einsatz-Kolonne. Schnell und doch äußerst vorsichtig steigt Daniel Schöneck aus einem der orangen Lastwagen der Autobahnmeisterei und stellt eine Reihe rot-weiß-gestreifter Leitkegel auf. Die Plastikhütchen markieren den Bereich, aus dem hinauszutreten für die Straßenwarte mehr als gefährlich wäre.

„Die Baustelle richtig zu sichern, ist oberstes Gebot und kann Leben retten“, sagt Gerhard Schober. In diesen Worten klingt etwas mit, das zum Weiterfragen verleitet. Gern will der Mann aus Möglingen nicht über jenen Tag im Jahr 1975 reden, der sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt hat. Es war der 6. September, als die Kolonne der Autobahnmeisterei, zu der Schober vor wenigen Monaten gestoßen war – er hatte bereits als Mitarbeiter eine Fremdfirma seit den 60-er Jahren für die Autobahnmeistrei Dienst getan – auf der A 81 bei Freiberg im Einsatz war. Ein VW-Käfer blieb an der mobilen Sicherungswand vor der Baustelle hängen, kam ins Schleudern und rammte den voll besetzten Unimog der Straßenwarte. „Drei Kollegen haben bei diesem tragischen Unfall das Leben verloren“, sagt Gerhard Schober, hält einen Augenblick inne und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen.

„Ach ja, das ist die Stelle mit dem Flüsterasphalt“, weiß Gerhard Schober gleich Bescheid, als er und sein Team das Schlagloch begutachten. Seine Truppe war hier schon einmal im Einsatz. Wahrscheinlich sei bei einem Unfall Treibstoff ausgelaufen, der nicht schnell genug gebunden wurde und deshalb Zeit hatte, sich in den groben Poren des sogenannten Flüsterasphalts zu verteilen. Wegen der besonderen Struktur erzeugen die Autoreifen hier weniger Abrollgeräusche. Nun löst das Öl den Bitumen auf und der Fahrbahnbelag bröckelt aus.